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VINCENT DUPONT ERÖFFNET DIE NOUVELLE VAGUE-REIHE FRANCEDANSE EUROPE / AUTRICHE IM TANZQUARTIER WIEN
Von Judith Helmer
David Lynch und Edward Hopper sind die
stilistischen Paten der „Jachéres improvisations“ (dt.
„Brachliegende Improvisationen“) des französischen Schauspielers und
Choreografen Vincent Dupont. Film, Gemälde, Sound und Tanz - dieses Quartett
der verwandten und fremden Genres lässt Dupont, der zuvor unter anderen mit
Boris Charmatz (in „herses - une lente introduction“) und der Filmemacherin
Claire Denis („J'ai pas sommeil“) gearbeitetet hat, in einen stillen Dialog
treten.
Das Setting ist bestechend klar: ein Guckkasten
mit einer offenen vierten Wand im breiten Kinofilmformat. Darin ein reduziertes
Wohnzimmer: Sofa, Sessel, Stehlampe, bevölkert von einem Paar. Myriam Lebreton
und Eric Martin, großgewachsen, hager, einander noch ähnlicher als der
Künstlerzwilling deufert und plischke.
Auf der dunklen Vorderbühne an
Soundpulten Vincent Dupont und Thierry Balasse, die den Zuschauern ihre
akustischen Improvisationen via Kopfhörer ganz nahe bringen.
Bereits im Februar 2007 hatte Dupont - ebenfalls
mit Thierry Balasse (Sound) und Yves Godin (Licht) - mit „HAUTS CRIS (MINIATURE)“ einen
klaustrophobischen Alptraum im Wohnzimmerkontext präsentiert. Dieses Thema
spinnt er mit den „Jachéres improvisations“ weiter. Die Abwesenheit,
unbestimmte Suche und Verlorenheit von einem Paar auf engem Raum, das sich nie
berührt, ja sich nie wirklich zu sehen scheint, ist beängstigend offen für die
Assoziationen der Zuschauer - wie die unaufgeklärten Kriminalfälle in Filmen
von David Lynch und dabei so alltäglich wie die Sujets der Bilder von Edward
Hopper.
Blinde Flecken
Es sind bewegte Einzelbilder eines unbekannten
Films, die Dupont präsentiert. Zwischen sich wiederholenden Black outs lenkt er
den voyeuristischen Blick auf Szenen in extremer Slow Motion. Doch das Licht
scheint immer genau dann angeknipst zu sein, wenn ein Ereignis gerade beendet
ist, oder es wird ausgeschaltet, bevor etwas passiert oder sichtbar wird. So
produziert Dupont blinde Flecken der Wahrnehmung - gerade obwohl alles denkbar
einsehbar ist.
Auf akustischer Ebene nähern sich Dupont und
Balasse flüsternd dem Zuschauer. Der Sound kommt über die Kopfhörer ganz nah an
den Einzelnen heran, um ihm dann den Boden unter den Füßen wanken zu machen.
Immer wieder rollt der Klang vom linken ins rechte Ohr, wie eine Murmel in
einer Glasschale. Schwankend machen den Rezipienten schließlich auch die nur
scheinbar klaren, überästhetisierten Bilder ohne Worte im Guckkasten. Wie die
Körper zu- oder besser gesagt gegeneinander ausgerichtet sind, erzeugt
Spannungen, ebenso wie die starr gegen die Wand oder ins Nichts gerichteten
Blicke, ohne dass auf narrativer Ebene auch nur ein Anhaltspunkt greifbar wäre.
Das Licht lässt dann auch noch Ähnliches ganz unterschiedlich wirken. So
liefern einem die Sinne Eindrücke, die nicht in einem sicheren Verständnis der
Situation münden, und die Wahrnehmung beginnt zu flirren.
Entzauberung
Zum Schluss bricht Dupont diese kluge Stringenz.
Eine vor dem Guckkasten auf dem Boden liegende Luftmatratze hatte es schon
ahnen lassen: Die beiden Performer treten aus ihrer Wohnzimmerwelt auf die
Bühne. Den stummen Szenen folgt nun nachträglich eine (v)er(un)klärende Betextung
mit dem dritten Buch „Donne“ (dt. „Gebe“) aus Christophe Tarkos' „Ma Langue“
(dt. „Meine Zunge“). Seine mit falschen Anschlüssen und grammatikalischen
Fehlleitungen spielende Dichtung variiert die Themen der gesehenen Bilder in
einer den Schnitten und neuen Verbindungen entsprechenden Art: „um es
anzunehmen dich es habe tag um später verlieren / wäre es du das warum der nun
haben wir uns nicht", so zwei der von Isolde Schmitt übersetzten Zeilen.
Entzaubert und durch die nun bestätigte Wahrnehmung enttäuscht verlässt der
Zuschauer den vorher so virtuos fehlbeschriebenen Sinnenraum.
(3. 10. 2007)
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