„I feel good, da da da …“

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MILLI BITTERLI UND ANDREA STOTTER IN ZWEI GMUNDENER GYMNASIEN

Von Martina Ruhsam


Ich treffe die Assistentin von Milli Bitterli und Andrea Stotter am großflächigen Parkplatz vor dem Alpenhotel in Altmünster, etwa zwei Gehminuten beziehungsweise eine Steckerlfischbude, ein paar Ferienwohnungen und einen „Spar“-Supermarkt vom Traunsee entfernt. Wir fahren nur einige Kreuzungen weiter, wo die beiden Choreographinnen uns erwarten. Von dort machen wir uns zu Fuß zum Gymnasium Ort in Gmunden auf. Die Assistentin sagt in das Vogelgezwitscher: „Du wirst überrascht sein.“ Und das bin ich tatsächlich, als ich das imposante Schulgebäude der Privatschule des Schulvereins der Kreuzschwestern zwischen Bäumen, Wiesen und großflächigen Sportanlagen sehe – nicht nur weil die Fassade aussieht, als wäre sie am Vortag gestrichen worden. Unvermittelt habe ich die Melodie der TV-Serie „Ein Schloss am Wörthersee“ im Ohr.

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Die als „das Pensionat“ bekannte Anlage beherbergt neben einem Oberstufenrealgymnasium außerdem einen Kindergarten, eine Volksschule und einen Hort sowie die Pensionatskirche. Der Religionsunterricht (katholisch oder protestantisch) ist verpflichtend.

Schülerin V. (im Hof): „Mir gefällt es hier sehr gut, weil in der Pause das Schulfeeling weg ist. Man fühlt sich nicht mehr wie in der Schule.“
Schüler F., in ein Klassenzimmer zeigend: „Mir gefällt es hier, weil wir immer gemeinsam in diesem Raum sind und weil wir sie einfach schon so lange haben - diese Klasse.“
Schülerin E.: „Mich beschäftigt momentan, dass ich totalen Stress in der Schule habe und dass ich deshalb keine Zeit mehr für meine Freunde habe. Wir haben sehr oft lange Schule (und das Tanzprojekt haben wir auch noch).“

Rund 30 Schüler im Alter von 15 Jahren haben mit Milli Bitterli und Andrea Stotter zwei Monate lang ein Mal wöchentlich gearbeitet. Die Vorwoche haben sie allerdings nicht im „Schulschloss“ verbracht, sondern am Neusiedlersee – als „Sportwoche“. Von deren Nachhall versucht Milli Bitterli sie gedanklich abzuholen, indem sie die im Kreis sitzenden Schüler auffordert, kurze Geschichten von der Sportwoche zu erzählen - eventuell auch mit der Einbindung des Körpers. Dann werden diverse Szenen wiederholt, die die Schüler in den letzten Wochen mit beiden Choreographinnen erarbeitet haben und die in einer Woche bei einem Showing präsentiert werden, bei dem die Schüler der beiden Gymnasien in Gmunden - dem Pensionat und dem nicht privaten BG BRG Gmunden - zusammen gebracht werden sollen. Da es Gerüchte über ein vorhandenes Konkurrenzverhältnis der beiden Gymnasien gibt, haben die Künstlerinnen sich im Sinne einer Entspannung etwaiger Konkurrenzverhältnisse bewusst dafür entschieden, die Präsentationen der Klassen in den beiden Schulen miteinander zu verknüpfen.

Nachdem sich der Kreis der am Boden sitzenden Schüler aufgelöst hat, stellt sich ein Schüler plötzlich vor die versammelte Gruppe seiner Mitschüler und lacht schüchtern, woraufhin die ganze Gruppe auf die gleiche Art und Weise zu lachen beginnt. Ich bin einen Augenblick lang ziemlich verblüfft, bis ich verstehe, dass das der Beginn einer Szene ist, die beim Showing gezeigt werden wird. Ich habe den Übergang von den „privaten“ Gesten der Jugendlichen zu dieser Szene verpasst. Als der Schüler klatscht, klatschen auch die anderen. Jede Bewegung und jedes Wort wird 29fach kopiert, was nicht nur dem impulsgebenden Schüler sichtlich Vergnügen bereitet, sondern auch seinem Spiegelbild, der kopierenden Gruppe - vor allem, weil sich auch jene Gesten vervielfältigen und damit verselbständigen, die man mehr oder weniger unbewusst ausführt bzw. nicht ganz unter Kontrolle hat, wenn man vor den gespannten Augen einer großen Gruppe von Leuten etwas tun soll, also etwas unsicher ist. Die Nachfolgerin des ersten Schülers schreit die Gruppe in oberösterreichischem Dialekt immer wieder an: „Wieso macht ihr das? Hört doch endlich auf!“ Und so kommen diese Fragen dann als Echo in derselben Tonhöhe und mit den gleichen Bewegungen gekoppelt wieder zu ihr zurück, was eine unmittelbare Komik erzeugt.

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Die Konzentration der Jugendlichen ist unmittelbar nach der Sportwoche und unmittelbar vor der Englischschularbeit am nächsten Tag ziemlich schwer zu halten. Wann immer sich eine Möglichkeit bietet, gesellen sich die Schüler in kleine Grüppchen und reden, beobachten die anderen oder spielen Ball. Ein Interview mit einem Schüler oder einer Schülerin ist nicht möglich. Die Schüler haben keine Zeit. Als die Jugendlichen eine Hip-Hop-Choreografie von Andrea Stotter zum Pop-Song „I like to move it move it“ (von Reel 2 Real), dem das Motto des gesamten Schulprojekts von Linz 09 entlehnt ist, tanzen, ist allerdings plötzlich ein erhöhtes Aufmerksamkeitslevel da. Die Gesichter der Schüler, die etwas gelangweilt, oder mürrisch wirken, also jener, die am liebsten auf der Turnbank auf der Seite des Saales sitzen, scheinen sich mit dem Beginn der lauten, rhythmisch eingängigen Musik ein bisschen zu entspannen. Andrea Stotter dreht die Lautstärkeregler nach oben. Ich sehe ein paar Schüler, die draußen in einem Korridor ihre Nasen gegen die Scheiben der Turnsaalfenster drücken und beobachten, was da im Turnsaal vorgeht.

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Das synchrone Tanzen der einstudierten Hip-Hop-Choreografie in der Gruppe scheint allen Schülern Spaß zu machen - auch wenn sie in der Reihenfolge der Schritte noch nicht ganz sicher sind. Als die Choreographie zu Ende ist, lassen sich alle auf den Boden fallen und die Musik soll beim Showing ausgefadet werden. Plötzlich springt ein Schüler im Turnsaal auf, lässt einen Schrei los und beginnt zu singen: I feel good…da da da da da da da!, woraufhin er sich wieder auf den Boden fallen lässt. Die ganze Klasse bricht in Gelächter aus. Als Milli Bitterli ihn bittet, diese Performance zu wiederholen, springt der Schüler erneut auf und beginnt zu singen, während seine Klassenkollegen - auf dem Boden liegend - im Takt dazu schnippen. Damit ist klar, dass diese Szene für das Showing ein neues Ende gefunden hat.

Milli Bitterli kommentiert: „Ich glaube, es tut ihnen einfach gut, dass jemand kommt, der nicht Pädagoge oder Lehrer ist.“ Als ich am nächsten Tag in Gmunden zufällig Guido Reimitz treffe, der die Idee hatte, dass zeitgenössische Choreographen im Rahmen von Linz 09 in die Schulen Oberösterreichs geschickt werden sollten, erwähnt dieser ebenfalls, dass es ihm nicht um Projekte von ausgebildeten Tanzpädagogen gegangen sei: „Wir haben keine Tanzpädagogen in die Schulen geschickt, weil das am meisten Bereicherung und Austausch bringt. Die Lehrer in den Schulen sind ohnehin gute Lehrer. Warum sollten wir wieder Leute in die Schule schicken, die Lehrer spielen?“

Die Jugendlichen im Gymnasium Ort haben in Gruppen mit zwei bis vier Schülern eigenständig kleine Bewegungssequenzen erstellt, die zu einer längeren Choreographie verknüpft worden sind. Um eine kleine Hip-Hop-Einlage dreier Jungs reihen sich unterschiedlichste Bewegungsphrasen: Da werden Räder geschlagen und Handstände gemacht, es gibt zahlreiche Brücken und Bocksprünge – also bei manchen Schülern einen sichtbaren Ehrgeiz und Wunsch nach Virtuosität sowie Freude an der Präsentation der eigenen Choreographien. Eine Schülerin, die am Beginn der Stunde eine „schwere Knieverletzung“ gehabt und erklärt hat, dass sie deshalb nicht mitmachen könnte, steht plötzlich mit ihrer Gruppe mitten im Turnsaal und tanzt eine anspruchsvolle Bewegungssequenz.

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Die Lehrer interessiert das Tanz-Projekt offenbar nicht besonders. Andrea Stotter und Milli Bitterli erzählen, dass kaum je ein Lehrer in ihren Stunden anwesend war. Den Direktor der Schule haben die beiden nach fast zwei Monaten noch nie gesehen.

Am Nachmittag spreche ich mit den Choreographinnen über die Herausforderung, die Konzentration einer derart großen Gruppe von Jugendlichen zwei Stunden lang zu halten - vor allem, wenn es primär um das eigenständige Entwickeln von Bewegungsmaterial geht. Vergleicht man die Arbeitsatmosphäre, die in der Unterrichtseinheit von Bitterli und Stotter herrschte, mit jener in den Workshops des englischen Choreografen Royston Maldoom in den Berliner Schulen - wie man sie in dem berühmten dokumentarischen Film „Rhythm is it“ beobachten kann - dann stehen die Haltungen der Choreographen einander diametral gegenüber. Während Maldoom die Schüler permanent zu absoluter Ruhe, Disziplin und Konzentration aufforderte, arbeiteten Milli Bitterli und Andrea Stotter in einer kontinuierlichen Geräuschkulisse.

Sie akzeptierten die Tatsache, dass es immer ein paar Schüler gibt, die miteinander reden oder gerade nicht bei der Sache sind, ziemlich gelassen. Für Bitterli ist die Tatsache, dass es mit einer Gruppe von 30 Jugendlichen selten ganz leise ist, nicht verwunderlich. „Sie haben eben laute Körper“, sagt sie. Sie wolle die Schüler nicht disziplinieren und vermeiden, dass diese über das Erhaschen von Bestätigungen und Komplimenten Motivation finden. Maldoom versuchte primär, den Schülern konkrete Schrittfolgen, Körperhaltungen und Bewegungsabläufe beizubringen. Bei Stotter und Bitterli stehen eindeutig der Spaß an der Sache sowie das Fördern der Kreativität der Jugendlichen im Vordergrund. Sie zeigen mir einen Film, der im anderen Gymnasium in Gmunden entstanden ist, wo die Künstlerinnen die Schüler nach ihrem liebsten Ort in der Schule gefragt haben. Jeder Schüler hat sie dann einzeln zu seinem Lieblingsort gebracht und erklärt, warum er diesen Ort gern hat.

Milli Bitterli: „Einer von uns ist mit der Kamera mitgegangen. Das waren eben andere Fragen als die in der Schule üblichen. Daher hat es hat den Schülern total Spaß gemacht.“

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Künstlerinnen:

Milli Bitterli: Geboren 1969. Sie beginnt im Alter von vier Jahren mit dem Tanzen. Ihre erste Ausbildung zur klassischen Tänzerin erhält sie an der Ballettschule der Wiener Staatsoper. Später wechselt sie an das Konservatorium der Stadt Wien. Auf zahlreichen Reisen durch Europa bildet sie sich zur zeitgenössischen Tänzerin weiter. Nach dem Abitur studiert sie zudem Betriebswirtschaftslehre in Wien und Zürich. Währenddessen wird sie bereits für zahlreiche Compagnien engagiert: Zürich Tanztheater, NKK, Charisma, Ivan Wolfe Cie., Konnex und Pool, später Cie. Willi Dorner, Cie. Elio Gervasi, DV8 Physical Theatre und Damaged Goods. Dabei arbeitet sie mit Choreographen wie Meg Stuart, Javier de Frutos, Nigel Charnock und Lloyd Newson. Im Jahr 2000 gründet Milli Bitterli ihre eigene Compagnie „artificial horizon“. Von 2001 bis 2004 ist sie Kuratorin für den Bereich Training und Workshop am Tanzquartier Wien. Milli Bitterli gibt regelmäßig Trainings, Workshops und Meisterklassen.

Andrea Stotter hat am am Konservatorium der Stadt Wien Modernen Tanz und Tanzpädagogik studiert und ist seit 1996 als Tänzerin und Choreographin im In- und Ausland tätig (u.a. Paris, Brüssel, Berlin, Tel Aviv, Genf, Barcelona und Montreal). Sie ist Gründungsmitglied der Kompanie „dans.kias“ und langjähriges Ensemblemitglied des Tanztheaters „homunculus“. Bei Projekten mit Wien Modern, der Taschenoper, der Staatsoper, dem Tanzquartier und den Internationalen Tanzwochen in Wien wirkt sie mit und arbeitet als choreographische Assistentin. Sie arbeitet zusammen mit den renommierten ChoreographInnen Jennifer Lacey, Vera Mantero, Royston Maldoom und Benoit Lachambre. An der Ballettabteilung des Konservatoriums in Wien gibt sie Trainings und Workshops. Derzeit kooperiert sie mit den ChoreografInnen Milli Bitterli („can you feel my hard beat“) und Georg Blaschke.


(23.06.2009)