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EIN ZAHNLOSER DANDY NAMENS SEBASTIAN HORSLEY IM BRUT WIEN
Von Katherina Zakravsky
1. Dafür, dass die warme Empfehlung von Prostitution und harten Drogen gemeinhin als Provokation gilt - und ihm angeblich ein Einreiseverbot in die USA eingetragen hat -, kommt Sebastian Horsleys Autobiographie „Dandy im Untergrund“ (neuerdings komischerweise auch auf Deutsch) in den Mainstream-Medien erstaunlich gut an. Ich fand zumindest online kein böses Wort. Deshalb musste Horsley wohl in seiner kleinen, gerade tourenden Lecture Performance zu einem alten Trick greifen und ein paar selbst verfasste Verrisse verlesen, die ihn zum „insufferable cretin“ adelten.
Nun ist aber Horsleys Ruf als selbstverliebtes Monster zum Liebhaben ein klares Indiz dafür, dass die Wiederbelebung des Dandy als Bürgerschreck gänzlich zahnlos ist. Mag sein, dass er, der in einem Samtjopperl und einem grotesk hohen Zylinder aus Regency-Tagen sich auf die kleine Bühne schob, als wäre nicht mehr die neueste Mode, sondern der Theaterfundus die Brutstätte des Dandyismus, irgendwie schon darum weiß, dass diese Geste nur noch zur Standup Comedy taugt. Doch kippte die kleine Show, wie sie sich im Wiener brut präsentierte, des Öfteren in diverse Seltsamkeiten bis Unerträglichkeiten; und es hieße Horsley vielleicht doch unter Wert verkaufen, verziehe man ihm all das, nur weil er es ihn affiger Tracht verbrach.
So etwa - ausgerechnet am Tag der Befreiung von Auschwitz - sein ebenso insistentes wie ödes Lob eines gewissen Adolf Hitler, den er bewundere, weil er, wie auch Margaret Thatcher, die Welt beherrschen wollte, ohne sich um seine Beliebtheit zu kümmern. Nicht einmal die glühendsten Neonazis haben dem Adolf aber je großartigen „Stil“ nachgesagt, für welche Worthülse des tautologischen Individualismus Horsley aber zu leben behauptet.
Horsleys mit dem schweren Meißel des neunzehnten Jahrhunderts gehämmerte Aphorismen - „Beauty is the glove into which charisma slips“ - kamen im brut grundsätzlich gut an, auch wenn er sie aufsagte wie etwas allzu eifrig Gelerntes und dann zu oft Wiederholtes; so hörte man auch bei den Adolf-Bemerkungen viel fröhliches Glucksen. Vermutlich dachte das über Rechtslastigkeit freilich erhabene Publikum, das sei einfach so niedlich wie Prinz Harry, der weiland im Braunhemd zum Ball gockelte. Und in der Tat, so viel Exhumierung alter toter Helden - Quentin Crisp, Lord Byron, seltsamerweise nicht Oscar Wilde, dafür aber Jesus - mag wirklich nicht viel mehr sein als englische Folklore.
Nur auf der von ihrer eigenen Insignifikanz seit längerem geplagten Insel amalgamiert sich der adelige Gestus des 19. Jahrhunderts derart mühelos mit verwandten Moden der Popkultur von Glam Rock bis Punk [1]; nur dort kann sich jener Klassendünkel, ohne den der Dandyismus nicht gedeiht, als höhere Ästhetik gerieren; nur dort gehört eine durch Isolation halb erzwungene und durch Gewaltriten düster eingefärbte Homoerotik so notwendig zur Knabenerziehung, dass narzisstische und misogyne Haltungen weit über das tatsächlich homosexuelle Bevölkerungssegment hinaus die männliche Selbstdarstellung durchdringen. Und von all dem zehrt Horsley als später Erbe.
Es hat mich aber dann schon etwas enttäuscht, dass dieses Buch scheinbar ausführlich von Horsleys biologischen Eltern handelt; denn der Dandy, den zu verkörpern Horsley behauptet, wäre für mich nicht nur ein Wesen ohne Kinder - was Horsley mit einem seiner schwerfällig provokanten Aphorismen fordert: "I would date a child but never have one“ -, sondern auch eines, das sich selbst nochmals hervorbringen könnte, um seine biologische Geburt völlig auszulöschen. Aber vielleicht übersteigt das die Kapazität jenes selbsternannten Dandytums, das sich immer wieder aufs Neue an einen sterilen Männlichkeitskult kettet.
2. 1996 stellte ich fest, dass mit meiner alten Liebe zu England auch mein Glaube an den Dandy geschwunden war. In einem wenig bekannten, jedoch von Walter Pamminger mit hohem Stilbewusstsein gestalteten Ausstellungskatalog habe ich damals sowohl den Dandy wie das Ende meiner Liebe zu ihm einer rigorosen Analyse unterzogen: „Hinter dem Kult um die vollendete Einzelhandlung, dem ‚acte gratuit‘, dem faltenlosen Binden des Halstuchs, dem Lord Byron in Verehrung Beau Brummells [2] ganze Nächte geopfert haben soll, grinst die gemeine Zwangsneurose, die jammervolle Angst des Rattenmannes, welchen Anblick das eigene Genießen wohl in den Augen des toten Vaters machen werde, hervor.“ [3]
Und vielleicht ist so ein ödipales Drama auch der Grund, wieso Horsley sich in einem alle Foltern des Jesus von Nazareth sehr wörtlich nehmenden Karfreitagsritual auf den Philippinen als erster Europäer hat kreuzigen lassen - angeblich, um seine Karriere zu retten. So sehr dieser Akt auch als Parodie jener selbstquälerischen Performancetradition erscheinen mag, der doch die Leichtigkeit des Dandy denkbar fern steht - das anfangs im brut gezeigte Video mit diesem leicht käsigen, aber hervorragend frisierten Mann, der sich still zwei Nägel durch die Hände treiben lässt, einige Zeit auf dem Kreuz verbringt und dann plötzlich in einem ebenso entschlossenen wie komischen Akt vom Kreuz springt, um mit dem Ausdruck intensiven Schmerzes in die Arme der überaus zärtlichen Ritualteilnehmer zu sinken, ließ einen faszinierenderen und vielschichtigeren Menschen erwarten als den kurz darauf seine geborgten Aphorismen vortragenden Gecken, der in seltsam zwanghafter Manier am Hosenschlitz seiner gar nicht so gut sitzenden Hosen nestelte.
Damals schrieb ich: „Die Zeit ist reif, den Dandy vom Sockel seines ennui, vom Sockel seines Heroismus, vom Sockel seines Sockels zu stürzen.“ Ich kann das auch heute nicht zurücknehmen. Dabei liebe ich den narzisstischen, den eleganten und stilvollen Gestus mancher Männer [4] immer noch. Nur sind heute die die besten Dandys, die nicht behaupten welche zu sein.
Fußnoten:
[1] Dem Kontinuum von Oscar Wilde bis Glam und Bowie hat Todd Haynes mit seinem Film „Velvet Goldmine“ (1998) ein wunderbares Denkmal gesetzt. Zu Punk als Quasi-Aristokratie und anderen verwandten Themen vgl. meine Modestudie „Heilige, Gewänder“, Turia + Kant 1994.
[2] Philippa Lowthorpes feiner Fernsehfilm „Beau Brummell: This Charming Man“ (2006) mit dem wunderbaren James Purefoy in der Titelrolle erkundet die Geburt des Dandy in der Grauzone zwischen verunsichertem Adel und parvenuhaftem Bürgertum. Der Habenichts Brummell sonnt sich einige Zeit im Licht eines an der Frage des Kleidungsstils irre werdenden Prinzen. Bei der Gelegenheit begründet Brummell die Revolution der täglichen Körperhygiene; an sich eine durchaus bürgerliche Errungenschaft.
http://www.youtube.com/watch?v=HHcKxAPCKug
[3] Catherina [sic!] Zakravsky: „Der Tod des Dandy“. In Susanne Neuburger (Hg.): Das Doppelte Kleid. Zu Kunst und Mode, Galerie Schloss Ottenstein 28. Juni-15. September 1996. Wien 1996, S. 4.
[4] Eines der profundesten Statements zum britischen Dandyismus stammt übrigens von einer österreichischen (damals noch) Frau, Angela Hans Scheirl, die in „Dandy Dust“ (1998) einen multiplen Charakter verkörpert; der Film ist wohl ein klares Indiz dafür, dass jede Rückkehr zum Dandy als affirmative Männerrolle ästhetisch obsolet ist.
(2.2.2010)
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