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PERFORMANCES BEI "IN PASSING 8" VON PAPER IN DER WIENER KÜNSTLERHAUSPASSAGE
Von Astrid Peterle
Ein Ort, der schon viele Namen trug (Café Bratislava, Ex-Bratislava, Star/o/mat) und eine Zeitschrift, die von Ausgabe zu Ausgabe seinen Titel wechselt: Die Künstlerhauspassage erwies sich aus mehreren Gründen als passender Ort für den Performanceabend, der von den HerausgeberInnen der Kunstzeitschrift „Paper“ im Rahmen der Vienna Art Week programmiert wurde. Der improvisiert wirkende Ausstellungsraum mit dem gewissen Berliner Alternativ-Charme diente als Bühne für die vier Performances von Anne Juren, Martin Guttmann, Alexander Wolff (mit Yves Mettler und Erin Weber) und Frédéric Gies, die sich unprätentiös und mit einem Hauch von Beiläufigkeit in den Raum und das anwesende Publikum einfügten, ohne eine starre Frontalsituation zu evozieren. Der Abend erinnerte mit seinen nahtlosen Übergängen zwischen Performances und gemütlichem Stelldichein angenehm an eine Off-space-Vernissagenparty und nicht an ein Kunstevent, wie es zur Zeit von der Vienna Art Week mit bezeichnenderweise güldenem Programmheft zelebriert wird.
Versuchsstation der Typographie
„Paper“ ist die 18. Ausgabe der Zeitschrift, die seit 2002 von den KünstlerInnen Christian Egger, Manuel Gorkiewicz, Christian Mayer, Yves Mettler, Magda Tothova, Ruth Weismann und Alexander Wolff herausgegeben wird. Die Zeitschrift verbindet Texte eingeladener AutorInnen mit von KünstlerInnen gestalteten Bildseiten. Bei der Auswahl der Beiträge gibt es kein vorgegebenes Thema, vielmehr interessiert die HerausgeberInnen die Spannung, die zwischen den unterschiedlichen Text- und Kunst-Positionen entsteht. So finden sich in der aktuellen Ausgabe Textfragmente aus TIQQUNs „Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchens“ (Merve) neben einem Text von Matthew Fuller zum Thema „Art Methodologies in Media Ecology“ und Marten Frerichs' Text-Bild-Collagen.
Die Zeitschrift, die in der aktuellen Ausgabe „Paper“ heißt, trug in den vorangegangenen Ausgaben die Titel „Chicago“, „Times“, „Plotter“, „Helvetica“, „DIN“, „Techno“, „Löhfelm“, „RR_02“, „Univers“, „Tiffany“, „Circuit“, „Memphis“, „Gringo“, „Zeus“, „The Mix“, „Princess Lulu“ und „Pigiarniq“. Die unterschiedlichen Titel verweisen auf das Konzept der HerausgeberInnen, für jede Ausgabe der Zeitschrift eine andere Typographie zu wählen und den jeweiligen Namen der Schrift als Titel zu verwenden. Während manche der Schriftarten altbekannt sind, werden auch neue Schriften verwendet, wie aktuell im Fall von „Paper“. Diese kürzlich von dem Berliner Künstler Wolfgang Breuer entwickelte Schrift stellt die LeserInnen vor eine visuelle Herausforderung, denn sie besitzt keine Strichdicke und muss daher im Erstellen des Layouts erst sichtbar und (un)lesbar gemacht werden.
Projektionfläche Körper
„Paper“ gelang es, einige TeilnehmerInnen der „Groupshow“, die 2007 im Tanzquartier stattfand und sich der Interaktion von bildender Kunst, Tanz und Performance widmete, für ihr Künstlerhauspassage-Performanceprogramm zu gewinnen. So etwa Anne Juren, in deren Beitrag der Körper der Künstlerin zur Leinwand für ihre eigenen Performances wurde. Juren plazierte sich mit weißem Oberteil auf einem schwarzen Tisch, auf der Seite liegend. Auf ihre Körpervorderseite wurde das Video von „Look Look“, jene Kleidungsstück-Transformationsperformance, die Juren gemeinsam mit Krõõt Juurak konzipierte, projiziert und auf die Körperrückseite „Magical“, Jurens amüsant ausgeklügelte Performance, die sich zwischen, Striptease, Varieté, Choreographie und Zauberkunst bewegt. Während Juren mehrmals ihre Position wechselte, konnte sich das Publikum frei um die Installation bewegen. Das Verdoppeln des Körpers der Performerin durch die Verknüpfung des aufgezeichneten und des anwesenden Körpers erzielte ebenso eindrucksvolle Momente wie die Verschiebung des performativen Raums auf Jurens durch ihre Schwangerschaft gewölbten Körper.
Martin Guttmann, Teil des Duos Clegg & Guttmann, das für seine raumspezifischen Installationen bekannt ist (siehe etwa aktuell in der Galerie Georg Kargl), initiierte für seinen Performancebeitrag eine Abwandlung des Stille-Post-Spiels. Zum Klang von Roy Orbisons „Only the Lonely“ schrieb Guttmann mit dem Finger ein Wort auf den Rücken einer Zuschauerin. Diese musste das Wort dann weitergeben. Bald herrschte im Publikum fröhliches Chaos, denn, wie von Kindergeburtstagsparties allzu gut bekannt, schon nach wenigen Weitergaben verstand niemand mehr das zu übermittelnde Wort. Die Performance versiegte schließlich nach zehn Minuten ohne Bekanntgabe des ursprünglichen Wortes.
Alexander Wolffs Performance bestand aus mehreren Ebenen, die er gemeinsam mit Yves Mettler und Erin Weber konstruierte, wobei die beiden letzteren aber nicht in persona anwesend waren. Wolff schilderte - verbal und mittels Vorführung von Requisiten - Performances, die er mit Mettler und Weber in den vergangenen Jahren in Berlin präsentiert hatte. In den Vortrag Wolffs mischten sich Toneinspielungen von Mettler, mit denen dieser pointiert theoretische Grundlagen zu den Performanceprojekten des Trios lieferte, wie etwa das Credo „to unperform a signifying world, to undo while doing it“. Erin Webers Beitrag bildete das eingeblendete, an Found Footage erinnernde Bildmaterial, das von Wolff am projizierten Computer-Desktop hin- und hergeschoben wurde.
Tanz-Album von Frédéric Gies
Den Schlußpunkt des Performancereigens bildete die Videoperformance von Frédéric Gies' „Album“ (2009). Der französische Tänzer präsentiert mit seinem neuesten Projekt eine Art „dance album“, für das er sich formal an der Struktur von Musikalben und Songformaten orientierte. Die einzelnen Tänze mit Titeln wie „Spinning“, „Shame“, „Ethno-Disco“, „Hammer“ und „Love“ wurden nach Angabe des Künstlers von „personal experiences that had a strong impact on me“ inspiriert. Zu sehen ist Gies in verschiedenen Räumen seiner Wohnung, im Wald, im Hinterhof, am Balkon, in expressiver Bewegung, einmal ekstatisch, dann wieder dramatisch verlangsamt. Gies' Video erinnert mit seinem prononcierten Stil des tänzerischen Dilettantismus und seiner Intention, Autorschaft, Technik und Stil zu dekonstruieren, an Arbeiten von Mårten Spångberg oder Frans Polestra.
Der abwechslungsreiche, leicht chaotische, aber dadurch auch locker-charmante Abend bot die leider nach wie vor seltene Möglichkeit der Zusammenschau performativer Arbeiten von jungen KünstlerInnen aus dem Bereich der bildenden Kunst und des Tanzes - Fortsetzung dringend erwünscht.
(20.11.2009)
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