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Grenzüberschreitungen |
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ÜBER DAS WERK DER GROSSEN TANZPIONIERIN ANNA HALPRIN
Von Sabina Holzer
Gabriele Wittmann, Ursula Schorn und Ronit Land haben sich unter dem Titel „Anna Halprin. Tanz Prozesse Gestalten“ mit dem Leben und Werk der großen Pionierin des postmodernen Tanzes beschäftigt, die in ihrem Schaffen die konventionell definierten Grenzen zwischen Kunst, Pädagogik, Therapie und politischer Aktion immer wieder überschritten hat.
Das Buch folgt der Entwicklung von Anna Halprin, deren Schaffen in engem Verhältnis zu wesentlichen Eckpunkten der amerikanischen Geschichtsschreibung im 20. Jahrhundert steht: dem Aufbruch in neue Denkrichtungen in Wissenschaft und Kunst in den 20er Jahren, dem jüdischen Exil und ihren Protagonisten in den USA (Bauhaus und die am Black Mountain College beteiligten KünstlerInnen), den Nachwirkungen des Holocausts, Fluxus und der Bürgerrechtsbewegung in den 60er Jahren.
Geprägt von Margaret H'Doubler und Moshé Feldenkrais, hat sich Anna Halprin mit Grundelementen für Bewegung und Choreografie beschäftigt, aus denen sich in weiterer Folge die Techniken des zeitgenössischen Tanzes entwickelten. „Jeder Mensch ist ein Tänzer“, war Halprins Prämisse. Ein Standpunkt, der schon damals von den Mitgliedern des Judson Dance Theater konsequent umgesetzt und weiterentwickelt wurde. [1]
Bewegung, nicht tradierte Form
In der Erforschung von Bewegung, die nicht aus primär tradierten Formen entwickelt wird, stieß Halprin bald auf die emotionalen Prozesse, die von Bewegung ausgelöst werden. Auf der Suche nach einem möglichen Umgang mit diesen Prozessen, arbeitete sie mit Fritz Perls (dem Begründer der Gestalttherapie). Sie beschäftigte sich mit der individuellen Bewegungsfindung (Selbstentfaltung) in Gemeinschaften und entwickelte Modelle für kollektive Prozesse. Die Erfahrung einer Krebserkrankung bewirkte einen weiteren Schritt, sich tiefgehend mit dem transformierenden und heilenden Potential von Tanz auseinanderzusetzen. Ausgehend von den gemeinschaftlichen Konstruktionen von flexiblen Gemeinschaften, gestaltete sie Prozesse als große Gruppenchoreografie, in denen sie – auch in Form von Ritualen – auf gesellschaftliche, lokale und später ebenso auf globale Bedürfnisse einging.
Anna Halprin wendete sich im Lauf der Jahre immer mehr vom konventionellen Kunstmarkt ab. Kunst hat für sie immer die Arbeit am ganzen Menschen bedeutet, und damit stieß sie im Verhältnis zum marktgerechten Produktionsmodus und auch bei der herkömmlichen Kritik auf Unverständnis. Sie ging mit pädagogischen und therapeutischen Prozessen mit grosser Sorgfalt um und bestand darauf, als Künstlerin tätig zu sein und nicht primär als Lehrerin oder Therapeutin.
Gabriele Wittmann, Ursula Schorn und Ronit Land haben selbst direkt Erfahrung in mit der Arbeit von Anna Halprin gemacht. In den ersten beiden Kapiteln beschreiben Wittmann und Schorn ausführlich und klar die systematische Entwicklung von Anna Halprin. Es ist eine Art Grundlagenforschung, in der das Zusammenwirken von künstlerischem Umfeld, konzeptuellen Ansätzen, politischen Auseinandersetzungen und persönlichen Erfahrungen vielversprechend aufgefächert wird. Anschließend widmen sich die Autorinnen den drei Linien von Anna Halprins Arbeit, der künstlerischen, der therapeutischen und der pädagogischen. Darüber hinaus enthält das Buch Dialoge und theoretische Essays. In den Dialogen befragen die drei AutorInnen einander gegenseitig über den Einfluss von Halprins Arbeit auf ihre eigene Position, die dann in einem Essay noch ausführlicher ausgearbeitet wird.
Wie kommunziert Tanz?
Gabriele Wittman erörtert die „Herausforderung an die Kritik“. Ursula Schorn beschreibt ihre Entscheidung, Tanztherapeutin zu werden, die aus der Erfahrung mit Halprins Arbeit entstand. Und Ronit Land formuliert den pädagogischen Impact von Halprins Methoden. Lands „Einführung in das pädagogische Profil Anna Halprins“ ist eine fundierte und anregende Auseinandersetzung mit Lernkonzepten. Über die Fragestellung „Was ist im Tanz kommunikativ und wie? Was ist vermittelbar? Wie kann die individuelle Persönlichkeit innerhalb eines Schaffensprozesses bewahrt bleiben?" [2] umreißt sie anhand der methodischen Konzeptionen von Halprin eine Pädagogik der Sinne.
Die von Schorn beleuchteten therapeutischen Aspekte in Halprins Arbeit sind gut nachvollziehbar. Wobei der Versuch, diese darzulegen, zuweilen in recht simplen Auslegungsmodellen mündet. Das komplexe Verhältnis zwischen ChoreografIn und InterpretIn wird zwar erwähnt, aber die Grenzüberschreitungen, die Grenzoffenlegungen in einem solchen Prozess werden, ausser in einem persönlichen Staunen, nicht tiefgehender beleuchtet.
Auch die „Herausforderung an die Kritik“ wird von Gabriele Wittman nicht wirklich wahrgenommen. Im Vergleich zu den therapeutischen und pädagogischen Reflexionen, die das Buch durchziehen, ist die ästhetische, philosophische oder kunstgeschichtliche Auseinandersetzung eher gering. Der methodische Einfluss auf die Ästhetik des Judson Dance Theater ist präsent, die Ausprägung in ihrer weiteren Konsequenz nicht kunst- und kulturtheoretisch untersucht. Die Nennung von KollegInnen oder eine etwas breiter gefächerte Werkaufzählung ist in diesem Sinne enttäuschend. Was ausbleibt, ist die Beleuchtung konzeptueller Überlegungen und die spezifische Befragungen, welche die Kunst (und nur die Kunst) gesellschaftlich aufzeigen, durchführen, erforschen kann.
Dieser Ausfall der Auseinandersetzung mit den Resonanzen einer ästhetischen Formulierung, wie der von Anna Halprin, ist umso bedauerlicher, weil gerade der Begriff der erweiterten Choreografie, der auf das Werk von Anna Halprin wunderbar anzuwenden wäre, neue Reflexionsebenen eröffnen könnte. Dennoch sind in dem Buch eine Vielzahl von Ansätzen und Formulierungen zu finden, die Tanz und Choreografie in ihrer Komplexität, Intermedialität und gesellschaftliche Relevanz wiedergeben und verdeutlichen.
Gabriele Wittmann, Ursula Schorn und Ronit Land: Anna Halprin. Tanz Prozesse Gestalten. München: K.Kieser Verlag, 2010.
Fußnoten: [1] Siehe: CORPUS – Troublemakers and Mavericks. „Jeder Mensch ist ein Tänzer“ vgl. auch Rudolf von Laban: Die Welt des Tänzers. Stuttgart: Walter Seifert Verlag 1922, S. 3: „Tänzer ist mir jeder neue Mensch (...).“ [2] S. 151.
(8.10.2010)
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