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Ich ist eine andere

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ESZTER SALAMONS "AND THEN" BEI TANZ IM AUGUST 2007

Von Pirkko Husemann


Eine junge Frau mit langen Haaren betritt einen dunklen Raum. Unter ihren Füßen ein Teppich, vor ihr ein altes Sofa mit grünem Stoffbezug, daneben ein Fernsehapparat und auf der anderen Seite eine Stehlampe. Die Frau knipst die Lampe an, schaltet den Fernseher ein, kauert sich davor auf den Boden und schaut sich Bilder einer Verhaftung an. Diese Szene aus Eszter Salamons neuer Produktion „And then“ könnte aus einem Film von David Lynch stammen. Bei Lynch würden sich die Fernsehbilder und die Geschichte der Unbekannten vermutlich bald zu einer mysteriösen Entführungsgeschichte verstricken. Auch Salamon arbeitet mit der Vermischung verschiedener Bildebenen und Erzählstränge. Der Film ist dabei jedoch nur einer von zwei Handlungsräumen.

Vor der Leinwand, die die gesamte Rückwand der Bühne ausfüllt, spielt sich parallel dazu noch ein szenisches Geschehen ab, das visuell ähnlich artifiziell wirkt wie die Filmbilder. Aus dem Dunkel taucht plötzlich eine Frau in einem Lichtkegel auf und erklärt mit einer Playback-Stimme, sie sei eine Sängerin. Außerdem habe sie als Managerin für ein Software-Unternehmen in London gearbeitet und sei im Zuge ihrer Immigration nach England assimiliert worden. Dann tritt eine andere Frau auf und berichtet vom Ende des kommunistischen Ceausescu-Regimes in Rumänien und von der Ausbeutung bei der Fabrikarbeit. Als nächstes berichtet eine weitere von der Auswahlprozedur an einem ungarischen Tanzkonservatorium und ihrer Entscheidung, gegen den Willen ihrer Eltern nach Paris zu gehen, um dort Karriere zu machen.

892 Eszter Salamons 

Zu den Frauen auf der Bühne gesellen sich im Film zahlreiche weitere vom Teenager bis zur reifen Frau. Auch sie treten auf und erzählen auf Englisch und Ungarisch von ihren Leidenschaften, aber auch von dem ihnen widerfahrenen Leid. Über die Untertitel erfährt das Publikum von schmerzlichen Trennungen und Arbeitslagern, von körperlicher Gewalt und von der ersten Liebe, von den Folgen der Globalisierung und vom Altern. Was die Frauen im Bild mit den Darstellerinnen auf der Bühne verbindet, ist ihr Name: Eszter Salamon. Insgesamt 892 Namensvetterinnen konnte die Choreographin in Europa und in den USA ausfindig machen. Es sind ihre Lebensgeschichten, die Eingang in Salamons sprach- und bildlastige Inszenierung gefunden haben. Tanz ist in „And then“ nur selten zu sehen. Stattdessen wird des Öfteren gesungen, denn eine der Eszters auf der Bühne ist tatsächlich eine gute Sängerin.

Das Präsentationsformat dieser quasi-dokumentarischen Arbeit ist verblüffend. Eine vergleichbare Mischung aus visuellem Theater, Experimentalfilm und Musical hat man so noch nicht gesehen. Durch die im Laufe der Aufführung zunehmende Verschachtelung der Handlungsräume sowie durch den Einsatz von Licht- und Tontechnik konstruiert Salamon eine äußerst perfekte, wenn nicht sogar sterile Szenerie, die die fragmentarischen Erinnerungen der diversen Eszter Salamons zusammenhält. Statt ihre lebenden „Fundstücke“ also wie Readymades ins Theater zu holen und auf der Bühne auszustellen, baut Salamon eine über 90minütige Doku-Fiktion, in der für die Zuschauer weder verschiedene Identitäten noch Erinnerung und Erfindung auseinander zu halten sind.

Polyphoner Anekdotenstrom

So entwirft sie mit Hilfe ihres Namens ein polyphones Porträt, ohne die eigene Lebensgeschichte - jene einer von Ungarn über Frankreich nach Deutschland ausgewanderten Choreographin - in den Vordergrund zu stellen. „Je est un(e) autre“, könnte man frei nach Rimbaud sagen: Ich ist eine andere. Das Problem des Stücks liegt in seiner Dramaturgie. Mit der Zeit wird das Ganze langweilig. Die angerissenen Themen werden nicht vertieft, und der Strom der persönlichen, wenn auch teilweise explizit politischen Anekdoten nimmt kein Ende. Übrig bleibt eine nostalgisch-melancholische Grundstimmung, die man nur allzu gerne abschütteln würde. Bei einer Videoinstallation könnte man selbst entscheiden, wann es genug ist. Im Theater jedoch bleibt man im Dunkeln sitzen, bis der letzte Song verklungen und Eszter gerade noch einmal mit dem Leben davon gekommen ist.

(1.9.2007)