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Im Mund der Frauen |
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EIN TEXT AUS “DER ARCHIPEL DER KOMETEN. HEDONISTISCHES TAGEBUCH III”
Von Michel Onfray
Die erste Zigarre, die ich sah, einmal musste dieser Tag ja kommen, steckte im Mund meines Vaters, es war ein Feiertag. Der Alltag verlangte bei ihm nach Shagtabak, der knisternd in ein Rizla-Blatt gerollt wurde; sonntags rauchte er Maispapierzigaretten, die immer wieder ausgingen und in beißenden Rauchwolken neu angezündet werden mussten; für besondere Ereignisse bevorzugte er den nicht so teuren Zigarillo oder die Zigarre, die allerdings bei wirklich festlichen Anlässen. Im Wäschekasten, dessen unterste Lade Familienerinnerungen barg – alte Fotografien und eine Locke meiner Haare aus meiner gesegneten blonden Phase – befand sich nun eine Pappschachtel in Rot – ich weiß, dass dieser Fabrikant, dessen Namen ich gnädig verschweige, seine Waren auch in grünen Schachteln verkauft –, in der zwei oder drei Zigarren zerfielen, die trockener waren als nach hundert Jahren Wüste.
Natürlich hatte ich den Shagtabak probiert und vom abgelegten Stummel meines Vaters einen Zug gestohlen; auch Gitanes hatte ich stibitzt und bei der Schwemme meines Ortes geraucht und dabei zwischen zwei Hustenanfällen darauf gewartet, dass eine hübsche Pariserin auf Urlaub vorbeikommt. Da ich nicht wusste, dass diese Zigarren auf ein denkwürdiges Datum zurückgingen, hatte ich einfach eine genommen und sie ohne die üblichen Vorsichtsmaßnahmen vollständig weggeraucht. Dabei schreckte ich auch nicht davor zurück, in einer Weise zu inhalieren, wie sie eines Landurlaubers aus der Stadt würdig gewesen wäre, der glücklich und stolz die Spitze eines Berges erklimmt. Ich wurde abwechselnd bleich und grün, übergab mich und kam zu dem Schluss, dass man erwachsen sein musste, um zu so männlichen Verbrennungsprozessen berechtigt zu sein... Später erfuhr ich, dass das fatale Ding den Resten des Hochzeitsmahls meiner Eltern entstammte. In jeder Hinsicht eine Reliquie also...
Die Zeit verging und ich erfuhr meine Einweihung in einem Restaurant in Bordeaux, in dem ich einleitende Worte zu einem Katalog zeitgenössischer Kunst präsentierte. Ich war an die dreißig. Die Nacht war dunstig, undurchdringlich, drückend und von dunklen Träumen durchzogen. Ein andermal war es ein Freund – für einen solchen hielt ich ihn zumindest, er zog durch mein Leben wie ein Komet, bis er hart auf meinem Scharfblick aufprallte –, der meine Zurückhaltung zum Schwinden brachte. Für mich war es nichts weiter als eine Gelegenheit, meine Vergnügen zu erweitern, sie abwechslungsreicher zu gestalten, den Bereich möglicher Sinnesfreuden zu vergrößern. Was ich damals nicht wusste, war, dass ich mich dem Stamm derer anschließen müsste, die die Zigarre weniger aus wohlverstandenem Hedonismus, denn aus dem Verlangen rauchen, eine gesellschaftliche Zugehörigkeit zu besiegeln – die Zugehörigkeit zu denen, die über das Schicksal der anderen entscheiden, einem Stamm, der sein Ding mit der gleichen Lässigkeit und Verzückung abbrennt als handelte es sich um die Zehn Gebote.
Nach dem Mord am Vater gelang es mir schließlich Zigarren zu rauchen, die diesen Namen eher verdienten als die seiner Hochzeit – Psychoanalytiker können sich bereits freuen – und meine Lieblingsdinger zu entdecken und zu benennen – Cohiba Lanceros und Montecristo Especial Nr. 2. So kommt es vor, dass ich alleine in meinen schlaflosen Nächten mit einem Armagnac in der Hand, in die Lektüre der Dichtkunst vertieft und Scarlatti oder Padre Soler lauschend meine Zigarre solipsistisch genieße, ein hedonistischer Mönch, der im Rhythmus der vernichteten Zeit meditiert. Wenn ich in Paris sein muss, beende ich übrigens meine Abende oder beginne meine Nächte gerne in der Maison du Havane, wo ich meiner Zigarre einen kubanischen Cocktail zugeselle, der die Grenzen des Morgens hinausschiebt.
Eben an diesem Ort holte mich mein Unbewusstes ein, wie ein Hase, der seinen Schatten überholt, indem es sich gegen eine Zigarre im Mund einer Frau sträubte. Sie war etwa vierzig Jahre alt, kannte das Herz des Mannes an ihrer Seite, da sie seine Juwelen zur Schau trug, sie war so geschminkt wie Baudelaire es geschätzt hätte und ich es liebte, und sie lachte, zwischen zwei Zügen. Sie war schön, aber ihr großes Ding zwischen den Lippen erschien mir obszön, unschicklich, unpassend. Zumindest in der Öffentlichkeit schwer zu rechtfertigen.
Und dann überfiel mich die Scham, wie man sich für den Bruchteil einer Sekunde, für einen winzigen Moment (der immer an die Ewigkeit heranreicht, so sehr besudelt er uns) in einer instinktiven Reaktion auf Seiten der Frauenhasser, Rassisten, Sexisten, Chauvinisten und all derer wiederfindet, die so verzückt vom Todestrieb erfüllt sind, dass er aus all ihren Poren quillt. Als Verfechter einer Art Raucherapartheid steckte ich in der Haut eines Mannes, der meinte, die Zigarre sei den Männern vorbehalten und den Frauen verboten. Was das Lächeln des Psychoanalytikers breiter werden lässt...
Nach dieser Arbeit des animalischen Instinkts, unmittelbar unter der Oberfläche des herausgeforderten Biests und weit hinter der dumpfen Reaktion der Eingeweide und dem unbewussten Tropismus, bemühte ich natürlich Vernunft und Urteilskraft, um verstehen zu können. Die Gleichsetzung der männlichen Zigarre, des Stammeszeichens und der homosexuellen Lust sollte also – im etymologischen und weiteren Sinn – triumphieren? Ich hatte keineswegs die Absicht, diesen Klischees zuzustimmen. Was dann? Dann muss man wohl die Psychoanalyse bitten, in den Eingeweiden und im Bauch der verfemten Teile eines jeden zu wühlen, um zu versuchen, hier ein wenig klarer zu sehen. Ein Fest für Freudianer!
Man muss kein großes Licht sein, um festzustellen, dass die Zigarre genau und unmittelbar die Freuden des Oralbereichs betrifft, über die sich Freud im Detail auslässt. Eine Frau, die nun um eine Zigarre bittet, um zu erfahren, wie man sie raucht, wird fast immer zu hören bekommen, dass Panatellas wundervoll zu ihr passen würden: angesichts der weiblichen Bitte, Zugang zur Welt der Havanna zu erhalten, gestehen die Männer a priori nur die dünnsten, kürzesten und einfachsten Formen zu. Kann man einem Verlangen klarer entgegentreten und den von den Frauen geäußerten Wunsch nach Genuss durchkreuzen, ja unterbinden? Gibt es einen besseren Beleg für das männliche kastrierende Bestreben angesichts der weiblichen Bitte um Erschließung eines Kontinents der Sinnesfreuden? Muss man daraus als Analytiker unter Vornahme aufschlussreicher Verschiebungen schließen, dass das weibliche Verlangen nach der Entdeckung ihnen unbekannter Lüste einer virilen Antwort bedarf, die das Volumen des Objekts der Begierde maximal beschränkt?
Die Zigarre als Phallus also. Ersatzphallus vermutlich, Gelegenheit zur Sublimierung wie die Psychoanalyse sie versteht – Umwandlung von sonst in ihrem Bereich nicht annehmbaren Triebwünschen in eine gesellschaftlich annehmbare Praxis. Die Oralität der Frauen mag noch durchgehen, wenn sie die Lust am Wort betrifft, aber Vorsicht ist geboten wenn nicht gar ein Verbot, sobald Alkohol – ausgenommen Liköre ... – oder anderes als Zigaretten – Pfeife oder Zigarre – zum Gegenstand der unverblümt eingeforderten Begierden wird! Na gut, die kleinen Zigarren, die Zigarillos, die kurzen und dünnen Dinger, aber sie sollen nicht auf den Gedanken kommen, nach Churchills oder Lonsdales zu verlangen...
Im Mund einer Frau erscheint die dicke Zigarre obszön oder unerträglich, weil sie auf die Sublimierungen des oralen Hedonismus verweist, aber auch weil sie eine aktive Frau verrät, die entscheidet und nichts anbrennen lässt. Sie erleidet nicht, sondern sie wählt. Zwischen ihren Lippen wird die Zigarre zu einem reinen Gegenstand der Lust, sie objektiviert und verdinglicht den männlichen Phallus – was den männlichen Widerstand der bestgehärteten Inhalte des Unterbewusstseins weckt. Wenn sie sich aus freien Stücken und bewusst einer Zigarre bemächtigt, zwingt ihr die Frau ihren Rhythmus, ihre Taktfrequenz, ihr Ziehen und ihr Saugen auf. Während die Männer ihre Stammeshomosexualität feiern, die nützlich ist, um die Welt zu dem zu machen, was sie ist, zeigen die Frauen einen dreifachen Willen zur Beherrschung, zur Macht und zu unverhohlenem Einfluss auf die Wirklichkeit. Wie soll das die Männer nicht erschrecken?
Woher könnte also die instinktive Reaktion stammen, die wie selbstverständlich die Zigarre der Welt des Mannes zuordnet? Von einer altüberlieferten Kastrationsangst, die der den Surrealisten so teuren Vagina dentata verwandt ist. Seit jeher fürchten die Männer, ihre Identität, ihre Form, ihre Integrität im Mund der Frauen wie auch in ihrem Bauch zu verlieren. Und haben sie so Unrecht damit? Ich weiß nicht. Es ist jedenfalls so, dass, sobald ich wieder mit mir versöhnt war und die Angst vor diesen Schatten verflog, die mich eben beim Anblick der Zigarre dieser von mir ansonsten geschätzten Passantin, überrumpelt hatten, ich mich sofort dabei ertappte, jene Frauen zu begehren, die nach Aktion verlangen, nach Macht, Stärke und Einfluss auf die Wirklichkeit, damit wir endlich in Augenhöhe kämpfen können, wie es die Liebesspiele, die Verführung und die Leidenschaft, die Erotik und das Begehren erfordern, um gemeinsam die Lust der glühenden Existenzen zu entdecken.
Dieser Text erscheint mit freundlicher Genehmingung des Autors auf corpus erstmals in deutscher Sprache – aus Michel Onfray: „Journal hédoniste, numéro 3, L‘Archipel des comètes“, erschienen 2001 bei Grasset. Die Übersetzung besorgte Werner Rappl.
(28.4.2010)
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