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Herr Pipi und der Che

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AKEMI TAKEYA PROJIZIERTE “ON-SCREEN #1” IM WIENER CINE CENTER

Von Astrid Peterle


Der Kontrast hätte nicht größer sein können: Im Kino wanderte ein kleiner roter Punkt als Symbol für das ständige Werden des Ichs über die Leinwand, während vor der Tür riesige rote Weihnachtskugeln als Straßen(un)zierde die PassantInnen auf Einkaufs- und Punschrausch einstimmen sollten. Die Erkundung der Mehrdimensionalität des Ichs und des Prozesses der permanenten Transformation zog sich thematisch - zumindest durch den ersten Teil - des Kurzfilmprogramms, das die Wiener Choreographin Akemi Takeya für die neue Reihe „On-Screen“ im Cine Center kuratierte. Der erste Teil bot Arbeiten von Takeya, die einen Bogen von einem frühen Tanzvideo der seit 1991 in Wien lebenden Japanerin bis zum neuesten Work-in-progress spannten.

Den Beginn machte „red point“ mit „s.e.e.d“ und „s.h.o.o.t.“ (2008), eine Videoversion von Takeyas gleichnamigem Performance-Projekt, das sie bisher sowohl in Kollaboration mit der Wiener Band Metalycée und Keiko Higuchi beim Kontraste-Festival in Krems als auch als Soloperformance-Showing im Wiener WUK präsentierte. Die in Zusammenarbeit mit Tanja Tomic (Strukt) entstandenen Videos (zusammen 23 Minuten) beruhen, wie auch die Live-Performance, auf Geschichten Takeyas, in denen sie ihre verschiedenen Identitätsebenen als Privatperson, Künstlerin und Japanerin in Österreich reflektiert. In den geschriebenen und gesprochenen Texten werden durch Multiperspektivität (I, she, you) die unterschiedlichen Subjektpositionen, die Zersplitterung des Ichs betont. In „s.e.e.d“ konfigurieren sich die Wörter ständig neu zu einem Text, verschwinden, tauchen wieder auf, regnen über die Leinwand oder zerbersten ins Nichts. „s.h.o.o.t.“ verstärkt Takeyas Reflexionen visuell durch einen wandernden roten Punkt und eine auf- und abschwellende rote Linie. Das wiederkehrende Motiv des „daydreamerizing“ fügt die einzelnen Identitätsstränge zusammen, ohne jedoch den unabschließbaren Prozess des Werdens zu negieren. Takeyas Körper, den sie in ihren Live-Performances präzise in Raum-, Licht- und Soundgefügen einsetzt, ist in den Videos abwesend. So spannend die Umwandlung der Performance in eine Videoversion auch erscheint - durch die Übertragung in die elektronische erzeugte Zweidimensionalität verliert sie an Kraft.

Auch Zitronenkopfdummies haben Sex

Als zweiter Programmpunkt wurde „Holly Holly Hollyluia“ (1992) präsentiert, ein Tanzvideo, das Takeya mit Anita Kaya in einem verfallenen Haus am Rande von Wien aufnahm. Die Schwarz/Weiß-Ästhetik und die nonnenartigen Figuren unterstreichen den absurd-existentialistischen Tanztheatercharakter des Videos. Als Höhepunkt des Programms entpuppte sich „Modell 5“ (1994-1996), eine Zusammenarbeit von Granular Synthesis und Takeya. Auf vier Bildschirmen ist Takeyas Gesicht in Großaufnahme zu sehen. Zunächst evoziert die Vervierfachung und rhythmische Verschiebung ein und desselben Gesichts ein nahezu meditatives, ruhiges Betrachten. Nach kurzer Zeit kippt dieser Zustand aber in schiere Überwältigung, sowohl akustisch als auch visuell. Die Gesichter werden in ein Hochgeschwindigkeits-Zucken versetzt, eine Auf- und Abbewegung von derart forcierter Beschleunigung, dass sie nur mehr als nickende Fratzen erscheinen. Verwoben mit dem massiven elektronischen Sound erzeugen die Bilder ein erdrückend physisches Gefühl von Schmerz und Grauen. Der Körper wird hier in seiner Metamorphose als Maschine an den Rand der Unaushaltbarkeit getrieben. Im Gegensatz zu Donna Haraways Konzept des Cyborgs eröffnet der von Granular Synthesis geschaffene Cyborg aber nicht ein Feld von Möglichkeiten, sondern verweist vielmehr auf die Unüberwindbarkeit der durch die Affektivität des Körpers immer auch schmerzbeladenen Existenz. „L.S. movie_p-motion“ #1 und #2 boten einen Einblick in Takeyas neuestes „lemon synthesizer“-Projekt. In rot, weiß und schwarz blinkenden Bildern können zwei Künstlerbedarf-Proportionsdummies mit Zitronenköpfen und Verdrahtungen beim Sex beobachtet werden.

Im zweiten Teil des Programms wurden Kurzfilme junger Österreichischer Filmschaffender gezeigt. Wolfgang Schwarzenbrunners „rauscher - amuse gueule“ (2006) spielt mit „algorithmisch und zeitlich dekonstruierter Linearität“. „zwischenERSCHEINENundVERSCHWINDEN“ (2009) von Sarah Prucha zeigt kaleidoskopisch anmutende Muster. Was an Fischeier oder Froschaugen erinnert, entstand aus der geloopten Aufnahme einer Pfanne und dem gescheiterten Versuch einer Karamelproduktion. Unterlegt werden die Bilder mit dem Sound von Nüssen in einem Hamsterrad. In Benjamin Gaiers „Inbetweener - Light Body“ (2006) taucht ein Körper nur als Schatten auf, durchwandert verschiedene Räume und Lichtsituationen, um sich nur in Bruchteilen von Momenten erkennbar zu geben. Tadzio Steins Animation „Übungen für Wohlbefinden“ (2009) lässt einen dummyartigen Körper zunächst yogaähnliche Übungen vollziehen und schließlich in seine Einzelteile zerfallen. Einer Auflösung ist auch Florian Gehrers „CHE underground - eine Materialuntersuchung“ (2009) gewidmet: Der Filmträger des Trailers zu Steven Soderberghs „Che: Revolución und Che: Guerrilla“ wurde mittels Schmutz und Wasser bearbeitet und damit der Heldenmythos und seine filmische (De)Konstruktion aufgelöst. Veronika Zotts und Tomates Video „Herr Pipi“ (2003) mit der singenden Penismarionette fiel, wenn auch unterhaltsam, aus dem Konzept.

Das Programm bot spannende Entdeckungen, war aber in seiner Zusammenstellung nicht schlüssig. Der homogenere erste Teil wirkte im Vergleich zur raschen Abfolge der Kurzfilme des zweiten Teils als zu dominant. Für die geplante Fortsetzung der Reihe „On-Screen“ wäre eine stärkere thematische Straffung wünschenswert.


(02.12.2009)