„Ihre Kritik...“

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KULTURSTADTRAT ANDREAS MAILATH-POKORNY ANTWORTET



Sehr geehrter Herr Ploebst!

„Streit gefunden!“ Danke für Ihre Anregungen auf corpusweb.net – ja, so war das durchaus gemeint, dass ich Streit suche (wenn ich auch Ihre hämischen Bemerkungen, weder über manche Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer noch über das Odeon, nicht nachvollziehen kann).

Zunächst zu Ihrer Kritik an der Moderatorin Corinna Milborn. Sie moderiert seit geraumer Zeit mit großer Anerkennung die „Wiener Vorlesungen“ und auch den „Club 2“, und ist in der Zwischenzeit zur stellvertretenden Chefredakteurin von News berufen worden. Eine angebliche Nähe von „News“ zur Sozialdemokratie kann ich beim besten Willen nicht erkennen.

Wir haben für diese Veranstaltung eine erfahrene und kompetente Moderatorin gesucht, die sich auf viele Unbekannte einstellen musste: Der Kongress war völlig offen zugänglich, wurde öffentlich beworben, wir wussten deshalb nicht, wie viele und welche Menschen unseren Einladungen folgen würden und wie sich die Gespräche in den unterschiedlichen angebotenen Formaten entwickeln würden. Und ich finde, sie hat ihre Sache sehr souverän und trotzdem lebendig und anregend gemacht. Ihr taxfrei Ahnungslosigkeit zu unterstellen, Diedrichsen allein jedoch Intellektualität zuzusprechen, ist angesichts der Biographie von Corinna Milborn billige Polemik.

Zur Wehr setzen will ich mich auch gegen einige konkrete und – wie ich meine – unangemessen untergriffig formulierte Vorwürfe. Zum einen habe ich Sigrid Gareis selbstverständlich nicht „demontiert“, wie ich sie (oder irgendjemand anderen) zuvor auch nicht „montiert“ habe. Diesem Leitungswechsel im Tanzquartier sind zahllose und nicht immer einfache Gespräche vorausgegangen, ein international und mit großer Sorgfalt durchgeführtes Verfahren hat zu einem mittlerweile breit anerkannten Ergebnis geführt. Dass unterschiedliche Persönlichkeiten auch unterschiedliche Schwerpunkte setzen, versteht sich nicht nur von selbst, sondern ist ein ganz wesentlicher Aspekt, warum solche Verfahren so konstruiert werden.

Dasselbe gilt für die Auswahl von Kuratorinnen und Kuratoren. Und auch hier finde ich ihre Etikettierungen von „progressiv“ und „pragmatisch“ geradezu fahrlässig vereinfachend: Das genau so, und gerade von Ihnen in Ihrem Medium zu lesen, erstaunt, um nicht zu sagen: erschüttert mich. Sie weisen doch selbst in ihren vielen Kritiken mit großer Hartnäckigkeit darauf hin, wie fadenscheinig der Schleier der inflationär behaupteten „Progressivität“ geworden ist, mit dem sich jegliche Beliebigkeit inzwischen zur feschen Braut für ein postmodernes Publikum herausputzt.

In den letzten drei Jahren – die ich Ihrer Ansicht nach damit verbracht habe, das „Zeitgenössische“ meiner eigenen Theaterreform zurückzuziehen – zeigt sich an vielen Orten, wie langsam, aber sicher die begonnenen Reformvorhaben Früchte tragen; zum diesem Thema empfehle ich die Lektüre der aktuellen Ausgabe von „Theater heute“ – ein großer Artikel samt Titelbild sieht die Reform keineswegs „vorerst in den Sand gesetzt“.

Die Mitarbeiter der MA7 und meines Büros – von Ihnen mit spitzen Fingern despektierlich als „städtische Kulturbeamte“ zitiert – arbeiten selbstverständlich in enger Abstimmung mit mir und vernetzen sich so wie ich selbst mit überregionalen und internationalen Expertinnen und Experten. Sie haben Ihnen nicht lapidar mitgeteilt, ab 2012 sei „der Ofen aus“, sondern dass angesichts einer alles andere als ermutigenden Budgetlage jene Mittel, aus denen corpusweb.net über viele Jahre gefördert worden ist, auf ihren Widmungszweck konzentriert werden müssen: Die freie Theaterproduktion. Im übrigen möchte ich betonen, dass corpusweb.net auch 2011 mit € 30.000 gefördert wird.

Dass Sie das Bemühen meiner Mitarbeiter, andere Finanzierungswege für die Zukunft aufzuzeigen und Unterstützung anzubieten, als zynisch oder peinlich qualifizieren, ist ihr subjektives Recht, hat aber nur noch wenig mit journalistischer Sorgfalt zu tun.

Ihre Kritik, dass keine einzige Person die große Gruppe der Kulturschaffenden mit Migrationshintergrund repräsentiert hat, nehme ich ernst – wiewohl das ein wenig auch daran lag, dass manch ein Eingeladener nicht gekommen ist. Wie auf dem Weblog ersichtlich ist, wurde das Thesenpapier unter anderem von Farid Hafez mitverfasst, Politikwissenschafter und Gründer der muslimischen Jugend Österreichs.

Auch ich habe die Diskussionsrunden an den Thementischen, und was ich darüber von anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern gehört habe, sehr positiv gefunden – allein, dass (wie sie schreiben) Menschen miteinander Gespräche geführt haben, die sie ansonsten nicht geführt hätten, ist mir schon viel wert. Und nicht jeder, der nicht Geifer vor dem Mund hat, ist gleich ein Speichellecker!

Immerhin gestehen Sie mir Erfolge zu, die ich mir selbst versage: Und ganz in diesem Sinn lade ich Sie herzlich ein, weiter zu streiten, mich weiter dazu anzuspornen, konsequent dranzubleiben, „Wien weiter zu denken“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Andreas Mailath-Pokorny
amtsf. Stadtrat für Kultur und
Wissenschaft in Wien

http://www.mailath.at
http://www.wien-denkt-weiter.at

Anmerkung der Redaktion: Dieser Brief wird hier unverändert und ungekürzt wiedergegeben, es wurden lediglich zwei Tippfehler korrigiert.

(22.6.2010)