Im Licht dunkler Energien

Drucken

KUNST, KOMMUNIKOLOGIE UND KOSMOLOGIE: ENTFORMUNG VON HERRSCHAFT

Von Helmut Ploebst




Die Kosmologie als postmodernes physikalisches Forschungsfeld erstellt Modelle von Strukturen und untersucht die Dynamiken innerhalb des Universums. Dabei operiert sie im Grenzbereich zwischen Beobachtung und Berechnung auf zwei wissenschaftlichen Ebenen: jener des wiederholbaren Experiments auf Basis von Beobachtungen und jener der daraus schlussfolgernden und projektiven Theoriebildung.

Astronomie als Wissenschaft von den Gestirnen und Kosmologie als Wissenschaft vom Universum als Ganzem produzieren Weltbilder beziehungsweise Weltszenarien. Ihre Performative beeinflussen alle wissenschaftsorientierten Gesellschaften. Und die Geschichte der Kosmologie führt ab der Vorstellung von einer flachen Erde mit darüber gespannter Himmelskuppel über ein geozentrisches und weiter zu einem heliozentrischen Weltbild mit den bekannten ideologiepolitischen Konsequenzen. Von da wiederum zur Erkenntnis des Eingebettetseins unseres Sonnensystems in eine Galaxie mit mindestens 100 Milliarden Sternen wie die Sonne und in weiterer Folge der Entdeckung, dass unsere Milchstraße nur eine von geschätzten 100 Milliarden weiterer Galaxien im Universum ist.

Diese Universumsgeschichte zeigt eine radikale Auflösung der Ordnung vom Eigenen als Zentrum von Allem. Die Frage, wie ein beobachtbares System wie dieses Universum, das sich seit dem Urknall über 13,7 Milliarden Lichtjahre ausdehnt, als zeiträumliche Struktur organisiert, hat zu einem Modell geführt, dem zufolge der Anteil atomarer Materie in diesem Universum etwas mehr als vier Prozent der Gesamtmasse beträgt. Der große Rest besteht aus 73 Prozent „Dunkler Energie“ und 23 Prozent „Dunkler Materie“. [1]

Auflösung von weltanschaulichen Regimen

Unter kommunikationsdiskursiver Perspektive ist hier also von vier Prozent formulierbarer und von 96 Prozent (noch) nicht formulierbarer Masse – als theoretische Größe – die Rede, die zur Grundlage für eine erneuerte Vorstellung von der Organisationsstruktur des Universums geworden sind. Damit hat sich auch die Performance (hier als kulturell konnotierte Darstellung) dessen, was sich als Kontext des menschlichen Existenzraums verstehen lässt, innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums prinzipiell ent-setzt und dabei ent-formt.

Allein die durch terrestrische und orbitale Teleskope mögliche Beobachtung beendet sukzessive die Geschichte der Gültigkeit kulturell fixierter Weltbilder und hat damit grundlegende politische Auswirkungen. Sie trägt wie die Naturwissenschaften insgesamt das Potenzial in sich, die „weltanschaulichen“ Tragwerke aller „esoterischen“ oder sonstwie ideologischen Orientierungs-, Vorschrifts- und Disziplinierungsmaschinerien aufzulösen. Der Ersatz von Mythenbildungen durch Theorienbildungen ist dabei durchaus als emanzipatorischer Prozess zu verstehen: als der Übergang von pathologisch ideologischer Fixierung zu kreativer, offener Exploration. Die Theorien von der „Dunklen Energie“ und der „Dunklen Masse“ stehen für Verifikation oder Falsifikation bereit und stellen so vor allem Sinnbilder für eine fluktuative Entwicklung von Vorstellungen über die Beschaffenheit der Welt dar.

Der deutsche Wissenschaftsjournalist Ulrich Schnabel stützt diese Auffassung in seinem Artikel über die drei Physiknobelpreisträger von 2011, den ich nach Fertigstellung, aber glücklicherweise noch vor Publikation dieses kleinen Essays gefunden habe, wie folgt: „Dass der Kosmos damit [mit der Entdeckung der „Dunklen Energie“, Anm. d. A.] eher rätselhafter wurde und unser modernes Weltbild weniger geschlossen ist als jemals zuvor, gehört zur Logik echter Forschung. Fortschritt verläuft eben längst nicht immer linear, und manchmal besteht der Erkenntniszuwachs gerade darin, mit scheinbaren Gewissheiten aufzuräumen und einen Zustand größerer Verwirrung herbeizuführen.“ [2]

Politische Restriktionen

Als Vorstellungen sind die Theorien von der „Dunklen Energie“ und der „Dunklen Masse“ genuin ersetzbar und werden auch konkurriert – etwa durch die sich aus der Stringtheorie ergebende Vorstellung von einem „Multiversum“, wie es auch schon die Quantenmechanik vor rund 50 Jahren vorgeschlagen hat. Hinsichtlich ihrer Vergesellschaftung – und nur durch diese werden sie letztendlich ermöglicht – bewegen sich alle Erkenntnisse und Theorien der Kosmologie innerhalb des „Kosmos“ der globalen Kommunikation. Die Strukturen und Dynamiken des Uni- oder Multiversums formen dort mediale Gebilde, die von diskursbildenden Funktionen getrieben werden. In einem (hypothetischen) Universalmodell der globalen Kommunikation könnten die Navigationen dieser Gebilde sehr gut beobachtet werden.

Anders als die (Natur-)Wissenschaften vom Weltall sind die (Sozial-)Wissenschaften von der Kommunikation in den vergangenen Jahren etwas aus dem Fokus der Öffentlichkeit geraten, tappen aber genauso in Gefilden dunkler Materien und Energien. Systematische Beobachtungen der Bewegungen von medialen Gebilden wie dem erwähnten sind (noch) nicht üblich. Das hat auch ökonomische Gründe. Obwohl jede Formulierung welcher Art auch immer – so auch wissenschaftliche, wirtschaftliche, religöse oder künstlerische – Teil des Metasystems der globalen Kommunikation ist, wird in die Erforschung von Kommunikation außerhalb des kommunikationstechnologischen Wirtschaftbereichs kaum investiert.

Dahinter stehen unausgesprochene, hochpolitische Motive. Gerade die systematische Erforschung kommunikativer Systeme enthält das Potenzial, alle existierenden Herrschaftssysteme in ihren Performativen (dem Theater ihrer Repräsentationen und Handlungen) zu entmystifizieren. Oder, anders gesagt, ihre Formen fokussiert zu „entschreiben“, was schlussendlich den Verlust der von ihnen herbeidelirierten Gesetze zur Folge hätte. Oder, noch einmal reformuliert, die entwickelbaren diskursiven Technologien der Kommunikationsforschung könnten allein in ihrer deskriptiven Ausrichtung eine neue Phase der Aufklärung einleiten, die jene der Kosmologie möglicherweise noch überträfe.

Kunst als „unheimlicher“ Operator

Wir sprechen hier also von zwei Organisationsmodellen. Von der Kosmologie, die Modelle herstellt, die auch das Verständnis der globalen Kommunikation fördern können, und die Kommunikologie (erweitert aus dem Vorschlag Vilém Flussers) als eine potenzielle Modellfabrik zum Verständnis der diskursiven Navigation universaler Weltszenarien, deren dunkle Materien und Energien noch zu erforschen sind. Diese Organisationsmodelle sind als Operatoren im autopoietischen sozialen System Luhmannscher Prägung von unterschiedlicher Gewichtung, weil die Kommunikationen der Wissenschaft Subsysteme im Systemraum der Kommunikation bilden. Aber auf der Ebene ihrer gestaltenden Potenziale bewegen sie sich auf gleicher Höhe.

Auf dieser Ebene sind auch die Strukturen dessen festzustellen, was wir nahsichtig als Kunst bezeichnen. Ein kommunikatorischer Operator, dessen Eigenschaften wesentlich tiefer in den Bereich der Dunkelheiten hineinreichen, die zwischen Energien und Materien sozialer Dynamiken aufgespannt sind, als die Sozialwissenschaften. Ein politisch unheimlicher Operator, dessen Entformungskräfte offenbar so stark sind, dass er enorme Disziplinierungsaktivitäten auf sich zieht. Zugleich ist die Kunst zur Produzentin und Trägerin von Strategemen geworden, die sich als „Transkriptasen“ in allen anderen kommunikatorischen Operatoren aktivieren können, beispielsweise in der Politik, aber ebenso in der Wirtschaft und der Wissenschaft.

Waren ihre medialen Eigenschaften seit Menschengedenken stets riskant, so hat die Kunst spätestens ab der zweiten Hälfte den 19. Jahrhunderts, getrieben von tiefgreifenden sozialen und politischen Veränderungen, Funktionen übernommen, die zuvor undenkbar waren. Mit ihrer sukzessiven Ablösung von der Affirmation und Mediatisierung ideologischer und herrschaftsbildender Systeme (Regime) hat die Kunst begonnen, Reperspektivierungen von Weltsichten und -szenarien zu generieren. Während in den Wissenschaften Wechselwirkungen zwischen nach außen gerichteter Beobachtung und kontrollierten analytischen Prozessen wirksam sind, finden in der Kunst Austauschprozesse zwischen Beobachtungen statt, die über asymmetrisch verarbeitete Wahrnehmungen entformt und als Verschiebungen, Transformationen oder Neubildungen in die Gesellschaft eingespeist werden. Die Wissenschaften gehen mit Hilfe von Normrastern der Frage nach, wie die Welt ist, und die Kunst geht mit denormativen Strategien der Frage nach, wie die Welt alteritär zu denken und emotional zu verarbeiten wäre.

Suche nach Gemeinsamkeiten

Dabei ist zu beobachten, dass die Determiniertheit – unter den Prämissen ursprünglich regionaler Kulturen alten Zuschnitts, die als verzweigte ideologische Wracks noch lange durch das globale Kommunikationssystem driften werden – sowohl von Wissenschaft als auch von Kunst sich aufzulösen begonnen hat. Das trifft auch auf jüngere postkulturelle Ideologien zu. Denn in der Kunst dient etwa der globale, kapitalistische Markt nur als ein Trägersystem. Antrieb für eine „Globalisierung“ der Kunst ist das gewachsene Interesse an Gemeinsamheiten zwischen den Menschen jedweder kultureller Provenienz, die Suche nach Verständigung und gemeinsamer Auseinandersetzung. Erst auf dieser Ebene wird wieder auf Differenz und damit auf einen neuen Begriff von Vielfalt rekurriert. Beschleunigt wurde diese kommunikative Entwicklung „materiell“ durch die erhöhte Mobilität auf Basis von Technologien und ökonomischer Globalisierung.

Wichtig für die Entwicklung sowohl der Kunst als auch der Wissenschaften ist die Ausdehnung von Medien als Träger der globalen Massenkommunikation. Diese Explosion der sozialen Kommunikation auf Basis der bekannten technologischen Erweiterungen hat eine Multiplikation der Performance vor allem der Naturwissenschaften bewirkt und auch den medialen Charakter von Kunst stark beeinflusst. An der neuen Funktion der Kunst allerdings hat die Medienrevolution primär nichts verändert, weil die logischen Parameter auch der neuen Medien letztlich symmetrisch geblieben sind.

Damit affirmieren diese neuen Medien formal die „neuen“ Herrschaftsstrukturen, auch dort, wo sie sie inhaltlich kritisieren. Denn sie fügen sich nolens volens deren Logiken maximaler Verbreitung und optimierter Performance (hier als Leistung verstanden). Die Art dieser Affirmation ist allerdings so heterogen, dass in einzelnen, durchaus starken Strängen immer noch der politische Anspruch zu sehen ist, der die neuen Medien mitkonstituiert hat: die Demokratisierung der Information.

Intoxikation der Kunst

Auf dieses realitätsgestaltende System greift nun der Kommunikationsoperator der Kunst zu. Wenn davon die Rede ist, dass er das mit „asymmetrischen“ Logiken tut, dann ist damit das Prinzip nichtlinearer Relevanzbildungen ebenso gemeint wie transdisziplinäre Referenzerstellungen, Projektionen von Metalogiken, assoziative Verzerrungen, subjektive Regulativerstellungen und Praktiken semiologischer Rekombinationen, um nur einige wenige kunstkonstitutive Funktionen anzuführen. Vor allem der explorative Bereich der Kunst arbeitet also an (Im-)Methodologien der Reperspektivierung funktionslogischer, determinierter Realitätskonstruktionen. Paradoxerweise erzeugt sie damit ein vernunftgeladenes kritisches Korrektivpotenzial der meist irrationalen, pathologischen Herstellungsmethoden von gesellschaftlichen Bedingungen durch die Politik und die Wirtschaft des Spektakels.

Im Aufeinandertreffen von symmetrischen und asymmetrischen Logiken begegnen einander Kunst und Wissenschaft schon seit einiger Zeit, und sie stehen zugleich in genuiner Opposition zu den Machtdisziplinen Politik und Wirtschaft. Diese reagieren immer noch – auch in ihren pseudodemokratischen Organisationsformen – mit administrativer Regulierungsgewalt etwa durch exkludierende Finanzierungsmaßnahmen. Angesetzt wird nicht in erster Linie an den medialen Gebilden von Kunst und Wissenschaft, sondern an den diskursbildenden Funktionen. Denn solange die gesellschaftsanbindenden diskursiven Netzwerke der Kunst möglichst unterdrückt werden, können ihre medialen Gebilde als exotische oder elitistische Phänomene isoliert und beliebig vereinnahmt, also einigermaßen gesteuert werden.

Über Strategien von Markt und Vermittlung wird der Operator Kunst toxisch durchsetzt. Beide funktionieren häufig als diskursdämpfende Simulakren, die die entformenden Kräfte in der künstlerischen Kommunikation zu relativieren geeignet sind. Dazu kommt noch die Taktik der Prekarisierung von Kunstschaffenden bei gleichzeitiger Seduktion des Publikums durch ein marktgestaltetes Starsystem.

Kommunikative Transkriptasen

Das Modell der zeitgenössischen postdemokratischen Zensur ist also eines der affirmativen Suppression. Schwer zu erkennen ist es unter anderem deshalb, weil es dem administrativen Kommunikationssystem der Kunst als symmetrische Logik implementiert werden konnte. Wesentliche Halterungen bilden dabei einerseits der Pragmatismus von Distributoren und andererseits die Nahsichtigkeit so gut wie aller in die unmittelbare Dynamik von Kunstkommunikation involvierten Individuen.

So wird versucht, die Kunst „in Form“ zu halten. Dass dies schon früher unter anderen Bedingungen mit der Kosmologie durchexerziert wurde, ist bekannt. Doch die Kosmologie hat niederschwellige und diskursmächtige mediale Attraktoren in das Kommunikationssystem eingeschleust, die ihr heute schier unbegrenzte Mittel einbringen. Unter Attraktoren sind hier dem Spektakel entwendete Großzeichen zu verstehen, die von demselben Spektakel transkribiert, angezogen und in seine „Kommunikations-DNS“ eingebaut werden. Sie bilden gewissermaßen auch ein mögliches subversives Modell für künftige kommunikative Operationsstrategien der Kommunikologie und der Kunst.

Die Kosmologie ist an einem Punkt maximalen Risikos angelangt, indem sie das wiederholbare Experiment durch asymmetrische theoretische Operationen erweitert hat. Sobald die Kommunikologie die Parameter ihrer Handlungsfelder in ein vergleichbar riskantes Feld führt, muss das Spektakel ähnliche Transkriptasen entwickeln und ihre Modelle weitreichend publizieren. Und wenn die Kunst, die eine theoretische Überschreitung der regulativen Kommunikationsfelder repräsentiert, ihre Grenzen noch weiter aufsprengt als bisher – alle Zeichen deuten darauf hin, dass dies gerade passiert –, und als praktische Agentin die sie eingrenzenden Dynamiken verwüstet, wird das Spektakel sich von selbst in ihren Transkriptasen entschreiben.


Fußnoten:
[1] Die „Entdecker“ der „Dunklen Energie“, die US-amerikanischen Astrophysiker Saul Perlmutter, Brian P. Smith und Adam Riess, haben gerade den Physiknobelpreis (2011) erhalten.
[2] Schnabel, Ulrich: „Mehr, als das Auge sehen kann“. In: Die Zeit Nr. 41, 6. 10. 2011, S. 41.


(10. 10. 2011)