Heroin des deutschen Tanzes

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EINE CD-ROM MIT DOKUMENTEN ZUR MARY WIGMAN-SCHULE IN DRESDEN

Von Helmut Ploebst 

Das ist zweifellos eine engagierte Initiative: Dokumente zur Dresdener Mary Wigman-Schule zu scannen und per CD-Rom einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Dies hat Heide Lazarus, Dresden, in Form der schön aufgemachten Compact Disc „Die Akte Mary Wigman" geschafft, offenkundig mit viel persönlichem Engagement und einem Minimum an Budget.

Wigman ist eine historische Größe im Tanz des 20. Jahrhunderts, aber auch eine Symbolfigur für die weltanschaulichen Verirrungen von Künstlern, die ihre Wahnvorstellungen von einem purifizierten Tanzideal ohne Gefühl für die sie umgebende Wirklichkeit auslebten. Sicher ist, daß ihr Name als Heroin (lassen wir die Assoziation zu dem entsprechenden Rauschmittel hier ruhig ein wenig wirken) der Tanzmoderne über eine nur zögernd hinterfragte Legende weiterlebt. Und daß heute de facto nicht mehr überprüft werden kann, ob ihre Werke auch gegenwärtig noch Bestand hätten.

„Völkisches Pathos“

Immerhin gibt es Stimmen wie die von Michail Fokine und Valeska Gert, die das künstlerische Format der Ausdrucksdiva anzweifelten. Wigman existiert also in zahlreichen Erinnerungen weiter, ist vielen zum Mythos geworden und erscheint unter kritischeren Gesichtspunkten als anachronistisches Schreckgespenst und Relikt eines armseligen, nur auf zweifelhaftes Heroentum gerichteten Monumental-Geniekults. Jochen Schmidt sagt ihr zurückhaltend „ein dunkles völkisches Pathos“ nach, „das gelegentlich den Rand des Deutschtümelnden übersteigt".

Einige gerne weißgewaschene „Genies“ des deutschen Tanzes tragen die ethischen Verunsicherungen und Anachronismen der Nachkriegszeit in die Gegenwart. Das ist interessant zu beobachten, weil sich auf den Diskursen etwa über Wigman, Laban, Kreutzberg oder Palucca präzise die ethisch-ästhetischen Muster abbilden, die deren jeweiligen Operateure als Arbeitsgrundlage verwenden. In „Die Akte Wigman“ wird mehrfach auf das vielleicht wichtigste Geschichtswerk zum deutschen Tanz in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts verwiesen: „Tanz unter dem Hakenkreuz“ von Lilian Karina und Marion Kant, erschienen bei Henschel 1996 und erweitert 1999. Karina und Kant erwiesen damals dem Tanz unglaublichen Respekt, indem sie darauf vertrauten, daß eine schonungslose Aufklärung über die Verstrickungen namhafter Künstler, Organisatoren und Kritiker in NS-Dynamiken die Disziplin selbst nicht beschädigen würde.

Fatale Kunstauffassung 

Vielen anderen, die an der Tanzgeschichte stückeln, fehlt dieser Respekt ganz offensichtlich. Doch hat nichts den Tanz während der vergangenen 60 Jahre als Kunstform so hintangehalten wie die Verschämtheit seiner zahllosen „Verteidiger“. Freilich, die politischen Verhaltenweisen einer Mary Wigman oder eines Rudolf von Laban waren keine Jugendsünden, sondern beruhten auf einer aus heutiger Sicht fatalen Kunstauffassung.

Der Titel „Die Akte Wigman“ verspricht auch - wenn nicht gar vor allem - auf dieser Ebene Materialien, die der weiteren Aufklärung der Verstrickungen dieser Künstlerinnen in die Ideologie und Praxis des Nationalsozialismus dient. Leider wird dieses Versprechen nicht eingelöst. Vielmehr werden als „kompromittierend“ deutbare Fakten, wie sie bei Karina/Kant dargelegt werden, schamhaft verschleiert. Einer der Aufsätze, die der Kontextualisierung der Dokumente auf dieser CD dienen sollen, enthält bei aller Integrität mißverständliche Formulierungen von einem angeblichen „Schönheitsbedürfnis“ des Nationalsozialismus, das, wie man doch schon weiß, das oktroyierte „Bedürfnis" nach einem völkisch-heroischen Ästhetizismus war und nichts weiter. Und eine Autorin meint verhalten, es gebe „eine kontroversielle Debatte“ zu Labans Tätigkeit im Zusammenhang des Nationalsozialismus, die sie in ihrem Text „nicht anreißen möchte“.

Die Akte bleibt offen 

Bei Laban ist die Scheu, die Dinge beim Namen zu nennen, besonders groß. Auch Jochen Schmidt läßt in seiner „Tanzgeschichte in einem Band“ die Rolle der Ikosaeder-Ikone als NS-Karrierist unter den Tisch fallen. Tatsächlich erhielt Laban einen Vertrag des Propagandaministeriums, befand sich damit in Goebbels' Diensten (1934-37) und wurde zur führenden Persönlichkeit der Nationalsozialisten für den künstlerischen Tanz. Welche Passagen im theoretischen Werk Labans heute tatsächlich noch interessant sein können, muß ganz sicher aufs Neue überprüft werden. Daß sein künstlerisches Schaffen keine große Sache war, gibt auch die Laban-Expertin Valerie Preston-Dunlop zu. Schmidt zitiert sie mit den Worten: „Er war ein ziemlich schlechter Choreograf.“

Von den sechs Künstlern, die Schmidt zu „Schöpfern des neuen Tanzes“ in Europa erhebt, steckten vier in den Fängen des Nationalsozialismus - und zwar an prominenten Stellen. Wenn nun zwei davon auch noch als eigentlich schlechte Künstler kritisiert werden, dann muß das zu weiteren Forschungen anregen. Und zwar wohl in jene Richtung, die Karina/Kant weisen. In diesem Sinn bleibt die „Die Akte Wigman“ auch mit Heide Lazarus' CD-Rom offen, ebenso die Akten Laban, Kreutzberg und Palucca. Die Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts ist damit noch lange nicht zu Ende geschrieben.


Heide Lazarus (Hg.): „Die Akte Wigman. Eine Dokumentation der Mary Wigman-Schule-Dresden (1920-1942)", Deutsch/Englisch, Edition Tanzdokumente Digital 3, Deutsches Tanzarchiv Köln, Georg Olms Verlag, Hildesheim 2006, ISBN 3-487-12731-8


(11.6.2007)