Im Reich der Schatten

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EINE SKIZZE ÜBER DAS THEATER ALS UNTERWELT

Von Luce Yfaire


Nach einer oberflächlichen Konversation mit einem, der den Namen des germanischen Totenreichs in seinem Namen trägt, über das Unterwelthafte des Theaters denke ich an den Titel eines Perry Rhodan-Bandes: „Höllentanz der Marionetten", aus dem Jahr 1968. Während einer kurzen Überlegung, ob es unterhaltsam wäre, diesen Science Fiction-Trash über Manipulationen an Menschen durch „fremde" Substanzen mit Kleist zu lesen, stelle ich mir das Theater als Blasenwurf der Unterwelt vor. Als profanisierten, kerberosbewachten Hades, als ein an die kulturelle Oberfläche getriebenes Schattenreich.

Die im Vergleich zu der griechischen Unterwelt wesentlich sadistischere christliche Hölle läßt sich als adaptierte Übersetzung des Tartaros, des Folterplatzes im Hades, verstehen. Der Terminus Hölle, dem Namen der germanischen Totengöttin Hel abgezwungen, mündet bei Fritz Langs Film Metropolis in den Namen einer Maschinenfrau, die unter dem gottesmütterlichen Namen Maria in deren Gestalt (im Sinn der Täuschung also wie Odile) einen „sündigen" Tanz aufführt.

Die Glückswiese 

Die Arbeiter von Metropolis leben als Schattenexistenzen in einer Unterwelt (mit ihren Arbeitsstätten als Tartaros), die Reichen und Schönen der Stadt hingegen genießen ihren Luxus in dem Vergnügungsviertel Yoshiwara. Im alten japanischen Edo, dem heutigen Tokio, war das richtige Yoshiwara (zu Deutsch „Glückswiese") ein berühmtes Bordellviertel. Diese Glückwiese diente allen, die es sich leisten konnten, als Lustgarten. Aus dem altpersischen Wort mit dieser Bedeutung, „paridaida", kommt über das Griechische auch der hübsche Begriff Paradies.

Fritz Lang interpretiert die Arbeiter als Schattenwesen, das profane Paradies Yoshiwara dagegen ist der Ort der Blendung, ein Sündenpfuhl. An der Spitze der Hierarchie steht die Administration als das gesellschaftliche Elysion. Die von dem rachelüsternen Wissenschaftler Rotwang erschaffene Maschinenfrau schlüpft in die Rolle der einen rettenden „Mittler" versprechenden Predigerin Maria. Hel macht Marias Sinnlichkeit sichtbar, und sie wiegelt die Arbeiter auf. Die Stadt steht vor dem Untergang.

Die christliche Hölle ist wie der Tartaros oder auch der islamische Dschahannam ein Ort des Konflikts, der griechische Hades eine Stätte der entleerenden Kontemplation für alle, die von Charon über den Styx gefahren werden (auch Hel war kein Ort der Strafe). Die Schattenwelt im platonischen Sinn ist eine Welt der Täuschungen, und, wie Marc Sautet mit Bezug auf Platon meint, die meisten Menschen würden es gar nicht bemerken, daß sie in dieser Höhle lebten, weil sie sich den Bedürfnissen ihrer Körper unterwürfen.

Flucht vor dem Alltag 

Das Bedürfnis, ein Theater aufzusuchen, kommt für den Großteil des Publikums aus dem Drang, sich temporär aus der Realität der Alltagswelt zu entfernen. Dieser Drang mündet in den Wunsch, sich zu zerstreuen und als Schatten körperlos unbeteiligt diversen Spielen zusehen. Nach deren Ende wird die Blase der Unterwelt wieder verlassen. So verbindet sich im Theater die platonische Höhle mit der griechischen Vorstellung vom Totenreich zu einer Heterotopie. Dem Zuschauerschatten wird ein ambivalentes Service zuteil. Er hat einen Bau betreten, dessen Bestimmung es ist, ihn durch Umnachtung zu erleuchten. Das Gegenteil also zu der christlichen Paradiesesvorstellung, in der Seliggewordene durch ewiges Licht umnachtet werden sollen. Jeder Theatergang ist daher ein Gang wie auf einer M.C. Escher-Treppe, die zugleich abwärts und aufwärts führt.

Diese Organisation von Unterweltlichkeit beruht auf gegenläufigen Dynamiken in der Perzeption von Kulturemen, deren Bewegungen stets unterhalb der alltäglichen Wahrnehmungsschwelle ablaufen. Tänzer, Schauspieler und ihre Komplizen ähneln luziferischen Erscheinungen, wenn sie im Sinn einer Aufklärung Licht (lat.: lux) vor die Schatten ihrer Beobachter bringen (lat.: ferre), die im Theatron - das im Griechischen den Publikumsraum und nicht die Bühne, das Proskenion, bezeichnet - im Dunkeln verharren. Die Blasen der Theaterräume bilden, zusammen gesehen, einen Schaum, weil sich das Theater aus sich selbst bewegt hat, erst in die Lichtspieltheater, dann über Funkwellen durch den Äther in das Heimkino Fernsehen und schließlich in den Cyberspace. Das Geviert der Bühnenöffnung findet im leuchtenden Bildschirm seine Entsprechung.

Die Deutung des Theaters als Unterwelt ist eine Erfindung des Theaters selbst. In dessen fensterlosem Haus tanzen Dämonen und Marionetten. Sie stellen sich als Bewohner ihrer Unterwelt - wie sie sich übrigens auch im Cyberspace darstellt - dar und handeln auch als solche.

Das ewige Leben 

All das hat etwa die estnisch-österreichische Choreografin Krõõt Juurak in ihrem Stück „Burning down the house" (brut/Wien, 2008), wie intuitiv auch immer, erkannt. Im Theater, scheint sie zu sagen, beginnt die Unterwelt dann Kontur anzunehmen, wenn die Marionetten der Darstellungsgesetzgebung auftreten und deren Paragraphen zu interpretieren beginnen. Unten im Theater herrscht ein ewiges Leben. Nach ihrem Theatertod stehen die lichtbringenden Dämonen auf und verbeugen sich, glücklich, ein Geschehen beleuchtet zu haben. Sehr schön vorgeführt wird dies von Jérôme Bel in seiner großen Arbeit „The Show Must Go On!".

Der belgische Choreograf Jean Luc Ducourt stellt einen Höllentanz von Marionetten ganz perfekt in seinem jüngsten Stück „Works by 3/1" *) dar. Erst bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass die drei Tänzer und die Tänzerin die schlimmste Lust zu vollziehen haben, die wir uns nur vorstellen können: einem perfekten, scheinbar sinnfreien Programm zu folgen, das über Formgesetze den Namen des Hades (in der griechischen Personifikation: des Unsichtbaren, hier also des Choreografen) gestikuliert. Als hoch disziplinierte Luziferietten einer Bewegungsmaschine, deren Fülle desto evidenter wird, je länger sie sich wie ein Film abspult.

Ducourt hat im Proszenium vor dem Theatron die Pforte zu einem Paralleluniversum aufgetan. Und darin herrscht eine unheimliche Kälte, in deren Mitte sich namenlose und gesegnete Falschspieler aufhalten. Die junge Choreografin Zoë Knights verwandelt die Unterwelt des Theaters in einen Hades, dessen Eingang durch ein Lichttor symbolisiert ist. Ganz direkt. Ihre romantische Arbeit „Death in the count of 9" *) gibt einen klaren Einblick in das Totenreich, in dem verlorene Nymphen in einer entsetzlich konsequenten Wiederholungsschleife darstellen, was uns alle im Theater erwartet: die lustvolle Variation des Ewiggleichen. Am Ende des Stücks wenden sich die Zuschauer von dem Schweigen des glühenden Tors ab und streben dem Ausgang des Theaters zu.

Der Lichtbringer 

Das Abgründige am Theater ist seine schaurige Mischung aus Vernebelung - bei Knights, bei Anne Teresa De Keersmaekers „Keeping Still" *) und bei Wim Vandekeybus' „Menske" **) - und Erleuchtung, bei Ducourt und Forsythes „Three Atmospheric Studies" *). Der eigentliche Herrscher der Unterwelt ist ein Lichtbringer, für den jede Atmosphäre zwischen Glosen und Glühen ein Arbeitslicht ist. Auf das Licht folgt eine Dunkelheit. Wenn wir danach klatschen, ist das angeblich gut für die Leber: Das Publikum prostet den Überlebenden auf der Bühne zu, bevor es in das Dunkel seiner Lebensweise zurückgeht. Ein Circulus vitiosus, ein Teufelskreis, der fehlerhafte Kreis des „Faktenverdrehers" und „Verwirrers".

Der tiefere Sinn der Performance als Kunst betrachtet ist die Verwirrung von Fakten. Das ist eine Erlösungsstrategie. Denn es werden Fakten verdreht, die in der eigentlichen Finsternis des Tageslichts draußen vor den Toren des Theaters das foucaultsche Überwachen und Strafen fundieren. Weil das Durchschreiten der Ausgangstore des Theaters so leicht ist, denn aus der Erleuchtung der Unterwelt braucht es nur ein Schritt in das, um mit David Zambrano zu sprechen, Schauspielern des Alltags. Der Lichtbringer entläßt sein Publikum in die eigenen vier Wände, stößt sie aus dem Pfuhl des Nichtsseins im Auditorium in die Performance, als „idiótes" in der Verwirrung zwischen öffentlichem und privatem Raum.

In „A little tenderness for cying out loud" *) des Kanadiers Dave St. Pierre springen die Dämonen als wahre Satansbraten die Schatten des Publikums an. In dem Stück wird ein Tartaros beschworen, die Schatten werden beschimpft und kokett bedroht. St. Pierre beschwört ein symbolisches Strafgericht, den Einbruch des Höllenfeuers in den Hades. Die Bestrafung des Zuschauers ist eine zutiefst christlich-sadistische Handlung. Sie nimmt den Schatten die Sicherheit des Unbeteiligtseins und die Autonomie der Selbstbeteiligung gleichermaßen.

Ein Teufelskarussell 

Der Existentialismus in diesen Beobachtungen ist ein Klischee, denn aus der Perspektive des Hades ist die Oberwelt ein Nährboden. Ich gehe aus dem Theater stets in ein Theater und dort von einer Bühne auf die andere. Der Lichtbringer hat das Lichtspieltheater erfunden, um die Entfernung zwischen den beiden Theaterhemisphären zu verdeutlichen. „From Inside" *), wie Thierry De Mey vorschlägt, gibt es mehrere Ausgänge, die zugleich Eingänge sind oder Falltüren beziehungsweise Falttüren, in deren Knicken wir uns verlieren. Im Teufelskreis steckt eben auch das Karussell, das nichts anderes ist, als das eigentliche Modell des Theaters, dieser Loop-Maschine, die aufgesucht werden muß, um zu erleben, wie eine sich drehende Maschine „From Inside" gesehen, das Draußen in einen motiven Prospekt verwandelt. Im Karussell drehe ich mich auf der Stelle - in einer anderen Welt.

Wäre das Theater keine Unterwelt, hätten wir keinen Grund hinzugehen. Uns hinzubewegen also, dort anzutanzen, an den Zerberussen vorbei, und mit flackernden Augen nichts sein und tun zu müssen. Mit dem Applaus entlassen wir uns selbst in die Nacht und gehen etwas trinken. Dieser Tanz aus den Geschichten in die Geschichte, oder aus der Geschichte von Geschichten in die Arme jener Wärter, die, uns entgegenstehend, Gegenwart verkünden, ist der Reigen der Zuschauer. Ihr Schattentanz vor den Augen der „Beamten des Himmels", die Giorgio Agamben in seinem gleichnamigen Buch so abgründig beschreibt.


Fußnoten:
*)   sommerszene 2008
**) ImPulsTanz 2008

 
(11.8.2008)