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Hausgemachtes Absturzpotential

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IM WUK ZEIGTE SEBASTIJAN GEČ SEIN STÜCK "MIDNIGHT JUDGEMENT"

Von Benjamin Schoppmann


Ein ästhetischer Schlüssel, der nicht passt

Vorspiel. Von einer Stellwand am rechten Bühnenhintergrund leuchten blaubunte Diabilder. Davor sitzen um einen Diaprojektor drei Personen. Man hört das Klicken des Apparates, wenn sie nacheinander die Dias seitlich hinein und hinaus schieben. Die Fotos zeigen schematisch Körper im urbanen Raum. Sie wechseln schnell.

Im Dunkel des Raumes prägt sich das Bild der Figuren um den Projektor ein. Hinterlegt mit Elektro-Sound. Man will wissen, was sie da tun, zu dritt. Dann wird das Ganze zur Seite geschoben. Wie zuvor die Abbilder, nun der Projektor von den Figuren, als Bild. Statt seinem Licht erscheint nun die volle Bühnenbeleuchtung.

Fallstudie ohne Auffälligkeiten

Die drei TänzerInnen legen sich quer übereinander. Sie beginnen, tappend und tastend, mit Händen und Füßen kletternd, sich auseinander aufzubäumen. Sie stützen sich auf die Gelenke des jeweils anderen; so lange, bis das entstandene Gebäude einbricht. Vielleicht nicht ganz einbricht. Ein Teil steht noch, nur ein Tänzer ist hinuntergefallen, er bleibt kurz liegen, steht dann auf, und blickt auf die beiden anderen. Alle tragen schwarze Sportkleidung und Klettergurte.

Der Gestürzte sucht die nächste Anschlussmöglichkeit an das Gebilde der ineinander verstrickten Körper. Er gliedert sich wieder ein, war nie völlig getrennt, das Ganze war nur aus dem Gleichgewicht geraten. Doch war der Sturz im Grunde mit einberechnet. Wie auch das anschließende Gebilde geradezu darauf angelegt wird einzubrechen, wenn der Tänzer sein Gewicht auf die Rücken der Tänzerinnen verlagert, sich aufbaut, bis alles wieder zusammenfällt.

Die Choreographie folgt weiteren Ein- oder Aufstellungen, sogenannten „Körperarchitekturen“, die auf Kaskadenstruktur oder Dominoeffekt abzielen, deren Absturzpotential allerdings so ausgemacht erscheint, dass sie jeden weiteren Verlauf lediglich ins Vermutbare entlassen.

Zwischenspiel oder ein weiterer Schlüssel?

Obwohl, man sollte nicht ahnen, dass die drei sich nach kurzem Abblenden des Lichts plötzlichem frontal zum Publikum drehen, Watte in ihre Ohren stopfen um sich „künstlich“ aus der Balance zu bringen, und dann mit den Armen zu rudern, bis alle umgefallen sind. Ein Versuch, der „Künstlichkeit“ des dargestellten Fallens mit Ironie zu begegnen oder eine Kursnachahmung der Finanzkrise?

Sie behandeln einander, als würden sie Gepäck verladen. Wie Zementsäcke nehmen sie einander und schlichten sich um oder zurecht, als würden sie Kletterwände zwischen einander einrichten. Sie scheinen dabei keine Unterschiede untereinander zu machen. Ihre Bewegungen funktionieren nach einem choreographischen Plan, der den sozialen Raum seiner Ausdehnung außer Acht lässt, wo er weder die Interaktion zwischen den TänzerInnen noch eine solche mit dem Publikum zum ästhetischen Spiel macht.

Schlussszene

Vor der Stellwand im Hintergrund hängt der Tänzer an einem Kletterseil, und die Tänzerinnen kleben ihn dort in einem Gewebe aus Stage-Tape fest. Jesus, Ikarus, Spiderman oder die Fliege. Als ihn sein Gewicht aus dem Klebegehege sinken lässt, zieht er mit seiner Kraft die beiden Tänzerinnen vom Boden hinauf. Sie baumeln in gedimmtem Licht und zu dramatischer Orchestermusik in der Luft.


(9.12.2009)