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Goethe in der Lacke

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LAURENT CHÉTOUANE SPIELT MIT FAUST 2 AN ARTAUD IM WIENER BRUT

Von Helmut Ploebst


In der Bildzeile zu einem Foto, mit dem die Wiener Tageszeitung Der Standard einen Text über den Regisseur Laurent Chétouane illustriert, ist folgendes Zitat zu lesen: „Im Haus meiner Großeltern in Frankreich haben wir täglich acht Stunden Goethe gepaukt.“ Das klingt grausam, schon allein wegen des Wortes pauken, und doch aber auch faszinierend. Oma und Opa imprägnieren den Enkel und die Seinen systematisch mit den Visionen des Geheimrats. Trotzdem begreift der aus Frankreich stammende und jetzt in Berlin arbeitende Künstler etwa „Faust II“ nicht als Bibel, sondern „als ein Riesendelirium von Herrn Goethe“.

Im Wiener Theater brut zeigte der junge Aufsteiger Anfang April 2008 einen Ausschnitt aus seiner Inszenierung von „Faust. Der Tragödie zweiter Teil“, die danach zur Gänze im Weimarer Nationaltheater zu sehen sein wird. Der Ausschnitt heißt: „Tanzstück #2: Antonin Artaud liest den 2. Akt von Goethes Faust 2 und“. Das nachgestellte und weist auf eine mögliche Handlung des fiktiven Artaud hin oder auf einen Zustand, in den er dabei verfällt, beispielsweise „und trinkt danach ein Bier“ oder „und gerät dabei in ein Zittern“.

Ein Kleid und das Verraten 

Drei Darsteller spielen die Lektüre. Sie tun dabei einiges, das symbolhaft aufgeladen ist. Zwei junge Männer und eine androgyne Frau sprechen und tanzen, repräsentieren allerdings keine Charaktere, sondern entwickeln Texteinheiten zusammen mit körperlicher Bewegung. Die Bühne ist gleichbleibend neutral ausgeleuchtet. Ebenso gleichmäßig ist der Ernst, den die drei, egal, was sie tun, verbreiten. Kein Expressionismus, kein Existentialismus, keine outrierenden Nachweise von Sturm oder Drang.

Der Faust als Stück ist für Chétouane wie ein Ausschneidebogen, und er hat daraus ein Goethekleid gefertigt, das - lose mit Artaudfäden zusammengeheftet - ruhig im Licht schaukelt. Die jungen Leute sehen so aus, als würden sie im Leben gerne bei einem Kännchen Ingwertee über Politik und Kunst diskutieren. Für sie ist Goethe möglicherweise ein Versucher, von dessen Worten sie sich haben einheizen und in einen Körpertext bringen lassen. Sie wissen ungefähr, wie Tanz geht und bringen das ein.

Nun ist der Tanz aber (auch) eine Methode zur Subversion des Worts. Die Worte wiederum verraten den Körper - oder dem Körper etwas. Chétouane spielt mit dieser Doppelbedeutung des Verratens, aber das Verraten verrät auch den Regisseur. Und zwar genau da, wo der die getanzte Subversion des Worts mit dem goetheschen Text verhakt, wo er sich den Tanz faßbar zu machen versucht. Das wiederum wirkt sich auf die Performance des Tanzens als Handlung aus. Die Spieler tragen auch den Tanz wie einen Text vor oder, wie Philipp Gehmacher sagen könnte, sie tragen ihre Gesten vor sich her.

Marionette als Notlösung 

Tücke des Objekts: als Werkzeug verwendet, wendet der Tanz sich gegen die Darsteller. Er schält sich von ihnen ab, weil er nur als Folie (Umhüllung und Verrückung) verstanden wird. Die Gesten wirken aufgesetzt, erzwungen oder irgendwie herbeigeführt, aufgefädelt wie Einfälle, die weder Täter noch Zeugen überzeugen. Der Tanz der drei Darsteller verebbt stets in der Andeutung, was sich einem unbelasteten Blick durch die schwache Intensität ihrer Präsenz vermittelt.

Das Texttheater ist durch jede Intensivierung des Körperlichen sehr herausgefordert. Das macht sich beispielsweise ebenso in den eher choreografischen Arbeiten der Wiener Gruppe theatercombinat bemerkbar. Auch hier kommen die Bewegungsmuster stets gesetzt daher, werden von Motiv zu Motiv transportiert und beschränken sich auf repetitive Schablonen. Sogar in Christine Gaiggs Stück „Über Tiere“ nach einem Text von Elfriede Jelinek war ähnliches zu erleben. Der Wille zum Text legt den Körper still und sucht ihn nach Bedarf aus dieser Stille zu hieven, was oft zu der Notlösung marionettenhafter Phrasen führt, weil diese die Übertragung des Texts am wenigsten „stören“.

Es ist Chétouane anzulasten, daß er sich mit den Möglichkeiten der Textbearbeitung durch Tanz offenkundig zu wenig auseinandergesetzt hat. Text wie Tanz können vorgeschrieben sein, doch der Vortrag von Text und Tanz ist immer ein Ereignis im Jetzt. Vorschriften bewähren sich erst in ihrer unmittelbaren Anwendung. Wenn im Tanz Text einfließt, verändern sich die Eigenschaften seines Vortrags. Er nimmt den Charakter der Geste und die Eigenschaft des Handelns an und damit ein transtextuelles Format. In der Auflösung seiner Vorrangstellung gewinnt der Text eine andere Qualität, die durch den Verweis auf die Quelle - den sich äußernden Körper - bestimmt wird.

Wasser ist Leben... 

Um den Text so zu gewinnen, muß ein Regisseur ihn als Autorität loslassen. Laurent Chétouane hat dafür offensichtlich keine funktionierende Methode gefunden. Parallel dazu fällt es ihm schwer, mit den visuellen Elementen in seinem Stück umzugehen. Die Symboliken bleiben seltsam flach und leblos im Unterschied zu der Möglichkeit, sie reduziert und mit diskursiver Schärfe in die Handlung zu strukturieren.

Am Ende haben sich die dünnen Artaudschen Fäden gelöst, die Textausschnitte schlenkern lose im Raum, auch bedeutungsvolle Blicke und ein rastloses Durchmessen der Innenkubatur des Theaters oder die passagenweise Entblößung der Körper heben sie nicht aus ihrer Zitathaftigkeit. Es reicht noch nicht aus, nackt in einer Wasserlacke zu platschen und wiederzugeben, daß aus dem Wasser alles Leben komme. Da fehlt etwas, eine Verschiebung, eine Verkörperung oder eine Dimension größerer Widerborstigkeit.

Trotzdem bleibt Chétouane ein vielversprechender Regisseur. Sein Plan ist gewagt und seine plane Dramaturgie allemal herausfordernder als beispielsweise die verkrampften Attitüden der Stefan Puchers dieser Zeit. Bedauerlich also, daß das Stück an seinen eigenen Vorgaben scheitert.


(5.4.2008)