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WIE SICH EIN BIOMEDIZINER DIE ZUKUNFT DES KÖRPERS VORSTELLT
Von Helmut Ploebst
„Lasst uns also die Konsequenzen ziehen und den Einwand der Verletzung der Menschenwürde ein für alle Mal aus der bioethischen Diskussion verbannen.“ Mit diesem Absatz schließt ein bemerkenswerter Text in der aktuellen Ausgabe der vielgelesenen Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft (März 2010, S. 70ff). Der Titel des Aufsatzes lautet: „Die Würde des Menschen ist antastbar!“ - mit sehr groß gedrucktem Ausrufezeichen.
Für die Zukunft des menschlichen Körpers hätte die von dem Autor Edgar Dahl, Dozent für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Uni Münster, geforderte Aushebelung des Begriffs der Menschenwürde konkrete Folgen. Dahl führt in zwei Beispielen an, wodurch sich die Biomedizin in ihrer Entwicklung durch Argumentationen mir dem Begriff der Menschenwürde gestört fühlt.
Optimierungswahn: Smarties & Happies
Einerseits die Ablehnung der Erzeugung von Chimären (Mischwesen aus etwa Mensch und Tier) zu Zwecken der Forschung unter anderem zur Bekämpfung von Aids und Krebs: Hier geht es darum, genetische Informationen aus den Zellen etwa HI-Virus-resistenter Tiere in das Genom des Menschen einzuschleusen. Und andererseits des in jüngerer Zeit vieldiskutierten Neuro-Enhancement, oder, wie der Autor auch schreibt, des Neuro-Doping. Dahl versteht nicht, warum uns unter Verweis auf eine dadurch entstehende Verletzung der Menschenwürde der Eintritt in eine schöne neue Welt verwehrt werden soll: „So genannte Smart Pills könnten unsere Konzentrationsfähigkeit und unser Erinnerungsvermögen erhöhen; Happy Pills könnten Befinden und Antrieb steigern.“
Dahl hängt an seinen Aufsatz eine kleine Literaturliste an. Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ ist nicht darunter. Traurig, wenn ein Bioethiker im akademischen Rang es nicht bedenklich findet, daß „Pillen“ an Gesunde verteilt werden sollen, um Konzentration und Wohlbefinden zu steigern. Mit keinem Wort erhebt Dahl Zweifel etwa an den sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen, die den gesunden Körper so unvollkommen erscheinen lassen, daß er medikamentös nachgerüstet werden muß.
Im Sport bezeichnet „Doping“ immerhin noch ein Vergehen. Für diesen Bioethiker aber ist das künstliche Hochputschen des Menschen erstrebenswert, „solange solche Präparate sicher, zuverlässig und nebenwirkungsarm wären“. Dahl verzichtet darauf, darüber nachzudenken, was passiert, wenn die Einnahme dieser Medikamente zur Norm wird und der Leistungsdruck entsprechend gesteigert werden könnte - und wenn ein politisches oder ökonomisches System, das von den Dahlschen Gedopten profitiert, an der Normschraube zu drehen beginnt.
Pfuschen aus Profitgier
Es ist gefährlich, Wissenschaftler auf StudentInnen loszulassen, die solche letztlich immer autoritären Systeme vorauseilend unterstützt, anstatt zu fordern, daß alles, was Neurodopings als wünschenswert erscheinen lassen mag, auf ein menschliches Maß gebracht werden muß: die Arbeitsbedingungen und das soziale System.
Noch gefährlicher ist es, Biotechniker an genetischen Systemen herumpfuschen zu lassen, die bis vor kurzem noch dachten, die DNS bestünde aus irrsinnig viel „genetischem Müll“. Und die jetzt erst zu erkennen beginnen, daß dieser „Müll“ gar keiner ist, sondern aus essentiellen Informationen besteht. Das Genom ist also weder richtig entschlüsselt noch ansatzweise verstanden.
Die Forschung daran ist ein großartiges Unternehmen. Doch die Profitgier mächtiger Unternehmen führt dazu, daß nicht wenige Wissenschaftler sich dazu instrumentalisieren lassen, einer kommerziellen Ausbeutung von Partikularwissen zuzuarbeiten. Forscher, die der Logik solcher Unternehmen und ihrer umsatzpolitischen Ziele folgen, verlassen die ethischen Grundsätze von dem Menschen und seinem Wohl dienender Wissenschaft. Sie nehmen in Kauf, daß wirtschaftliche Paradigmen möglicherweise die Zukunft und Existenz des Menschen zerstören, indem sie in Zusammenhänge eingreifen, die nicht verstanden werden.
Wer den Begriff der Menschenwürde in der bioethischen Diskussion „fast ausnahmslos als ideologische Waffe“ identifiziert, „mit der man seine Gegner mundtot machen will“, hat ein Problem - mit dem Prozeß des Diskutierens. Die von Dahl verdächtigte „Ideologie“ wird von diesem nicht weiter beschrieben. Der Autor zieht sein Verständnis von Menschenwürde über den Begriff der Instrumentalisierung: Menschen dürfen nicht instrumentalisiert werden.
Verbesserungswürdiges Denken
Irritierend ist ein Vergleich, den Dahl in diesem Zusammenhang bemüht: „Neben dem Mann, der eine Frau vergewaltigt, um seine Lust zu befriedigen, gibt es beispielsweise auch die Frau, die mit einem Mann flirtet, um ihren Partner eifersüchtig zu machen. Müssen wir beide Handlungen nun gleichermaßen verurteilen, nur weil beide Handlungen gleichermaßen einen Menschen instrumentalisieren? Sicher nicht!“ Das schockt. Die Instrumentalisierung durch Vergewaltigung soll eine „gleichermaßen“ jener durch Flirt sein? Sicher nicht. Denn beim Flirt besteht eine Wahlmöglichkeit, die bei der Vergewaltigung fehlt. Der Flirt ist hier also eine Taktik und noch keine Instrumentalisierung.
Gut, daß die Diskussion um die Menschenwürde von solchem wirklich „enhancement“-bedürftigen Denken noch nicht dominiert wird. Spektum der Wissenschaft stellt diese als „Essay“ getarnte Polemik, die auf der Titelseite rot unterlegt angepriesen wird, unkommentiert und ohne weiteren Zusammenhang ins Blatt. Warum das so ist, bleibt ein Rätsel.
(18.3.2010)
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