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Good Night & Good Luck

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DIE ERSTE TANZNACHT WIENS VON TANZQUARTIER UND BRUT IM MUSEUMSQUARTIER

Von Elke Krasny


Man könnte beginnen, von dieser Nacht so zu erzählen. Ich rätsle über das Motto. Ich erinnere mich. Ein Film als politische Aussage. „Good Night & Good Luck“ lief vor drei Jahren im Kino. George Clooney führte Regie und spielte die Rolle des Fernsehjournalisten Edward R. Murrow. „Good Night & Good Luck“ ist ein US-amerikanischer Kinofilm, dessen schwarz-weiße Sticker auch heute noch auf den Straßen in dieser Stadt in vielen rudimentären Klebespuren an Straßenlaternen, Elektroverteilerkästen und Regenrinnen zu finden sind. Das Motto ist im Wiener Stadtraum präsent. Es begleitet mich auf meinen täglichen Wegen. Immer freue ich mich, wenn ich es sehe. So auch dieses Mal in neuer Umgebung. Programmatisch, für die erste Tanznacht.

„Good Night & Good Luck“, der Film, spielt in der McCarthy-Ära. Was heißt das für das aktuelle Erste-Tanznacht-Motto? Wo liegen die Parallelen? Fernsehjournalist Edward R. Murrow hatte medial den Kampf mit Senator Joseph McCarthy aufgenommen. Murrow sah die Aufgabe des Fernsehens dort, wo die Zuschauer belehrt, vielleicht sogar inspiriert werden. Es liegt an den Zuschauern, diese Aufgabe des Fernsehens weiter zu tragen. Das Fernsehen hat diese mediale Leitfunktion einer inspirierenden Belehrung schon lange aufgegeben. Zumindest in diesem Land.

Die Performance des Publikums

Also vielleicht deshalb dieses Motto. Vielleicht soll es einem mündigen Publikum gelingen, die Träume einer anderen Performance, die man auch als politische Aussagen lesen kann, zu sehen. Der Aufbruch in die erste Tanznacht signalisiert somit auch die eigene Performance des Publikums als Appell einer Erinnerung an dessen Leistung, die die Wahl des Titels suggeriert. So könnte man meinen.

Man könnte beginnen, von dieser Nacht so zu erzählen. Eine Frau liegt auf dem Boden. Sie erinnert sich nicht. Sie beginnt wieder von vorne. Sie sieht sich selbst im Moment ihres Fallens. Sie war oben auf dem Dach.

Oder man könnte beginnen, von dieser Nacht so zu erzählen. Ein Mann schwingt ein Kabel, schneller und immer schneller. Ein Mann spricht von den Schwierigkeiten in dieser Stadt. Ein Mann sagt: „Passt auf eure Köpfe auf.“ Ein Mann spricht von den vielen alten Bewegungsspuren im Raum.

Oder man könnte beginnen, von dieser Nacht so zu erzählen. Eine Frau sitzt auf ihrem Sessel. Sie ist gerüstet. Sie hat alles in ihren Overall gepackt. Ihr Körper ist ihr mobiles Zuhause. Sie hat ihre Fair-Trade-Wasserflaschen dabei. Sie wird sie verteilen. Sie hat ihre Arbeiter-Boots auf dem Rücken in den Overall gepackt. Sie wird sich des Overalls entledigen. Sie wird die Schuhe anziehen. Sie wird ein Kleid und ein Haarband aus dem Overall ziehen. Sie wird sich umziehen. Sie wird in ein anderes Paar Schuhe zum Hineinschlüpfen aus dem Overall ziehen. Sie wird sich vollständig wandeln. Sie wird ihre ganze Emotion in ihre Stimme legen. Sie wird den Raum mit ihrer gebündelten Energie in den Bann ziehen.

Oder man könnte beginnen, von dieser Nacht so zu erzählen. Eine Frau hat einen Rosenwasserspray eingekauft. Rose Light. NIcht billig, kostet 20 Euro, wie sie betont, während sie alle einsprüht. Diese Frau zieht alle in ihren ununterbrochenen Redeschwall, der auch auf jede Unterbrechung mit schlagfertiger Eloquenz reagiert. „Entspannung ist das halbe Leben“, sagt sie. Und: „Daran erkennt man die Dämonen, dass sie bei den schönen Sachen zuwider sind.“ Sie will ein Ritual durchführen. Sie möchte eine Teufelsversöhnung herbeiführen. Sie hat es nicht leicht, diese Frau. Denn sie hat schon beim Vorbereiten gewusst, dass das Publikum so nicht mitmachen wird wollen, wie sie sich das gedacht hat. Mit dem Mitmachen ist das nämlich so eine Sache in der zeitgenössischen Performance. Viele mögen das nicht wirklich, aber sie gehen trotzdem hin. Die Teufel für die sieben Todsünden werden auf die Sitzreihen verteilt. Ganz oben, in der letzten Publikumsreihe, da residiert die erste Todsünde, der zum Hochmut verführende Lucifer. Nach unten hin wird es mit den Teufeln angenehmer. Ganz vorne sitzt dann mit Belphegor die Trägheit.

Das Individuum schlägt zurück

Oder man könnte versuchen, eine spezifische, dramaturgisch geleitete Programmierungskonsequenz in der Interpretation aufzuspüren. Die Tanznacht als choreografische Parallelaktion gleichzeitiger, einander überschneidender Aufführungen an unterschiedlichen Orten des Museumsquartiers, zwingt zur Wahl. Meine Wahl fiel auf vier Ein-Personen-Choreografien, auf vier Ein-Personen-Ereignisse mit unterschiedlicher Begleitung. Die drängenden Identitätspolitiken der 1980er Jahre sind in die postpubertären Jahre gekommen. Der Furor der postmoderne Beliebigkeit ist passé. Der Tod des Subjekts ist ad acta gelegt. Das Ich nimmt all seine performativen Kräfte zusammen. Das Individuum schlägt zurück. Diese Kraft des Einzelnen, des Individuellen, wird zur künstlerischen Endlosressource. Geschichten und Erinnerungen, der Stärken und Emotionen, der Bewegtheiten und Bewegungen, kommen aus der einen Person in der Situation der Performance. Und auf die Konsequenzen dieser Individualität setzen alle vier dieser performativen Eingänge in die Stationen der langen Nacht des Tanzes.

Lisa Hinterreithner stürzte 1996 während einer Tanzprobe vom Dach und verletzte sich lebensgefährlich. Ihre Zuschauer und Zuschauerinnen positioniert sie in schwindelerregend vielen Metern Höhe auf der Brücke des Museumsquartiers, die vom Leopold-Museum Richtung Breite Gasse führt. Maximal dreißig Menschen dürfen auf diese Brücke hinauf. Die Eingänge werden bewacht, der Lift, die Stufen. Zufällig vorbeigehende Passanten werden informiert, dass sie passieren dürfen. Die extreme Situation des Sturzes in den Abgrund bearbeitete Hinterreithner 2008 in einer Performance. Nun verlagerte sie „wieder 1“ in ein wieder 1. Die autobiografische Spur in die Ohnmacht der Nicht-Erinnerung, in das Trauma des Fallens, in das Wiedererlernen der Bewegungen wird zum Spiegelverhältnis.

So wie sie sich während des Fallens aus der Perspektive der Distanz noch einmal sah, sieht sie sich im Spiegel, wie das Publikum sieht, wie sie sich im Spiegel sieht. Das Eigene wird den fremden Blicken anvertraut. Die Nähe wird auf Distanz geschickt. Hoch oben auf der Brücke werden die Zuschauer und Zuschauerinnen in das Gefühl des Fallens versetzt, sie werden ausgesetzt. Fünfzehn Minuten, in einer Performance sind sie schnell vergangen. Nach dem Fall können sie auf Jahre ein Leben verändern. „Komm, wir gehen schnell zur nächsten Station“, sagt die Zuschauerin neben mir zu ihrem neben ihr stehenden Kind, und sie eilen ihrer eigenen Tanznachtdramaturgie entgegen.

Polyphone Begegnung mit Fair Trade

Liquid Loft, 2005 gegründet von Andreas Berger, Stephanie Cumming, Chris Haring und Thomas Jelinek, betitelten ihr Stück mit „Schlagen für die Kunst“. Der, der das Mikro-Lasso schwang und die Stimme erhob, war Chris Haring. Ganz allein setzte er seinen posengeübten Körper in Schwung und praktizierte das Durchhalten. Schlagkräftig ließ er zu anschwellender musikalischer Lautstärkenintensität die kreisenden Bewegungen gegen die bewegten Erinnerungsspuren in der Halle G antreten. Nur kurz kann danach das Schlagen für die Kunst währen. Sonst wird die Anstrengung zu groß.

Moravia Naranjo titelte ihre Performance „skin, voice & memories of someone else...“. Ihre eindrücklich energieverströmende Soloperformance wurde von Live-Musik begleitet, von The Diving Home Band, Peter Panayi, Ric Toldon, Kris Jefferson und Wolfgang Trockner. Choreografische Inputs kamen von Benoît Lachambre. Die kleine Studio-Bühne 3 des Tanzquartiers mutierte zur bebenden translokalen Welt. Exil und Displacement, Erinnerungen an viele Leben und starke Stimmen besetzten Moravia Naranjos Körper und Gesang. Die Inspirationen sind ebenso einprägsam im Ohr wie ihre präsentische Anverwandlung: Billie Holiday, USA, La Lupe, Kuba, Violeta Parra, Chile, Miriam Makeba, South Africa and Lillian Allen, Jamaica, Canada werden in dem einen Körper und der einen Stimme vielgestaltig, vielstimmig evoziert. Der Mix der Zeiten und Welten war stimmig, die polyphone Begegnung über Kontinente und musikalische Einflüsse, über Bewegungsformen und aktuelle Verweise auf Ökonomie und Ressourcen, wie die Fair-Trade-Wasserflaschen, die den Live-Musikern in ihre Ecken serviert wurden, verband sich zu einem Stück, das alles andere war als beliebig. Die Begegnung ist aufgegangen.

Barbara Kraus praktiziert die Kunst des persönlichen, sozialen, fiktionalen und rituellen Storytelling. Barbara Kraus ist eine Künstlerin, die sich auf den Moment vorbereitet. Sie reagiert mit höchster Präzision der Ungezwungenheit im Moment und teilt dies mit. Leider hat sie es zu ihrer eigenen Performance nicht geschafft und deshalb ihr Alter ego als Stand-in geschickt: Aloisia Schinkenmaier auf einer Raststation in Mondseenähe zur Welt gekommen, sucht ihren Teufel. Die Lust an der Dauerreaktion überträgt sich auf das Publikum, das sich des Lachens nicht erwehren kann, aber dennoch seiner Sitzträgheit verhaftet bleibt. In breitestem Dialekt wird das ursächlich Lokale mit dem dämonisch Rituellen zum Stand-Up-Storytelling verbunden. Alpenländische Suche nach „der besten Bösen“ ist nicht einfach. Da müssen auch manche in die roten Höllenpolster springen. Herr Vukic, der Höllenpianist, behält das letzte Wort.

Der Luxus des Flanierens

Man könnte beginnen, sich so von den Eindrücken der ersten Tanznacht zu verabschieden. 27 Künstlerinnen und Künstler bespielten sechs kurzweilige Stunden lang das Museumsquartier. Tanzquartier und brut Wien bündelten ihre Kräfte und mobilisierten die Szene. Ob auf der Bühne oder im Publikum, die Wiener Tanz- und Performanceszene war auf den Beinen. Die lokale Dichte ist ein Phänomen des Netzwerkens. Lange Nächte gibt es viele, von den Museen bis zu den Kirchen, von der Forschung bis zu den Sprachen werden sie zelebriert, um sich eventhaft ins Gedächtnis zu rufen. Das Epitheton Lange haben Tanzquartier und brut Wien nicht vor ihre Nacht gestellt. So blieb sie in frischer Kürze umso präsenter. Das Einzelne war das Bestechende. Jede Station erzählt ihre Intensität. Der Abend bündelte die Energien. Dazwischen wurden die Pausen ausgelassen, weil man etwas versäumen könnte. Das Phänomen programmatischer Verdichtung erzeugt Aufbruchstimmung.

Vieles, was gezeigt wurde, war Bewährtes. Dennoch hat es sich auch für die Erste Tanznacht mit bestechender Frische als eine Station unter vielen anderen bewährt. Der Luxus des Flanierens zwischen 25 verschiedenen Möglichkeiten, in denen jede Besucherin sich ihren eigenen Weg bahnt, ist überzeugender als der eine Abend in einem Ort. Die Vielortigkeit von Performance, außen, im Museum, in anderen Theaterräumen, ist ihre Chance. Sie erzeugt Frische. Die Suggestionen waren kräftig. Das Mikropolitische, das Identitätspolitische, das Einzelkämpferische, das war stark. Die Auseinandersetzung mit den herrschenden Kräften braucht Kraft, wahrscheinlich noch mehr. „Good Night & Good Luck“ als Motto wird als Eindruck, der über den Moment hinaus geht, noch stärkere performative Qualitäten brauchen, um die politische Brisanz des Titelversprechens zu voller Furore auflaufen zu lassen. Die ersten Schritte wurden leichtfüßig, mit Lokalkolorit gesetzt.


(12.10.2009)