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High Noon der Gefühle

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MEG STUART UND PHILIPP GEHMACHER BEGEGNEN EINANDER "MAYBE FOREVER": URAUFFÜHRUNG AM BRÜSSELER KAAITHEATER

Von Franz Anton Cramer 

Die Zumutung beginnt mit der Pusteblume: vor einem weit ausgreifenden Rundhorizont aus sorgfältig gefälteltem schwarzem Vorhang ragt mittig eine Leinwand, darauf ein großformatiges Photo in melancholischem Sepia-Ton: zwei Pusteblumen, denen ein sanfter Windhauch gerade einige Flocken auszupft und ins Ungefähre hinwegweht, daneben ein großzügig sich wölbender Farn. Damit, und mit der grau-blauen Auslegware, die Schritte verschluckt und ein namenloses Lobbydasein evoziert, hat Janina Audick die Atmosphäre und die Themen eingefangen, die Meg Stuart und Philipp Gehmacher in ihrem lange erwarteten 80minütigen Pas de deux ausbreiten.

Nach dem fast scheuen Blick auf die solchermaßen gestaltete Bühne gibt es ein Black. Im allmählich sich zeigenden Dämmerlicht sitzen dann beide mit ausgestreckten Beinen leicht seitlich geneigt, als kippten sie gleich um. Zunächst nur sehr langsam, dann in einem eigenartigen, unheimlichen Rhythmus schnappen sie sich, mit pflanzenhaften Bewegungen, und erzwingen Momente der Nähe, wie Schlinggewächse sich um ein Rankgerüst wickeln. Doch fahren sie sofort wieder auseinander. Dann stehen sie auf, berühren einander wie Lemuren im Hades. Schließlich werden sie vom zunehmenden Dunkel und vom Vorhang einfach verschluckt.

Endzeitliche Emotionalität

Die nächste Szene gehört dem Dritten im Bunde des Abends, Niko Hafkenscheid. Er trägt mit abgeklärter Melancholie den Titelsong vor: „Maybe Forever“. Danach tritt Stuart vor ein  Mikro und beginnt im Plauderton mit Aussagen wie: „When I said I can't live without you ... I take it back.“ Doch es fällt ihr schwerer und schwerer. Ihre Stimme erstickt beinahe, sie reißt die Arme hoch, dabei quietscht ihre Lederjacke. Die Toughness ist nur gespielt. Am Ende wendet sie das Gesicht beiseite. Gehmacher kommt hinzu, und aufmerksam beobachtet von seiner Partnerin beginnt er ein Solo im Sitzen, vorn an der Bühne. Mit dem ihm eigenen Duktus, die Arme nach oben reißend, dazu maskenhafte Gesichtsbewegungen, verkörpert er zugleich ein inneres Drängen und eine innere Erstarrung. Die endzeitliche Emotionalität, die das ganze Stück auf verstörende und unerhörte Weise prägt, kommt wie von selbst zustande. Und sie ist überraschend deutlich, ja bisweilen melodramatisch: ein Showdown der Emotionen, High Noon des Gefühls, ein Duell zwischen cooler Zeitgenossenschaft und theatralischem Schwelgen.

In den gemeinsamen Passagen bleibt das Thema offensiv im Mittelpunkt: die unmögliche Berührung, ein ständiges, rasantes Sich-Verfehlen, Aneinander-Vorbei-Greifen, die Unfähigkeit, das Gefühl, das Glück, das Leben zu halten. Dabei zeigen sich beide Mitwirkende von bislang kaum gesehenen Seiten. Insbesondere Gehmachers solistische Passagen sind wie entfesselt in der expressiven Gestaltung, die gleichwohl eine unendliche Isolierung und Verlorenheit beschwört. Während Meg Stuart sich das reduzierte und dabei doch so eminent skulpturierte Vokabular Gehmachers auf eine Weise zu eigen macht, die es neu zu erschaffen scheint.

Zueinander geschieden

Dieser Prozess der Konfrontation zweier künstlerischer Welten gerät von Szene zu Szene aufregender; allerdings wird an Pathosformeln auch nicht gespart. Zu des Musikers „Reward Waltz“ wird das Blumenphoto plötzlich bunt und strahlt hell. Ein halbverständlicher Monolog von Gehmacher wird eingespielt, dazu eine Soundcollage mit dem Song von eben rückwärts und einem dramatischen Violinstück (Vincent Malstaf), und schließlich ein ebenso furioses wie bisher ungesehenes Duett von beiden. Stuart und Gehmacher kommen so weit es künstlerisch irgend geht zueinander, und doch bleiben sie fundamental geschieden. Schließlich gehen sie rasch ab.

Später öffnet Gehmacher den Vorhang, Stuart verlässt den umzirkelten Aktionsraum der Bühne. Zum ersten Mal hört man die Schritte ihrer hochhackigen Schuhe, wenn sie nach einem zaghaften Blick hinauf in den einschüchternden Bühnenturm hinter dem Vorhang entlanggeht. Für einen kurzen Moment der Innigkeit stehen beide im Hintergrund als Tanzpaar voreinander. Immer wieder versuchen sie neue Formen und Figuren, eine physische, eine unmittelbare Einheit zu schaffen (Dramaturgie: Myriam Van Imschoot). Er wird zu einer Art Schatten von Stuart: einige Augenblicke lang vollführen beide simultane Bewegungen. Danach schwärmen sie in den Saal aus, an die Grenzen der Bühne, an die Ränder des Portals... Aber weder der performative Raum der Aufführung wie der emotionale Raum der Distanz, die trotz aller physischen Anstrengungen präsent bleibt, können sich vergessen machen. Vielleicht wollen sie es auch gar nicht.

Überpersönliche Wucht

Faszinierend und letztlich begeisternd an „Maybe Forever" ist der Weg, den beide gehen, um ästhetisch und darstellerisch zueinander zu finden, ohne dass beide sich in die eine oder andere Richtung verraten, aufgeben oder verstellen würden. Es bleibt trotz der vielen, theatralisierten Momente aus Nähe, Entfernung, Isolierung und Sehnsucht immer klar, wo die Grenzen des Machbaren sind. Die Relevanz ihrer Themen, die beide nicht behaupten, sondern vorführen, macht sie und das Projekt enorm verletzlich, aber in seiner Wucht auch überpersönlich.

„Maybe Forever" wagt den Schritt in eine Welt, in der nichts wohlfeil ist und in der die Inhalte nicht durch die Formen gegeben werden, welche Zeitgeist, Coolheit oder Geschmack vor sich herschieben, sondern wo das ästhetische Konstrukt sich aus einer neugefassten Dringlichkeit ergibt: nicht etwa im Sinne der Entäußerung, sondern als Dokument einer Begegnung von Stilen, Arbeitsweisen und Gefühlen, die sich immer nur punktuell und kontingent berühren können, wie Gerade und Kreis. Aber in diesem wieder und wieder isolierten einen Punkt konzentriert sich wieder und wieder die Essenz der künstlerischen und darstellerischen Arbeit. Darin liegt die Zumutung von „Maybe Forever": Man muss dieser Vorgabe folgen oder man bleibt im anästhesierten Raum der Teppichböden zurück.

 

(17.6.2007)

Nächste Aufführungen:

4., 5. Juli: Lissabon (Culturgest)
31. August / 1. September: Berlin (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz)
3. Oktober: Maasmechelen (CC)
6. bis 8. Dezember: Wien (Tanzquartier)