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Im Zustand der Unruhe

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ANNE TERESA DE KEERSMAEKER UND JÉRÔME BEL IRRITIEREN MIT IHRER KOOPERATION "3ABSCHIED"

Von Helmut Ploebst


Der Höhepunkt kommt zum Schluß - sobald Anne Teresa De Keersmaeker beginnt, Der Abschied aus Gustav Mahlers Lied von der Erde selbst zu singen. Dieser Moment wäre auch dann sehr speziell, wenn die Künstlerin nicht zu dem kleinen Kreis von ChoreografInnen gehörte, die auch große Theater füllen können. Orte also, die eine stets gebildet gekleidete, links- und rechtsgewendete Bourgeoisie aufsucht, um (es) sich zu zeigen.

An sich eine interessante Zielgruppe. Eine, das ganz klar Fitness auf der Bühne erwartet. Sie will künstlerische Sieger sehen und an deren Triumphen naschen, an Triumphen also, die das Auditorium selbst ermöglicht oder verweigert. Dieses ist also überwiegend nicht an der Kunst selbst interessiert, sondern an deren Helden- oder Leistungsaspekt, und es besucht das Theater oder die Oper mit derselben Einstellung wie Fußball-Fans ihr Stadion. Die bourgeoise Klientel erwartet einen Mehrwert von der Kultur, der sich so stimulierend wie reibungsarm auf sie überträgt.

Was aber geschieht, wenn diese Übertragung ins Stottern gerät? Wenn dem sich selbst feiernden, zum Großteil wohlhabenden Publikum der bereits als selbstverständlich erachtete Service verweigert wird? Dann hört es auf, sich zu beherrschen, und kommt dabei ganz zu sich beziehungsweise gerät dabei außer sich. Zum Beispiel, wenn eine Tanz-Ikone wie Anne Teresa De Keersmaeker den mahlerischen Abschied singt - mit dünner, immer wieder kippender Stimme, dafür aber mit aller Hingabe einer leidenschaftlichen Dilettantin.

Die Bourgeoisie als Zielgruppe

Nun hat man sich aber im Theater mit dem Wissen versammelt, daß Keersmaeker zu den unbestreitbaren Leistungsträgerinnen auf großen, internationalen Bühnen gehört. Daß sie ein Star von hoher Musikalität ist, eine Choreografin der Spitzenklasse, immer noch eine faszinierende Tänzerin, die Geltung und Berühmtheit erlangt hat, weil sie die in sie gesetzten sportlichen Erwartungen über Jahrzehnte hin übererfüllte. Keersmaeker erreicht also ein Auditorium aus sogenannten „Leistungsträgern“, das nun zur idealen Zielgruppe für unerwartete politische Botschaften wird.

Denn in „3Abschied“, ihrer am 16. Februar 2010 uraufgeführten Kooperation mit Jérôme Bel, reagiert Keersmaeker auf eine Welt, die von diesem Publikum aktiv mitgestaltet wird: jene Welt, in der ein gnadenloses und gnadenlos hohles Leistungs- und in diesem Sinn Performanceprinzip regiert - und zwar derart absolut, daß auch dessen schlimmstes Versagen in der jüngsten Weltfinanzkrise noch keinen Paradigmenwechsel ausgelöst hat.

Bel und Keersmaeker sprechen dieses Versagen nur indirekt an. Sie verweigern eine vordergründige Performance ihrer Kritik und greifen lieber auf das Erleben ihres Publikums im Moment der Aufführung zu. Diese Verweigerung ist auch deshalb konkret politisch, weil sie auf der Einsicht beruht, daß die konservativen Waffen der explizit kritischen Kunst letztlich stumpf geblieben sind. Denn gerade in der Hochblüte des politischen Theaters in den 70ern und 80ern des vergangenen Jahrhunderts hat sich der Neoliberalismus von Sieg zu Sieg und zu seiner heutigen Vorherrschaft aufgeschwungen.

War also alles umsonst? Bisher fehlt leider eine kritische Analyse über die gesellschaftliche Wirksamkeit der politischen Kunst der Post-68er. Gerade diese opponieren aber interessanterweise seit Jahren - vor allem auch im zeitgenössischen Tanz - gegen die kritische Kunst von heute. Einer der mächtigsten Flügel des gegenwärtigen Neoliberalismus rekrutiert sich aus ehemaligen Linken. Man ist zum Establishment geworden, will nun seine Maßstäbe auch der Nachfolgegeneration aufzwingen und vor allem eine Kunst verhindern, die die ideologischen Basisparameter des Neoliberalismus bedroht, indem sie sich an den Erwartungshaltungen des von neoliberalen Logiken benebelten Establishments reibt.

Die tote Sängerin, die lebende Sängerin, die Nichtsängerin

Das Stück „3Abschied" kommt also zur richtigen Zeit - auch auf einer anderen, globalen Ebene: Denn die postindustriellen Gesellschaften verabschieden sich von ihren historischen Identitäten, indem sie diese folklorisieren. Sie verabschieden sich von ihren ethischen Verankerungen zugunsten der Beugung aller Ethik unter utilitaristische Prinzipien. Und sie verabschieden sich von ihrem Planeten, indem sie ihn von einem Lebensraum zu einem Wirtschaftraum umdefinieren.

Vielleicht kann Das Lied von der Erde als Distanzierung von solcherlei Betrug gelesen werden. Keersmaeker jedenfalls ging, wie sie in „3Abschied“ erzählt, in der Arbeit an dem Stück von einer Passage in Bruce Chawins Buch Traumpfade aus, in der beschrieben wird, wie australische Aborigines den Gesang als Ersatz für Landkarten nutzten und davon überzeugt sind, daß es eine Zeit geben muß, in der die kranke Erde und der kranke Mensch den Göttern rücküberantwortet wird.

Der entscheidende Gedanke dabei ist, daß dies kein Anlaß zur Trauer sein muß, sagt Keersmaeker in ihrem Einleitungsmonolog. Die Choreografin wagte sich definitiv nicht nur aus persönlicher Begeisterung für eine Musik an Mahlers Lied von der Erde, und es war nicht eine formalistische Überlegung, die Bel dazu bewegte, Strategien aus The Last Performance und The Show Must Go On! in die Kooperation mit Keersmaeker zu transferieren. Die Zusammenarbeit der beiden ist ein großformatiges Statement zu der Frage geworden, ob es nun Zeit für einen Abgesang auf den Menschen ist oder nicht.

In „3Abschied“ wird Der Abschied von einer toten Sängerin, Kathleen Ferrier, einer lebenden Sängerin, Sara Fulgoni, und einer Nichtsängerin, Anne Teresa De Keersmaeker, interpretiert. Erst die Nichtsängerin bringt Mahlers Lied dorthin, wo es in der Gegenwart am meisten schmerzt. Ohne die Meisterschaft der toten und der lebenden Sängerin auch nur ansatzweise in Zweifel zu ziehen, verweist Keersmaeker mit Bel durch den Entzug eines virtuosen Finales auf den nicht sportlichen Gewinn von Kunst. Damit zerstören die beiden Künstler die Erlösungserwartung ihres Publikums, dem nicht einmal der gewohnte Spiegel inklusive Katharsis-Service vorgehalten wird, sondern schlicht das Modell einer Autoritätsverweigerung. Sie schicken ihre Zielgruppe daher in einem Zustand der Unruhe nach Hause.

(3.4.2010)