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CECILIA BENGOLEA UND FRANÇOIS CHAIGNAUD LIESSEN "CASTOR UND POLLUX" BEI IMAGETANZ SCHWEBEN
Von Iris
Julian Gütler
Dichter Nebel füllte den Theaterraum aus, machte die Begrenzung der Black Box unsichtbar, dehnte sie in der Vorstellung bis in eine undefinierbare Unendlichkeit aus. Bereits beim Eintreten begann ein ästhetisch-visuelles Erlebnis. Auf dem Boden hatten es sich die meisten BesucherInnen bequem gemacht - in dem neuen Stück „Castor und Pollux“ von Cecilia Bengolea und François Chaignaud waren die BesucherInnen angewiesen, auf dem Boden zu liegen und ihre Blicke in luftig-neblige Höhen zu richten.
So waren die Körper der ZuschauerInnen zu einer biomorphen Masse geworden und verwandelten in dieser Nebelatmosphäre den Raum in eine imaginäre Landschaft. Ihre in unregelmäßigen Abständen aufgestellten Beine wirkten dabei wie geknickte Äste. Das Gefühl einer frühmorgendlichen Stimmung an einem Ort jenseits von Zeitlichkeit stellte sich ein. Ich war offensichtlich bereits vor Auftritt der beiden ChoreographInnen genau da, wo mich sie mich haben wollen: in der Illusion einer menschlichen Frühzeit.
Die Sterne und ihre Formationen, an denen das Stück thematisch orientiert ist, waren einst neben ihrer rituellen und mythologischen Aufladung für all jene, die sie zu „lesen“ verstanden, ein machtvolles Instrument zur Orientierung, unverzichtbar vor allem auch in der Seefahrt. Die Halb- und Zwillingsbrüder Castor und Pollux, Namensgeber eines hellen Sternpaares im Wintersternbild der Zwillinge, wurden in der antiken römisch-griechischen Einflusssphäre von in Seenot geratenen Matrosen um Hilfe angerufen.
Ein Schwimmen von Artisten
Singende Stimmen in altgriechischer Sprache waren schließlich das erste Zeichen der Präsenz von Bengolea und Chaignaud als Personifikationen des Sternenbrüderpaares. Während dem Blick immer noch jegliche Sicht verwehrt blieb, ahnte man bereits, dass da zwei Körper im Raum schwebten. Und dann tauchten unendlich langsam bunte Kleidungsdetails aus dem eintönigen Nebelgrau auf. Dieses feine, versprenkelte Leuchten hie und da ließ die Körper transparent wirken - zart und fragil.
Schließlich begannen sich die beiden in ihren trapezartigen Vorrichtungen zu bewegen, manchmal vorsichtig langsam, dann wieder ruckartig heftig. Weit streckten sie Arme und Beine von sich, als wollten sie den umgebenden Raum erkunden oder sich ihn aneignen. Die Federn an ihren Unterschenkeln evozierten dabei etwas Animalisches, ein Schwimmen in einer Ursuppe.
Teils kamen die Bewegungen aus eigener Kraftanstrengung, teils wurden sie mechanisch erzeugt, indem die Vorrichtung, an denen die Trapeze der KünstlerInnen hingen, die Körper energisch hin und her schleuderte. Nun fühlte man sich doch eher an Artisten im Zirkus erinnert als an frühmenschliche Tranceerfahrungen. Diese Assoziationen wurden von der barock anmutenden Musik des zeitgenössischen Komponisten Eric Tanguy unterstützt und aufgefangen, sodass die Rezeption keinen Knick erfuhr.
Abrupt in die abschließende Pause
Der Knick kam, als die Beleuchtung den Blick auf die Decke des Brut frei gab und diese mit ihrer Begrenzung und ihren technischen Vorrichtungen fassbar wurde, als sich so die Erfahrung eines Hier und Jetzt einstellte. Vielleicht ist es genau dieser Knick, das Sichtbarwerden der Apparatur hinter der Illusion, der die Performance in die Sphäre des zeitgenössischen Tanzes holt, sie nicht altbacken wirken lässt. Der Einblick hinter die Kulissen währte nur kurz - schon ging das Spiel mit Illusionen weiter.
Insgesamt entfaltet das Stück eine stimmige Des/Illusionierung - das Ende mit eingerechnet. Da wurden die beiden so unvermittelt auf den Boden geholt, dass man meinen könnte, einer Probe beizuwohnen, von der es eben jetzt abrupt in die Pause ging.
(22.3.2010)
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