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Ich bin ein Tisch

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MILLI BITTERLIS "THE MYSTERY BOX (DER HAUFEN)" IN DER BLACK BOX DES BRUT

Von Elke Krasny


Die Bühne ist leer. Es pfeift. Es rasselt. Es quakt. Es zwitschert. Das große Orchester der Natur beginnt den kleinen, schwarzen Raum zu füllen. Ein Summen wird chronisch. Es wechselt ins kulturelle Terrain, formt sich zur erkennbaren Melodie. Moon River. Zwischen Natur und Kultur, der Mensch. Dann der Auftritt des Cowgirl. Sie schreitet die Bühne ab. Sie inspiziert den Raum. Sie stellt ihren Körper vor. Sie testet ihn aus. Sie wärmt ihn auf. Sie bietet ihn dar. Sie untersucht, was ist. Wie wir im Laufe des Abends sehen werden, hat sie, Milli Bitterli, alle Fäden in der Hand. Doch sie lässt sich auch von ihnen kontrollieren. Sie überlässt sich ihren Einfällen. Während es läuft, verbindet es sich. Sie wird nicht Cowgirl bleiben. Sie hat viele Kostüme und viele Gesichter. Sie ist eine Geschäftsfrau und eine Putzfrau. Sie ist eine Autofahrerin und ein Flugzeugkapitän. Sie landet auf dem Mond, in den Alpen und am Mittelmeer. Doch sie bleibt auch immer sie selbst. Das zeigt sie uns. In diesem Dazwischen führt sie vor, was ihre Vorstellungswelt vorantreibt.

Milli Bitterli lässt die Dinge ihren Lauf nehmen. Die Kraft der Assoziation ist die Magie der Dramaturgie. Die Eigenwilligkeit der Fäden beherrschen das Prinzip der Verknüpfungen. Die Knoten werden nicht durchschlagen. Sie verknoten den Sinn, der in all den scheinbar eindeutigen Einfachheiten gordisch bleibt. Niemand wird ihn durchschlagen. Die Performerin beginnt zu sprechen. „I’m a table“, sagt sie. „I’m an old table in a university. Generations studied on my back.“ Bitterli wechselt die Stimmlagen, die Erzählweisen, die Stimmungen, die Körperhaltungen, die Kostüme. Sie lässt andere in ihren Raum eindringen. Sie dürfen momenthaft Teil des Haufens werden. Diese drei Personen, die sie begleiten, mit ihren Bewegungen, ihren Instrumenten, sind Sabina Holzer, Sabine Maier und Michael Mastrototaro. Diese drei knüpfen an.

Logik des Absurden

Die Performance beginnt im Kopf. Die Vorstellungen erfüllen den Raum der Bühne. Die einzigen Grenzen sind die der Vorstellungskraft. Was von dieser affiziert wird, lässt sich mit auf die ästhetische Erfahrung nehmen. Die episodischen Mikroerzählungen verdichten sich zu Stationen einer Reise, die prinzipiell ohne Ende bleiben muss. Eines folgt aufs andere. Die Logik des Absurden nimmt ihren verhängnisvollen Lauf. Alles hängt am seidenen Faden der Dramaturgie. Der Sinn vervielfacht sich. So könnte es immer weiter gehen. Anfänglich täuscht die Leichtigkeit der Assoziation über die Schwere der Themen hinweg. Doch der Schrecken zwischen den Kräften, von Körpern und Natur, von Technologie und Unfall, von Alltagsroutinen und anderen Begehren, ist stark, wird im Laufe des Abends stärker.

Die Wechsel der Rollen, all die vielen Verkörperungen des Ich in seinen multiplen Wandlungen, in seinen Anwandlungen, in seinen Speicherungen der Anderen, seiner multiplen Brüchigkeit lassen einen an ein Gedicht denken. Man kann nicht anders. Man hat seine eigenen Einfälle. Man folgt ihnen. Die Assoziation, die sich stark und insistierend aufdrängt, ist die zu Adrienne Rich, zu einem Gedicht, das in An Atlas of the Difficult World aus dem Jahr 1991 zu finden ist. „I’m a canal in Europe where bodies are floating“, schreibt Rich. „I’m a mass grave I’m the life that returns / I’m a table set with room for the Stranger / I’m a field with corners left for the landless / I’m a man-child praising God he’s a man / I’m a woman who sells for a boat ticket.“ Das Verfahren der Übersetzungen und Verbindungen, das die politische Verdichtung der poetischen Sprache von Rich auszeichnet, ist dem performativen Verfahren von Bitterli, die Dramaturgie lag in den Händen von Silke Bake (künstlerische Begleitung: Jennifer Lacey und Jack Hauser), vergleichbar. Poetische Verdichtung und performative Ausdeutung dieser knappen Verdichtung nehmen den Vorzeigekörper mit in seine unzähligen Vielheiten. Die Miniaturen überzeugen. Sie entfalten sich Mikroerzählungen, in denen die Weltlage mitschwingt.

„When everything is exactly how she wants it then she looks like this“, sagt sie und hat sich, während sie davon spricht, darstellend in das verwandelt, wovon sie spricht, sich daran annähernd und zugleich distanzierend, poetisch verführend und performativ verweisend. „Ich bin ein Holzbrett“, sagt sie. „Ich bin eine Fahnenstange. Ich bin ein Zapfen, der von der Decke hängt.“ Kaum sind wir da gelandet, wo die nationale Fahne der Repräsentation dem hängenden Zapfen begegnet, sind wir schon wieder woanders, wo die Menschheit auch eine Fahne aufgepflanzt hat und dennoch nicht heimisch geworden ist. „I’m the first man on the moon“, sagt sie. „I’m so proud of myself. I trained myself to survive here.“ Die gelehrigen Überlebenskörper brauchen die Atmung nicht mehr. Sie verlassen ihre erdenschwere, physische Befindlichkeit. Sie unterwerfen die Körper und befreien sie von ihrer Natur. Und schon wird aus dem schweren Körper der Unterwerfung eine kleine Wolke. Man kann nicht anders und denkt unweigerlich an Winnie the Pooh. Doch schon zieht die kleine Wolke weiter, wird wieder schwerer, muss sich verstecken, denn der große Regen droht.

Plötzlich hat sie gewonnen

„Ich bin eine Gondel in den österreichischen Alpen“, sagt sie. Sie erweitert sich. Sie wird zum Medium des Transports der anderen. In ihrem Inneren sind zwölf begeisterte Schifahrerinnen und Schifahrer. Die touristische Konditionierung der Enthusiasmusströme, die die Berge hinauf und hinunter führt, entgleitet, macht Raum für den internationalen Luftverkehrsstrom mit allen nicht angesprochenenen, jedoch assoziativ angeschlossenen Denkströmen zwischen verlierender Umwelt und transnationalen Körpern. „Now I’m a plane“, sagt sie. „No, the captain. I’m responsible for 200 people. They die in my machine.“ Die Maschine führt zum Mittelmeer, das Mittelmeer führt zum Abfall, der Abfall führt zum Sonnenöl, das Sonnenöl zum Schlatz, der Schlatz zum Schleim, der Schleim zum Dreck. Und plötzlich hat sie den Marathon gewonnen.

Die Gewalt der Verknüpfungen lässt an ein archaisches Kinderspiel denken, eigentlich an mehrere. Der Bauer schickt den Jockel aus. There was an old woman who swallowed a fly. Beide gehen potenziell immer weiter. Wir spielen. Es ist eine Befreiung und zugleich ein Zwang. Es könnte immer so weiter gehen. Wie es weiter gehen kann, das ist die Obsession der Suche, wie die nach der sprichwörtlichen Nadel im (Heu-)Haufen. „She cleans and she dreams“, hat sie irgendwann am Anfang gesagt. Sie setzt auf die Träume. Wir sind wieder mitten im assoziativen Dauerkinderreim. Es verbindet sich. Moonriver ist wieder da. Alle hören es. Der Tisch ist gedeckt. Wir können Platz nehmen. Das Essen, das Messer, die Fliege. Sie zieht das ganze Restaurant mit sich weiter. So könnte es immer weiter gehen. Das letzte Wort: UND


(4.2.2010)