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„Global Village Idiots“ |
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EIN STREIFZUG DURCH DIE BERLINER TRANSMEDIALE 2011
Von Daniel Aschwanden
Als „global village idiots“ bezeichnet Herbert Marshall McLuhan, der als einer der Begründer zeitgenössischer Medientheorie gilt und dessen Geburtstag nun 100 Jahre zurückliegt, nicht nur alle anderen, sondern auch sich selbst – und das bereits in den frühen 1960er Jahren. Er beschreibt das als einen Effekt des Fernsehens und seiner gesellschaftlichen Wirkung auf alle Konsumenten. McLuhan steht – vielmehr sitzt er – im Kinosaal des HKW, des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin, dessen Räumlichkeiten der Transmediale 2011 als Hauptveranstaltungsort des Festivals zur Verfügung stehen. Ihm gegenüber unterbreitet Vilém Flusser seine Theorien. Ein Event, der auch als (mediale) Gespensterperformance bezeichnet werden könnte und der, wenn die Frage nach dem Performativen gestellt wird, aufzeigt, wie weit die Grenzen gerade bei diesem Medienfestival offen sind. Wer performt was, wann – und in realer oder virtueller Präsenz?
McLuhan dreht sich in niedrigauflösendem Schwarzweiss – also einem „kalten Medium“ – auf seinem Sessel, auf zwei Bühnen gleichzeitig und trotzdem mit einer Zeitdifferenz von über dreißig Jahren. Allerdings ist er bereits tot: Es wird eine Aufnahme aus einem Fernsehstudio in Kanada in den späten 50er Jahren im Theatersaal des HKW projiziert. Und mittels der Inszenierung auf dem Stuhl möchte McLuhan klarmachen, dass es den monoperspektivischen Standpunkt nicht mehr gibt. In der Gegenwart müsste der Stuhl sich nicht nur um alle drei Achsen drehen, sondern auch im Raum auf allen Achsen bewegen – gleichzeitig würden das auch alle anderen tun, und es wäre nicht nur der Moderator, der mit McLuhan interagieren würde. Bemerkenswert ist McLuhans Bekenntnis, dass er eigentlich gegen alle Entwicklungen sei, die er studiere, angetrieben vom Gedanken, einfach verstehen zu wollen, was passiert – und mit dem Ziel, den Knopf zu drücken, der die Maschine abschaltet.
Versehentlich angeschlossen
Der An-Aus-Knopf, schwarz, rund und gross, findet sich auf dem T-Shirt, das die Transmediale als Franchise-Artikel anbietet – nicht aber in der Performance des japanischen Musikers Ei Wada mit seinem Braun Tube Jazz-Projekt, welches in der Ausstellungsfläche der HacKaWay-Zone angesiedelt ist. Nachdem er versehentlich ein Soundkabel an einen Video-Port anschloss, was den Sound in ein Bild übersetzte, brachte ihn das auf die Idee, das Bild per Kamera aufzuzeichnen und wiederum als Audio-Signal abzuspielen, um den ursprünglichen Sound zu erhalten. Ausgehend von dieser Technik kombinierte er – entsprechend der Tonanzahl einer Oktave – Röhrenfernseher mit an einen PC angeschlossenen Videorekordern. Das Ergebnis war ein gamelanartiges Perkussionsinstrument: Während nun aber Ei Wada nach sakralem Beginn seinen alten Fernsehern rasende Trommelwirbel entlockt und ekstatisch durch die altarhaft aufgetürmte Installation hüpft und trommelt – hat das in der Performance der Zuschauer die völlig gegenläufige Wirkung: Alle stehen still. Wie eingefroren.
Ob das mit dem Starren auf die kleinen Videoschirme einer Vielzahl von Gadgets zu tun hat, mit denen sie das Geschehen aufzeichnen oder eben der hypnotischen „Idiotisierung“ durch die Fernseher entspricht, ist schwer zu sagen. Vielleicht ist das Publikum auch nur beeindruckt. Während die Rhythmen innere Bilder von orgiastisch tanzenden elektronischen Wilden evozieren, ist in den Körpern der Zuschauer keine Bewegung auszumachen – völlig entgegen einer anderen McLuhanschen Hypothese, nach der die Bild-Medien uns wieder zu Stämmen machen, einen neuen Tribalismus begründen – vielleicht konstituieren sie eben nicht-tanzende Stämme. Dafür könnten tausende übergewichtige Fernsehkonsumenten ein klares Zeugnis ablegen. Ei Wadas Tanz hingegen revolutioniert nicht nur die alten „interfaces“. Tatsächlich vollführt er auch eine große medientheoretische Operation im Sinne einer Medienübersetzung, indem er das übermächtige Paradigma des Visuellen in dasjenige des Auditiven überführt und die entsprechenden Videosignale nutzt, um Klänge zu erzeugen.
Ebenfalls in der HacKaWay Zone, „dem Ort, an dem komplexe Sachverhalte technologischer und gesellschaftlicher Systeme kritisch und zugunsten neuer, alternativer Wirklichkeiten de- und rekonstruiert werden“ sind Tänze der ganz anderen Art zu sehen. Inszeniert vom Biomedienkünstler Paul Vanouse, der sich in einem kurzen Gespräch nach seiner Lecture Performance als Choreograf outet. Zumindest hält er diese Lesart seiner performativen Installation und gleichzeitig molekularbiologischen Live-Laboratoriums Latent Figure Protocol für möglich. Diese nutzt DNA-Proben zur Bildherstellung. Hier „tanzen“ durch Enzyme abgespaltete DNA – Segmente im unter Strom gesetzten Gelbad (Gelelektrophorese) und formieren sich zu berechenbaren „Icons“ – sei es das altbekannte Piratenlogo mit Totenkopf und Knochen oder ebenso ironisch das „genetisch“ nachgestellte Copyrightzeichen.
Es ist eine Frage der Zeit
Als Laie versteht man unter dem Begriff „DNA-Fingerabdruck“ fälschlicherweise oft das einzige und einzigartige menschliche Identifikationsmerkmal und stellt sich dessen komplexe Verbindungsmuster gern als einen feststehenden Satz vor, den Mutter Natur eigenhändig für jedes einzelne Wesen geschrieben hat. Vanouse ist aber davon überzeugt, dass das DNA-Gelbild ein kulturelles Konstrukt darstellt, das zu oft als naturgegeben verstanden wird, eine These, die er mit Latent Figure Protocol künstlerisch untermauert. Bereits seit zehn Jahren ist es ihm ein Anliegen, die undurchsichtig anmutenden Codes wissenschaftlicher Kommunikation aus der mythisch überhöhten Isolation dieses Sektors zu lösen und in einer allgemein verständlichen kulturellen Sprache anzusiedeln. Mit Projekten wie dem Suspect Inversion Center, in dem er live aus seiner eigenen DNA identische genetische Fingerabdrücke gesuchter Krimineller und Prominenter herstellt, leistet Valouse seinen Beitrag zur Subversion zeitgenössischer Wissensbilder durch Kunst mit Biomedien. Oder er zeigt im Relative Velocity Inscription Device ein zynisches Wettrennen, bei dem DNA-Moleküle ihre genetische Fitness testen. Beide Projekte konnten parallel zur Transmediale in einer von Jens Hauser kuratierten Ausstellung in der Schering Stiftung betrachtet werden.
Eines der stärksten Elemente des Festivals bleibt die „Sozioarchitektur“ der sogenannten Open Zone. Das bekannte Architektur-Kollektiv Raumlabor hat dafür den räumlichen Rahmen für die in schnellem Takt wechselnden Workshops und Präsentationen geschaffen. Ein Handlungsraum, in dem keine eindeutige Differenzierung mehr zwischen Bühne und Tribüne besteht. Akteure und Zuschauer bewegen sich frei und eignen sich in Echtzeit die unterschiedlichen Räume an. Hier findet etwa im intimen Gespräch durch die Mitglieder von Kom.post die „Übertragung“ einer fiktionalen Choreographie statt, die genauso im virtuellen Raum des Internet verortet wird wie in den Köpfen des mitperformenden einzelnen Gastes. Oder es kommen spontan Gruppen zusammen, welche „die Währung der Commons“ diskutieren. In der Open Zone gibt die Transmediale die stärkste Antwort auf die im diesjährigen Festivalmotto „response-ability“ spielerisch aufgeworfenen Fragen nach Verantwortung und Möglichkeiten des Agierens in der zeitgenössischen Mediengesellschaft.
Stärker vielleicht als in der durchaus faszinierenden „Performance“ des Videos Inject von Herman Kolgen im Programmschwerpunkt Live:Response, das trotz oder gerade wegen seiner hervorragenden Bildqualitäten allzu sehr in der Glorifizierung seiner technischen Brillanz stecken bleibt. Oder ebendort Face Visualizer von
Daito Manabe, dessen special guest Ei Wada mit seinen spontanen und auf Grossleinwand übertragenen Körperreaktionen das Setting eher unfreiwillig parodiert, indem die Gesichter der beteiligten Künstler mit elektrischen Computersignalen stimuliert werden. In einer Diskussion im Rahmen der mit bis zu 800 Zuhörern jeweils erstaunlich gut besuchten Konferenz Body:Response – Biomedial Politics in the Age of Digital Liveness zieht schliesslich der italienische Schriftsteller und Theoretiker Franco „Bifo“ Berardi Verbindungen von der digitalen Ökonomie der Gegenwart zur hochaktuellen und gesellschaftlichen Performanz der Aufständischen im Maghreb von Tunesien bis Ägypten. Er sieht darin „einen Aufstand des Fleisches gegen die Aneignung der Zukunft durch die digitale Erstarrung“ und hält eine Ausdehnung dieser Aufstände bis nach Euopa nur für eine Frage der Zeit.
http://www.transmediale.de
(10.2.2011)
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