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EIN VERSUCH ÜBER SCHULE, PERFORMANCE UND MEDIEN IN 7 PROJEKTIONEN
Von Daniel Aschwanden
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In der Performance der Macht war es im 17./18. Jahrhundert Louis XIV, absolutistischer König von Frankreich, der als erster Performer im Staate sowohl dessen erster (Vor-)Tänzer als auch die erste Autorität des Strafens war. Über die sogenannten „lettres de cachet“, dem verschriftlichten Befugnis, jemanden ins Gefängnis zu bringen, hielt er seine Kasse flüssig und verkaufte diese Macht zwar teuer - aber mehr oder weniger nach Belieben. Das Gefängnis war eher ein Ort für Schuldner und Pechvögel, die durch die „lettres“ hinkamen und sich nicht freikaufen konnten, denn ein Ort des Strafens. Gestraft wurde in einem öffentlichen Spektakel. Es fehlte der institutionelle Chakter - und ganz ähnlich sah es beim Lernen aus. Das institutionelle Lernen wurde nach Michel Foucault erst in einer späteren Phase der Modernisierung ins Konzept des Überwachens und Strafens integriert. Historisch geschah das nach der Revolution mit ihren neuen Werten von Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit. Das Strafen wurde abstrahiert und in der Gefängnisanstalt systematisiert - als Entzug des Privilegs der Freiheit im Verbund mit Training und Üben, Arbeit an der Seele, Lernen also. Die moderne Zwangsinstitution selbst zeichnete sich durch die Abwesenheit von Theater (im Sinne des früheren Strafspektakels) aus. Die institutionelle Verwandtschaft der Schule hat hier ihren Ausgangspunkt.
Observatorien wurden arrangiert wie militärische Lager, ein Modell, das gleichermassen für Schulen, Hospitäler und Gefängnisse angewendet wurde und mit beginnender Industrialisierung auch in Fabriken zur Anwendung kam. Der perfekte Disziplinerungsmechanismus sollte es ermöglichen, jederzeit alles konstant zu sehen. Disziplin sollte verinnerlicht werden - und letztendlich durch den berechnenden (Über-)Blick funktionieren - und nicht durch Gewalt. So wie die Entwicklung der modernen Gefängnisse als Anstalten in Wechselwirkung von Wissenschaft und empirischer Praxis des Beobachtens und Klassifizierens eine neue Wissenschaft entwickelten, geschah das auch in den Schulen. Einsitzende Delinquenten wurden genauso wie Schüler zu „Objekten des Wissens“.
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Mittlerweile ist die Disziplin so weit verinnerlicht, dass diese Aspekte der institutionellen Maschinerie in Zentraleuropa eher in den Hintergrund gerückt sind. Pink Floyds selbst bereits nostalgische Rockoper „The Wall“ wirft einen ebensolchen Blick zurück auf die klassisch autoritäre Institution Schule, Michael Endes „Momo“ und neuerdings etwa die „Hexe Lilly“ nehmen in einer Retrobewegung das Modell mechanistischer Gleichschaltung und Automatisierung auf - aber sind diese Metaphern denn überhaupt noch gültig? Wie funktionieren das Lernen und die Performance des Lernens zeitgenössisch? Und welches sind die passenden Metaphern? Ist nicht „Matrix“ mit ihren sciencefictionhaft flüssigen Räumen näher dran?
Und ist es ein Zeichen der Demokratisierung der Macht des Blickes - oder ein Zeichen ihrer Totalisierung, wenn über Internet, geotaggende Mobiltelefone sowie audiovisuelle Medien totale Kontrolle ausgeübt werden kann? Und die Gläsernheit eines jeden in Foren wie Facebook, Flickr und dergleichen kultiviert wird?
Die Schule ist im Regelfall eine das Leben der Lernenden nach einem genauen Zeitplan strukturierende, staatliche Institution geblieben. Es geht aber inzwischen mehr um Normierung denn um Disziplinierung. Und ein weiterer Paradigmenwechsel hat stattgefunden: Wissen ist Macht, Bildung eine Chance, sich daran in besserer Position zu beteiligen. Die Terminologie ist eine andere. Selbstverwirklichung steht für den Kampf um den Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie. Realisiert damit die Schule als Institution des Lernens die differenziertestmögliche Entwicklung der sie besuchenden Individuen oder ist sie nur einfach ein raffinierteres Instrument gesellschaftlicher Normierung im Dienste des Kapitals? In dieser Ambivalenz - schwankend zwischen staatlicher Zurichtung durch Disziplinierung, Normierung, Kontrolle und dem Begriff der Freiheit, wozu die zukünftigen Bürger erzogen werden sollen - befindet sie sich mehr als je.
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Täglich spielt er - vor demselben Publikum. Und die Metapher des Performers, der sein Publikum in der Tasche hat - es „kennt“ - ist in diesem Fall ganz konkret zu verstehen. Er ist über jeden Einzelnen aufs Genaueste im Bild, nachdem die Zuschauer, die ständig in derselben Konstellation erscheinen zum Besuch der Performance verpflichtet sind. Zwang und Pflicht rahmen die Beziehung, selbst wenn genuine Motivation angestrebt wird. Die Dauer der Performance ist normiert und wird klassisch durch Klingelzeichen zu Beginn und Ende markiert. In kurzen Pausen zwischen den einzelnen Einheiten eilen Performer und Publikum oft auch in eine andere Vorstellung im nächsten Saal. Die Veranstaltungen haben Seriencharakter. Im Multiplex des Lernens läuft das Programm tagsüber. Simultan. Die Performance hat oftmals einen interaktiven Charakter. Das Publikum, auf maximal 25 bis 30 Personen pro Aufführung festgelegt, spielt mit. Es soll sich zumindest verpflichtet dazu fühlen. Die Zuseher haben wirklich zu verstehen, was (vor)gegeben wird - insofern haben die Performances eine stark didaktische Struktur.
Beim Eingang steht keine Kasse, die Kosten werden gegebenenfalls vorher beglichen. Bisher war es ein gesellschaftliches Ziel, dass der Staat für die Vorstellungen aufkommt, die er selber auch in Auftrag gegeben hat. Er baut ebenso die multifunktional ausgestatteten Multiplexe. Privat finanzierte Häuser geniessen grössere Programmfreiheit und sind durch eine Akzentuierung auf bestimmte ideologische oder religiöse Werte geprägt, eine eher kostspielige Angelegenheit.
Die Performer entscheiden sich nach wie vor bevorzugt für frontales Spiel, obwohl mittlerweile verschiedene Settings zur Wahl stehen. Ein weiterer Standard, der sich beim Bühnenbild hartnäckig hält sind Bürotische, die das Publikum paarweise sitzend organisieren. Manchmal werden diese Tische zu Kreisen arrangiert oder formen - jeweils an den vorderen Enden zusammengeschoben - Inseln im Raum.
Nachdem der Performer höchstpersönlich prüft, müssen die Besucher der Vorstellung konzentriert folgen, und sie sind ebenso gefordert, diese zu verstehen. Er verordnet auch oftmals Hausarbeiten zu vergangenen oder für zukünftige Vorstellungen. Die Darbietung darf nicht gestört werden. Bei Auffälligkeiten greift der Performer durch, weist allfällige Störenfriede aus der Vorstellung, belegt sie im Extremfall mit Hausverbot oder zitiert die Eltern des Unfolgsamen auch schon mal ins Theater.
Die Performer sind für die gute Stimmung im Aufführungsraum verantwortlich. Obwohl Sie sich, wie wohl alle Performer, vor ihrem Publikum fürchten, fürchtet sich dieses noch mehr vor ihnen. Es herrscht ein Wettbewerb darüber, wer das Dargebotene am Besten versteht, und jeder Einzelne will vom unbestrittenen Star der Veranstaltung, dem Performer, gelobt und besonders beachtet werden, zumindest aber nicht getadelt. Dadurch, aber auch durch seine Funktion als Zeremonienmeister der rituellen Handlungen, geniesst er eine in der Regel unbestrittene Machtposition, sein Status ist nahezu unanfechtbar, er ist der „King“.
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Der König tanzt nicht mehr in Frankreich. Doch lohnt hier nochmals ein Blick zurück: Der Tanz wurde nicht zuletzt zum Mittel der Disziplinierung der Adligen, ehemals ländliche „Warlords“, die Louis XIV - der Erfinder des Höflings - an seinen Hof geholt hatte und nun sowohl beschäftigen wie auch kontrollieren musste. Generationen von Lehrern haben stellvertretend seine Position eingenommen, und die „Königsdisziplin“ Ballett hat mittlerweile viele Transformationen zur strengen, gutbürgerlich-repräsentativen Ausdrucksform durchlaufen und befindet sich doch auch bereits wieder jenseits davon. Die exzessive Disziplinierung galt und gilt weitverbreitet noch als Primärqualität zur erfolgreichen Meisterung der damit verbundenen Herausforderungen.
Neuerdings stellt sich allerdings heraus, dass diese Annahme täuscht und vielmehr die Rigidität eines verhärteten Systems abgebildet hat, das generell Unterwerfung zum Ziel hatte - die Unterwerfung des Körpers -, aber gemeint war natürlich auch die Seele, der Geist. Der Tänzer sollte seine Lust und Freiheit darin finden, (s)ein perfektes Instrument, den wohltrainierten Körper dem Choreografen zur Verfügung zu stellen, der mit seiner Arbeit, dem (Kunst-)Werk stellvertretend für den absolutistischen König stand und stellvertretend für die absoluteste Macht, Gott selbst.
Die gängige, demokratischere Version geht eher von der Annahme aus, dass Form und Körper zueinander finden, dass jeder Körper seine Form der Form findet. Die Form ergibt sich, indem der Körper sich zwar an einer grossen Form orientiert - aber es gibt keinen falschen Körper. Die Form findet sich durch jeden Körper, der sich intensiv genug damit auseinandersetzt. Diese Geste ist eher von Freiwilligkeit, sich einstellen, hinhorchen geprägt denn von Zwang. Es zeigt sich, dass selbst Ballett von einem holistischen Standpunkt aus praktiziert werden kann, wie er vermehrt durch die New Dance-Praktiken (Contact Improvisation, BMC, Authentic Movement ) und ihre Nähe zu meditativen Techniken (Yoga, Tai-Chi) oder Systemen wie Feldenkrais etc. eingebracht wurde. Methodisch mag das mit Selbstdisziplinierung zu tun haben, aber eher im Sinne der (Selbst-)Ermächtigung. Sogar im Ballett werden mittlerweile Alignment, also Verkörperung der Struktur und nicht nur der Vollzug oder die technische Fähigkeit dazu angestrebt. Gleichzeitig sind die Tänzer in fortschrittlich arbeitenden Gruppierungen als Co-Autoren nicht nur akzeptiert, sondern gefordert und anerkannt.
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Weshalb aber sind die Lehrer notwendig? Befinden wir uns nicht in einer Zeit, die als Herausforderung ein schier unermessliches Set von Lernmöglichkeiten bereithält, lernen als Chance, Wissen als Waffe im Überlebenskampf propagiert und dafür ein Arsenal an neuen Methoden wie E-Learning, dezentrales, personalisiertes Lernen zur Verfügung stellt? Lernen als Kampftechnik? Ist das die erste Vergegenwärtigung einer heraufdämmernden Zukunft? Ist es überzogene Unterwerfung an die verinnerlichten gesellschaftlichen Normen und somit auch eine symptomatische Entgleisung der Institution, wenn Jugendliche tatsächlich zur Waffe greifen und gewalttätig werden?
So sehr der eigene Lernimpuls von Bedeutung ist, so sehr zeigt sich etwa im Feld des Tanzes, dass die Anwendung eines Körper-Wissens der Vermittlung in hoher Kompetenz bedarf. Weil hier eine Art Blindheit des Lernenden sich selbst gegenüber offensichtlich wird und weil scheinbar die Umsetzung dieses Wissens der Korrektur von Aussen bedarf. Denn die Selbstbilder, die Selbstwahrnehmung stimmen nicht mit der realen Situation überein.
Die Lehrperson vermittelt einerseits Vertrauen und stärkt den Lernimpuls, führt jedoch auch in einer vielleicht am besten als schamanistisch zu bezeichnenden Weise durch „die Zonen“, unwegsames Gelände voller Gefahren und noch unbenannter Fallen, die sowohl körperlich als auch geistig bewältigt werden müssen. Der Lehrer tut das Kraft seiner Autorität, die er aus eigenem Wissen und Erfahrung bezieht. Er kennt seine Schüler - und übernimmt Verantwortung für sie. Das bedeutet, dass er sie zur eigenen Autonomie leitet und dahin entlässt. Jenseits rein fetischhaft vermittelten funktionalen Wissens fördert er die Entwicklung emotionaler Intelligenz. Die gute Performance eines Lehrers vermittelt als Kernkompetenz etwas, dass man wohl „lernen lernen“ nennen könnte. Das hilft den Lernenden, sich selbst als Performer mit ihren Stärken und Schwächen in Bezug auf das Lernfeld und die wirksamen Kontexte zu erkennen und dann auch dementsprechend zu handeln. Insofern ist Lernen auch mehr als eine Technik zur Anhäufung funktionalen Wissens, sondern vielmehr ein prozesshafter Akt, dessen Performance dynamisch verläuft. Der zeitgenössisch performende König hat das verstanden - und auch, dass er in einem Meer von anderen Königen agiert.
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Die Zauberschule liegt näher als wir denken, und nicht nur in der filmischen Umsetzung von Harry Potter-Romanen. Und dass sich da tatsächlich Könige und Zauberer ganz selbstverständlich tummeln, ist in Zeiten von „Second Life“ nichts Ausserordentliches. Während der Zweite Körper bislang als Phänomen im Zusammenhang mit dem institutionellen Körper von Königen oder Machthabern und Göttern gesehen wurde, hat sich durch die Digitalisierung und Virtualisierung von Fantasy- aber auch Kriegsspielen ganz unerwartet eine allgemein zugängliche Entwicklung von ungeahnten Dimensionen ergeben. Tatsächlich sind Avatare eine mediale Manifestation von Zweitkörpern, und wenn wir in sie schlüpfen, hat das eine ganze Menge Konsequenzen, abgesehen davon, dass bereits eine eigene Schattenwirtschft in diesem Bereich besteht und er zu den Zukunftsmärkten gehört.
Medienerziehung ist ein Stichwort, das gerade auch in diesem Zusammenhang fallen muss. Niemand bezweifelt, dass es Sinn macht, in den Schulen das Alphabet und in der Folge lesen und schreiben zu lernen - aber obwohl unsere Gegenwartsgesellschaft in ihrer jetzigen Form ohne Medien augenblicklich zusammenbrechen würde, sind wir weit entfernt davon, dieses Faktum anzuerkennen und einen bewussten Umgang damit zu suchen - das heisst, einen Umgang jenseits von Verdammung oder Glorifizierung. Dazu gehört neben angewandter Medienforschung vor allem eine hochwertige Medienerziehung. Derzeit machen die meisten Schulen ein schlechtes Bild bezogen auf ihre Medienkompetenz. Meistens beschränken sie sich darauf, sich abzugrenzen. Konzepte für eine systematische Medienerziehung fehlen weitgehend und werden derzeit eher zögernd und vereinzelt im Kunstbereich entwickelt. Kapituliert die Gesellschaft vor dem Ansturm der Medien, die im Dienste des Kapitals arbeiten, schon im Vorfeld, um sich weder mit den kognitiven noch den psychischen Folgen befassen zu müssen? So ist eine seltsame Grauzone entstanden, die sich der Aufmerksamkeit der Schulen wie der Eltern entzieht, da die Wirklichkeit sich so viel schneller entwickelt hat als die Familien und die gesellschaftlichen Institutionen integrieren können - oder auch wollen.
Mittlerweile sind oftmals bereits Zwölfjährige ihren Lehrern und Eltern in Fähigkeiten wie Mediengebrauch und praktischem Medienverständnis meilenweit voraus. Allerdings werden sie ziemlich alleine gelassen mit den Auswirkungen. Den Medien nicht bewusst gegenüberzutreten bedeutet schlicht und einfach, manipuliert zu werden - grenzenlos. Und selbst das unsanfte Erwachen durch sich häufende Schüsse auf Schulgeländen zeigt überwiegend Ratlosigkeit. Was tun, wenn frustrierte, alleingelassene Jugendliche Spiel und Wirklichkeit verwechseln, sich als traurige Helden re-enacten und in einem letzten Akt in die Schlagzeilen schiessen im Versuch, damit ihrer Ohnmacht entkommen zu können? Warhols „15 minutes of fame“ für jeden werden in diesem Fall teuer erkauft und viele Unschuldige bezahlen den Preis. Anders als in den Spielen haben wir in diesem Leben nur ein Leben.
Die Abgründe der Phantasie und ihrer medialen Manifestationen als das Reich der Finsternis - wie weit sind sie Modelle, die zumindest Spuren hinterlassen: Spuren der Verhhärtung, Abstumpfung, die unter bestimmten Bedingungen des emotionalen Mangels plötzlich aktive Potentiale entwickeln können. Unabhängig von ihren Inhalten wirken Medien immer auch als Medien. Das war Marshall McLuhan („The medium is the message“) schon sehr früh klar, allerdings hat dieses Wissen noch nicht wirklich populäre Anwendungen gefunden. Die Medien blicken zurück, und es braucht persönliche Festigkeit, um diesem Blick standzuhalten. Die Grenzen zwischen Realität und ihrer Simulation sind fliessend - und die Bewegung geht in beide Richtungen.
Aus Mangel an Übersetzern fehlt es an Übersetzungen zwischen den Phänomenen und Erfahrungen der virtuellen Welten und denjenigen des Realen, an Rückverbindung zum Sinnlichen, aber auch zu Werten. Wenn die säkulare, wissenschaftliche Welt, und das ist das Schema der Produktion, mit Mechanismen wie Moral oder innere Werten aufgeräumt haben, kommen diese als Unmoral und das Verdrängte kommt als virtueller Schatten zurück.
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Die Zauberschule als Erfahrungsort Harry Potters im mystischen Kampf gegen das Böse, das in der Gestalt von Monstern auftritt? Letztendlich wird es darum gehen, das Monster in uns selbst zu erkennen, anzunehmen und zu integrieren, so schwierig das auch sein mag. Ein berührender filmischer Versuch in hoher Qualität und mit den Mitteln der gegenwärtigen Comicsprache ist zum Beispiel „Waltz with Bashir“ - gleichzeitig ein Beispiel für eine subversive Verknüpfungsstrategie von Ausdrucksmitteln. Als Essenz führen 60 Minuten Comic zu 60 Sekunden dokumentarischem Bild-Material und zu der Einsicht, wie extrem schwierig es ist, sich selbst als (Mit-)Täter überhaupt nur schon mal sehen zu können.
Zaubern! Einerseits virtuell „wirklich“ einen Zauber werfen, elegant aus dem Handgelenk oder nur mit einer kleinen Bewegung der Finger - welche Macht! Und wissen, dass es andere Arten gibt, Wut auszudrücken, als die Pistole zu nehmen und abzufeuern. Wissen, dass wir sowohl im Körper wie im Wesen verletzlich sind. Und wissen, dass schon kleinere Dinge schmerzen als ein Projektil - wissen, dass der Körper ein hochempfindliches Medium ist, für Lust ebenso wie für Schmerz.
Die amerikanische Choreografin Lisa Nelson hat viele Jahre lang zum Sehen als ganzheitliche Erfahrung recherchiert und viele Übungen entwickelt. In strukturierten Variationen macht sie unterschiedliche Arten des Sehens und ihre Auswirkungen auf den Körper bewusst. Diese Ansätze hätten ein hervorragendes Potential, als Module in ein Konzept von Medienerziehung einzufliessen, das Medien als Extensionen sinnlicher Erfahrung begreift - und sie in ein Verhältnis zum Körper stellt. Sowohl auf der Ebene des den Medien inhärenten Suchtpotentials wie auch der Geschwindigkeitsdifferenz zu realen Vorgängen wäre das von Bedeutung. Entschleunigung auf humane Tempi würde wohl einiges entstressen. Letztendlich ist souveräner Medienumgang eine Basis für freie Entscheidungen.
Sind es Künstler, welche die Vorhut dieses Techno-Realo-Schamanismus bilden? Nur via interdisziplinäre Ansätze ist das Unterfangen zu leisten, reflektierte Positionen zu schaffen, die sensibilisieren, navigieren helfen zwischen Realität und Virtualität. Ganz besonders der zeitgenössische Tanz könnte als integrative Kraft in diesen Feldern eine Rolle spielen. Hat er sich doch neben seiner Kernkompetenz auch eine überzeugende diskursive erarbeitet. Medienerziehung ist auch Körpererziehung - und zwar jenseits von Turnvater Jahn und ebenso jenseits des Sports, der ebenso einer Funktionalisierung zum Opfer gefallen ist und auf seine Weise Zweitkörper produziert: in der Regel Superkörper, die bisweilen temporär durch Doping hergestellt werden. Tanz und Performance bieten einen langfristigen Prozess an, der im Sinne Jungs mit einem Individuationsprozess einhergeht. Vielleicht vermag er auch eine Basis für neue Rituale mit holistischen Ansätzen zu generieren. Das könnte durchaus ironisch gemeint sein, etwa mit einem Re-Enactment der Szene des Gehilfen auf dem Bauernhof in einem Film von Alain Tanner, der Mist aufhäufte, hinaufstieg, sich in Pose warf und ausrief: „Moi, je suis le roi de la merde!“
(29.3.2009)
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