Im Auge des Staubsaugers

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"ERASE REMAKE" VON DIEB13 / JAN MACHACEK / MARTIN SIEWERT ALS LETZTE PREMIERE DER ERSTEN SAISON IM WIENER BRUT-THEATER

Von Judith Helmer


Bei der Eröffnung von brut im November waren sie dabei, und nun bescherten sie der ersten Saison ein eindrucksvolles Ende: Jan Machacek und dieb13, Dieter Kovacic, mit der Video-Performance „erase remake“. Gemeinsam mit dem Musiker und Komponisten Martin Siewert arbeiten sie dabei an dem Versuch, den Körper mit seinen medial vermittelten Bildern in Berührung treten zu lassen.

Optische Tricks, die Machacek wie ein Zauberer Nummer für Nummer vollführt, sind die Hilfsmittel dieser Körperbetrachtung.  Im Setting eines provisorischen Filmstudios mit einer Leinwand in einem zeltartigen Gerüst, flankiert von zwei mit  Laptops, Plattenspielern und Mischpulten besiedelten Musikerpulten, dreht Machacek übliche Sehgewohnheiten um. Hier steht der leibhaftige Körper im Hintergrund und konfrontiert sich bis zuletzt nicht direkt mit dem Gegenüber Publikum. Größere Präsenz haben seine live aufgezeichneten, bearbeiteten und mittels Speicher vervielfältigten Bilder. Der Körper verliert spielerisch die Souveränität und übergibt diese seinem Abbild, um damit das Schema der Repräsentation hinter sich zu lassen. Der Körper des Performers wird sogar zum Statisten seiner eigenen Aufführung, wenn er ein Blatt Papier hält, damit Bilder darauf projiziert werden können. In solchen Momenten scheinen die Dinge mehr Präsenz zu haben als die Person.

Haare im Sturm

Der Zauberer Machacek versucht dabei nie, seine Tricks zu verbergen, sondern stellt diese so bewusst wie beiläufig aus. Mehrere kleine Kamera-Module sind in Alltagsgegenständen versteckt und nähern sich so dem Objekt der Seh-Begierde, dem Körper. Im Auge des Staubsaugers etwa befindet sich der Betrachter, wenn Machacek den saugenden Schlauch, dessen Gebrumm in die Musik von dieb13 und Siewert integriert wird, über seinen Körper fahren lässt. Bedrohlich wirkt das eingesogene Fleisch der Finger, und wie ein Urwald im Sturm erscheint die behaarte Haut. Kleinste Details der Hautoberfläche werden auch mit einem Scanner eingefangen und großflächig projiziert, sodass der Betrachter irgendwann nicht mehr unterscheiden kann, ob er ein Bild der Haut oder die Haut eines Bildes sieht, wie schon Marc Ries in der Jurybegründung für den Diagonale-Preis Innovatives Kino meinte, den Machacek im Vorjahr für den gleichnamigen Kurzfilm zur Performance „erase remake“ erhielt.

Der Versuch, mit den Bildern in Berührung zu treten, wird also sehr wörtlich verstanden, wenn Machacek sein Gesicht auf die Scannerglasscheibe presst oder von der Kamera im Staubsauger eingesogen wird. Auch sonst findet der als Bildhauer und Bühnenbildner ausgebildete Künstler konkrete bildliche Übertragungen von Phänomenen wie der Überschreibung des Körpers oder seiner Fragmentierung. Da werden auf Fotopapier Schattenrisse des Körpers und Gegenständen belichtet und immer wieder neu überschrieben oder per Live-Bearbeitung mit einem technischen Kunstgriff das Bild eines an den Gelenken gekappten Körpers erzeugt. Wie eine Marionette mit losen Gliedern tanzt Machaceks Abbild so verdreht zu Jahrmarktmusik.

Letzter Vorhang im Loop 

Ein performatives Spannungsfeld entsteht durch die Gleichzeitigkeit der Live-Performance und ihrer zeitverzögerten Wiederholung und Variation auf der Leinwand. Der Umgang mit der Technik ist dabei so virtuos (was wiederum in schönem Kontrast zu dem beiläufigen Agieren des Performers bei  den offenen Umbauten steht), dass man als Zuschauer gerne jedem optischen Trick auf den Leim geht, obwohl kein Hehl aus der künstlichen Herstellung der Bilder gemacht wird.

Auch die Musik, die einen stringenteren Zusammenhalt hat als die Einzelbilder der Performance, arbeitet mit dem Zusammenspiel von Reproduktion, Improvisation und Komposition, von akustischen und elektronisch generierten Klängen. Die Szenen werden fast liebevoll mit jeweils passenden Genrezitaten wie etwa der Jahrmarktmusik zur Attraktion des Körpers ohne Scharniere begleitet. Rhythmische Steigerungen, Überlagerungen von Schleifen unterstützten die szenischen Verdichtungen. Der letzte Vorhang  fällt als Bild im Bild immer und immer wieder, bis er sich so oft dubliziert hat, dass er sich schlussendlich selber auslöscht in den Tiefen der zweidimensionalen Projektion. Remake und erase.

Das Bild des Körpers jenseits der Repräsentation hat in dieser Arbeit eine erstaunliche Präsenz und bleibt doch eine weiße Leinwand für die individuellen Assoziationen des Zuschauers. So setzt diese so komplexe wie sinnliche brut-Produktion einen markanten Schlusspunkt hinter die erste Saison des Koproduktionshauses, das in den vergangenen so viele unterschiedliche Bilder davon erzeugt hat, was zeitgenössisches Theater und seine verwandten Spielformen sein können und welche Assoziationsräume es eröffnen kann.


(04.07.08)