Hoffen auf Wildwuchs

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ZUR AUSBREITUNG DER KULTURWISSENSCHAFTEN IN DER INTERNATIONALEN TANZFORSCHUNG: "RE-THINKING PRACTICE AND THEORY" AM CENTRE NATIONAL DE LA DANSE IN PARIS

Von Pirkko Husemann

„The state of mind of a man dancing is not that of a man advancing through difficult country of which he is making a topographical survey or a geological prospectus.“ (Paul Valéry, „Poetry and Abstract Thought", zitiert nach Paul Carter, „The Lie of the Land")

In Abwandlung dieses Gedankens des Lyrikers und Philosophen Paul Valéry entwickelte der Historiker Paul Carter in seinem 1996 erschienen Buch „The Lie of the Land" eine Theorie der Landnahme, die seitdem insbesondere von den anglo-amerikanischen Postcolonial Studies aufgegriffen und weiterentwickelt wurde. Was bei Valéry ursprünglich der Unterscheidung von Poesie und Prosa dient, wird bei Carter zu einer faszinierenden, weil metaphorisch mäandernden Auseinandersetzung mit dem Motiv der Bewegung durch Kultur und Geschichte. Nach Carter basiert die von Valéry als „poetisch" eingeführte Geisteshaltung des Tanzenden auf einem gewaltsamen und neutralisierenden Eingriff: „If the man dancing can enjoy a certain ‘state of mind', an absorption in his own movement, it is because of the prior activities of the explorer and the surveyor."

Das heißt, dass ohne die Beseitigung von Unebenheiten und Stolpersteinen kein Tanz stattfinden kann. Der Tänzer dreht seine Pirouetten also nur deshalb, weil ihm der koloniale Eroberer dafür einst den Boden geglättet hat. In dem zentralen Kapitel „Drift Lanes" beschäftigt sich Carter jedoch weniger mit dem soliden Fundament der „westlich-imperialen" Kunst als vielmehr mit der kinästhetischen Erfahrung eines unwegsamen Geländes, die er auch für seine bewegte, nicht-lineare Historiographie produktiv macht.

Ein Großereignis mit weitem Spektrum 

Spätestens im Jahr 2003 hielt Carters Text dank der Vermittlung durch den Performancetheoretiker André Lepecki auch in die europäische Tanzforschung Einzug. Lepecki, der als Dozent für Performance Studies an der New York University lehrt und derzeit unter anderem als neuer Kurator für das Festival InTransit am Haus der Kulturen der Welt in Berlin zuständig ist, plädiert mit Hilfe des an Körper und Bewegung gebundenen Forschungsgegenstands Tanz für eine Mobilisierung des wissenschaftlichen Denkens. Damit beabsichtigt er wiederum, die Bewegungsforschung als epistemische Strategie für die Cultural Studies stark zu machen.

Auffällig ist, dass Lepecki zwar enge Kontakte zur europäischen Tanzszene pflegt, aber kaum in die nordamerikanische Tanzforschung eingebunden ist. So verwundert es nicht, dass sein performativer Denk- und Forschungsansatz bei der im Pariser Centre National de la Danse (CND) abgehaltenen Jahresversammlung der Society of Dance History Scholars (SDHS) nur indirekt durch einige Nachwuchswissenschaftlerinnen vertreten war. Die unter dem Titel „Re-Thinking Practice and Theory" vom 22. bis 24. Juni veranstaltete Tagung des SDHS fiel insofern aus der Reihe, als sie in Europa und damit nicht wie üblich in den USA stattfand und in Kooperation mit dem CND sowie mit dem Congress on Research in Dance (CORD) organisiert wurde.

Ziel der federführenden Organisatorinnen Susan Leigh Foster von der University of California und der Leiterin des CND Claire Rousier war es, einen Austausch zwischen dem kulturwissenschaftlich orientierten Forschungsansatz der bereits seit mehreren Dekaden institutionell verankerten Dance Studies und der erst seit den 1980er Jahren etablierten, eher philosophisch geprägten Tanzforschung in Frankreich zu ermöglichen. Neben Amerikanern und Franzosen kamen in Paris insgesamt rund 300 Vertreter der Tanzforschung aus aller Welt zusammen, um sich in Vorträgen, Lecture-Demonstrations, Workshops und Gesprächsrunden über den gemeinsamen Gegenstand Tanz auszutauschen und das Verhältnis von Tanzpraxis und -theorie zu reflektieren.

Entsprechend weit war auch das Spektrum der insgesamt 200 Beiträge, die zu mehr oder weniger passenden Themenbereichen wie etwa „Constructing Dance History", „Transnational Hybridities", „Cultural Policy, Dance and Nation", „Re-Reading and Re-Writing" oder „Philosophizing Practice" zusammengefasst waren. Trotz der Masse des Angebots, mit dem sich die Referenten (die zugleich auch den Großteil der Fachbesucher ausmachten) konfrontiert sahen, zerstreute sich der Publikumsstrom Dank der guten Planung und Organisation in überschaubare Grüppchen, die dann in jeweils einem der zehn Tanzstudios des CND einer schier endlosen Folge von etwa 20minütigen Kurzpräsentationen beiwohnten.

Klingende Namen und raumgreifende Manier 

Wer die großen Namen der Tanzforschung bisher nur von den Buchrücken der einschlägigen Fachliteratur kannte, konnte die Autoren so aus unmittelbarer Nähe erleben: Ramsey Burt etwa, der britische Gentleman von der De Montfort University, der es nicht versäumte, seine im Gespräch gemachten Aussagen stets auf Französisch zu wiederholen, wobei er des Öfteren arg ins Stocken geriet. Oder Susan Manning von der Northwestern University, die während einer kleinen Soirée in der architektonisch eigenwilligen Eingangshalle des CND in raumgreifender Manier für die Mitgliedschaft bei der SDHS warb, indem sie Preise und Reisestipendien verteilte. Dagegen nahmen sich herkömmliche „Auftritte" ohne den Einsatz von Videomaterial, Power Point Präsentationen oder Tanzeinlagen geradezu altmodisch aus.

Am deutlichsten wurden die kulturell bedingten Differenzen der Akademiker in Sachen Mentalität und Habitus bei einem Vortrag von Ann Cooper-Albright, die ihren Erfahrungsbericht über die pädagogische Arbeit mit pubertierenden Schulmädchen am Oberlin College mit einem abgewandelten Sonnengruß einleitete. Etwa die Hälfte der Zuhörer befolgte ihre Einladung zum Mitmachen, um die Yoga-Übung zur Stärkung des Selbstbewusstseins durch körperliche Ertüchtigung am eigenen Leib zu erfahren. Glücklicherweise entkräftete Cooper-Albright ihre geradezu demagogisch anmutende Aufforderung zum Training für den waffenlosen Widerstand gegen die Bush-Regierung nachträglich mit dem Hinweis, dass sie sich ihrer kritischen Strategie nur allzu oft selbst nicht sicher sei.

Dennoch konnte sich manch „alt-europäischer" Teilnehmer kaum des Eindrucks erwehren, Zeuge einer Hegemonialisierung der Tanzwissenschaft durch die anglo-amerikanischen Cultural Studies zu werden. Es beschlich einen das vage Gefühl, dass die von Lepecki verfochtene Mobilisierung des Denkens paradoxer Weise ganz subtil mit der Vereinnahmung des intellektuellen Terrains einhergeht. So konnten sich kritische Stimmen, die versuchten, auf den unausgesprochenen Konsens der Critical Theory hinzuweisen, auch nur schwer durchsetzen.

Zwar spickte beispielsweise Susanne Franco von der Universität Venedig ihren gleich zu Beginn der Konferenz präsentierten Abriss zum Stand der pädagogisch ausgerichteten Tanzforschung in Italien mit der Bemerkung, dass die Kulturwissenschaften dort erst kürzlich Einzug gehalten haben und somit noch keinen selbstverständlichen Teil des theoretischen Repertoires und Vokabulars ausmachen. Im Zwiegespräch mit einer Kollegin erklärte Franco außerdem, dass die im Titel der Tagung implizierte Dichotomie von Theorie und Praxis aus ihrer Perspektive keinen Sinn mache, da etwa an der Universität Bologna überhaupt keine Tanztheorie, sondern ausschließlich Tanzpraxis unterrichtet wird. Ähnlich erging es Isabelle Launay, für die die Unterscheidung von Tanztheorie und -praxis bei ihrer Tätigkeit als Dozentin für Tanzgeschichte an der Sorbonne Paris VIII nur eine untergeordnete Rolle spielt. Mit einem suchenden und abwägenden Sprachgestus plädierte Launay (die man hierzulande vor allem als Ko-Autorin von Boris Charmatz kennt) für eine im positiven Sinne beunruhigende Tanzgeschichtsschreibung, die der Effizienz des akademischen Diskurses mit einer verstörenden Haltung entgegen treten müsse.

Tanz von Theorie und Praxis 

Somit stand wiederholt die Aufforderung im Raum, epistemologische und methodologische Vorannahmen explizit zu machen, Genealogien offenzulegen und wissenschaftspolitische Intentionen mitzukommunizieren. Dennoch dominierte neben methodischer Vielfalt, fachlicher Exzellenz und professioneller Produktivität eine friedliche bis euphorisierte Stimmung, die wohl der allgemeinen Bereitschaft zur Inklusion und Offenheit gegenüber dem jeweils „Anderen" zu verdanken war. In den halbstündigen Gesprächsrunden über Körper, Tanz und Politik, die im Vergleich mit den Vorträgen und Präsentationen leider viel zu kurz kamen, führte dieses Harmoniebestreben häufig zur Nivellierung produktiver Differenzen. So ergab sich letztlich immer ein und dieselbe Rancièresche Formel: (Körper + Praxis) x (Tanz + Theorie) = Politik + Ästhetik

Die Mehrheit der Referenten suchte die Gemeinsamkeiten von Theorie und Praxis im Performativen, Kreativen und Intuitiven (Alexandra Carter, Middlesex University), spürte verschüttete Verbindungen in der Etymologie der Wortgruppe theôros/theoria/theoreo (Michel Briand, Université Poitiers) oder aber im Praxisbegriff Pierre Bourdieus auf (Gabriele Klein, Universität Hamburg) und einigten sich auf ein Verständnis von Tanzgeschichte als Re- oder Ko-Konstruktion des Tanzes (Yvonne Hardt, Freie Universität Berlin). Stark vertreten waren auch phänomenologische Ansätze, die die Wissensproduktion per se als an Erfahrung und damit auch an den Körper gebunden begreifen und bei denen sich Denken und Bewegen im Hier und Jetzt des Gegenwärtigen begegnen (Olive Beecher, University of Limerick/University College Cork).

Einzig das Verhältnis von Tanz und Sprache eignete sich noch zur Kontroverse, wobei das allgemein bekannte Dilemma der Übertragung von flüchtiger Bewegung in fixierende Begriffe noch einmal umrissen wurde. Unter dem Titel „Linguistic Tensions and the Politics of Naming" versuchte so mancher, den Tanz vor dem Zugriff der Sprache zu schützen. An anderer Stelle wurde Lacans linguistisches Subjektkonzept mit Hilfe Deleuzianischer Affekte und Perzepte sowie anhand der Inszenierungsstrategien von Künstlern wie Meredith Monk oder Ohad Naharin widerlegt (Annie Arnoult Beserra, Ohio State University).

Schließlich legte Candace Feck (ebenfalls von der Ohio State University) in einer Lecture-Performance über das Wort „über" alles daran, das Sprechen über den Tanz durch ein Sprechen mit dem Tanz zu vermeiden. Dieser und ähnliche Versuche führten jedoch meist dazu, dass Körper und Text auf die eine oder andere Weise voneinander abgetrennt und neben- oder nacheinander präsentiert wurden. Damit stand wiederum ein Präsentationsformat im Vordergrund, das sich im akademischen Feld des deutschsprachigen Raumes noch nicht durchsetzen konnte: practice-based research oder research in the arts. Als erstrebenswertes Drittes zwischen Praxis und Theorie wird diejenige Forschung betrachtet, die nicht über die Kunst oder für die Kunst, sondern durch die Kunst stattfindet.

Forschen in Kunst und Wissenschaft

Bemerkenswert ist, dass die Debatte um Forschung in der Kunst nicht etwa von Künstlern oder Wissenschaftlern losgetreten wurde, sondern sich im Zuge des Bologna-Prozesses zur Modernisierung und Internationalisierung des Hochschulwesens entwickelte. Im Zuge der Standardisierung von Studiengängen in Bachelor, Master und PhD (die ja nun auch aus dem anglo-amerikanischen Modell übernommen werden) wird an den europäischen Kunsthochschulen seit einigen Jahren diskutiert, welche Kriterien für eine Promotion im Bereich der Kunst erfüllt sein müssen.

Im Zuge dieser Auseinandersetzung ergab sich auch eine Kontroverse darüber, ob die Forschung in der Kunst einen mit der wissenschaftlichen Forschung vergleichbaren Status haben kann und soll. Zwar ist man sich darin einig, dass künstlerische Forschung im Vergleich mit anderen Formen der (geistes-, sozial- oder naturwissenschaftlichen) Forschung insofern einen Sonderstatus hat, als sie dadurch charakterisiert ist, dass Subjekt und Objekt der Forschung sowie Kunstpraxis und Forschungspraxis zusammenfallen. Dennoch stellt sich die Frage, ob und wie eine solche Forschung im akademischen Wissenschaftsbetrieb evaluiert werden kann.

Wie Janet Lansdale und zwei ihrer Promovendinnen von der University of Surrey demonstrierten, ist die britische Tanzforschung in dieser Hinsicht wegweisend. Schon seit Anfang der 1990er Jahre werden in Surrey Nachwuchswissenschaftler promoviert, die sich mit einem Projekt qualifizieren, das nicht ausschließlich in Textform publiziert wird. Ein Blick auf die thematische und formale Heterogenität der in Paris gleich zuhauf gebotenen performativen Präsentationen vermittelt jedoch den Eindruck, dass die meisten Tanzwissenschaftler erst dann guten Gewissens aus dem üblichen Standardformat ausbrechen, wenn sie die Bewährungsprobe der Promotion hinter sich gebracht und eine Stelle an der Universität ergattert haben. Bis dahin ist der Weg in die Tanzwissenschaft steinig, weshalb sich die jungen, überwiegend weiblichen Wissenschaftlerinnen zur Aufmunterung wohl doch an Carters Ausführungen halten sollten: Wo der Weg durch ein diskursives Kräftefeld das eigentliche Ziel darstellt, wird der Forscher mit der Zeit zum leichtfüßigen Krieger. Er verfügt über „the power to improvise on the spur of the moment, to respond to circumstantial contingencies as one speaks, to continue and begin again.“

Ein Überangebot als Bestandsaufnahme

So betrachtet, bietet das akademische Feld also produktive Reibung, es ist „airy, consequently folded, grooved, vortical. Its words do not fly direct. They not only lose velocity on their way from the speaker's tongue to the hearer's ear; they flutter, stagger, soar, change direction according to the circumstances." Ganz ähnlich verhielt es sich auch mit den Worten, die von den Referenten in Paris ausgesandt wurden, um ihren Weg zu den Kollegen aus anderen Fachrichtungen und Wissenschaftskulturen zu finden. Sie zischten einem um die Ohren, nahmen mitunter längere Umwege und verfehlten manchmal auch ihr Ziel - schließlich kann man insbesondere in Frankreich nicht davon ausgehen, dass die Wissenschaftssprache Englisch überall gesprochen wird.

Statt eines konzentrierten Austauschs kam es angesichts des Überangebots, bei dem selbst die Eifrigsten notgedrungen nur maximal ein Achtel des Programms mitnehmen konnten, vor allem zu einer großen Bestandsaufnahme. Es bleibt zu hoffen, dass dennoch Verknüpfungen hergestellt werden konnten, die es ermöglichen, in Zukunft an einzelnen Teilaspekten anzusetzen und kleinere Kooperationen zu initiieren. Bis zur nächsten Bearbeitung könnte man das beackerte Feld nun jedenfalls erst einmal eine Weile brach liegen lassen. Vielleicht stellt sich dann bald interessanter Wildwuchs ein.

www.cnd.fr

(2.7.2007)