Individualismus. Ein Irrtum.

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JACOB WREN GASTIERTE MIT EINEM MUSIKALISCH-TÄNZERISCHEN MONUMENT IM WIENER BRUT

Von Andreas Fleck


Im Jänner dieses Jahres präsentierte Jacob Wren zusammen mit Peter De Buysser in seiner Arbeit „An Anthology of Optimism“ Gedanken und Assoziationen rund um den Begriff eines kritischen Optimismus. In ihrer charmant lockeren, ungezwungenen Art erzählten sie Geschichten, untermalten diese mit Musik und platzierten Zitate im gesamten Bühnenraum. Auch in seiner neuen Performance, mit der er in das brut Wien zurückkehrte, änderte Jacob Wren nicht viel an dieser Arbeitsweise. Zusammen mit den ebenfalls aus Montreal stammenden Künstlerinnen Caroline Dubois und Claudia Fancello reflektierte er nun unter dem Kollektiv PME-ART über einen viel zu überbewerteten Individualismus und zeigte gleichzeitig, wie produktiv und notwendig es manchmal sein kann, etwas gemeinsam zu tun. „Hospitality 3 - Individualism was a mistake“ - die klare These dieses Abends.

Die Verantwortung des Zuschauers

Noch vor Beginn des Hauptteils der Performance wurde dem Publikum - anhand von vier von jedem einzelnen Zuschauer auf Post-Its zu beantwortenden Fragen - der Unterschied zwischen individueller Meinung und kollektiver Tendenz verdeutlicht. Mit Fragen, die sich natürlich selbst mit dieser Problematik auseinandersetzten, wie: „How do you decide when to fight and when to compromise?“ oder „How do you get power?“. Ist die Verbindung von Kampf und/oder Kompromiss nicht eher ein stark gemeinschaftsbezogenes Produkt oder wird in unserer Gesellschaft der Kampf des Einzelnen viel mehr gefördert und gefordert? Sind es aber nicht vor allem die Anderen, durch die und mit denen man an Stärke gewinnt? Jede dieser Fragen schließt in irgendeiner Form auf ein Einzelindividuum gegenüber einem Kollektiv und stellt diese in ein Verhältnis zueinander. „What do you learn from your enemy?“ respektive „When is the best time to lie?“.

Interessanterweise, vielleicht aber auch bezeichnenderweise zeigten viele der gegebenen Antworten einen deutlich individuellen Zugang zu diesem Thema. So wurde Stärke durch Liebe in verschiedenster Form angedacht, durch richtige Entscheidungen oder sonstige persönliche Erfahrungen; Stärke durch Gemeinschaft wurde hingegen nicht vorgeschlagen.

Nach diesem kurzen gemeinschaftlichen Prolog musste das Publikum wieder verlassen, um Platz  für ein musikalisch tänzerisches Monument zu machen, das sich Stück für Stück im Raum auszubreiten begann. Schallplatten wurden hervorgekramt, aufgelegt am Boden verstreut. Dazu Geschichten erzählt, von One-Album-Wonders, von traurig schlecht besuchten und dennoch stimmungsvollen Konzerten, von individuellen Stylez und kollektiven Darstellungsstrategien. Von Grace Jones zu Lionel Richie über die Band Hefner zu Pavement. Dazwischen wurde in kurzen musikalischen und tänzerischen Exkursen, in teils expandierenden, teils komprimierenden Bewegungen das Spannungsfeld zwischen Distanz und Nähe innerhalb einer Gruppe ausgelotet.

Ab und zu kann es auch sehr sinnvoll sein, einmal etwas gemeinsam zu tun

Besonders schöne Momente erzeugte dieser oft so unkoordiniert scheinende Abend, wenn musikalische Wünsche des Publikums bereitwillig befolgt wurden, wenn selbst die PerformerInnen über kleine Versprecher und Unsicherheiten lachen mussten oder dilettantisch, mit dem Plattenspieler in der Hand, einen Hefner-Song zum Besten gaben. Dadurch entstand eine solche Nähe zu den Performenden auf der Bühne, dass man tatsächlich von einem kollektiven (Mit-)Erleben, einem (Mit-)Gestalten dieses kleinen Kunstwerkes, das im Laufe des Abends immer mehr an chaotisch unförmiger Form gewann, sprechen konnte. Als schlussendlich jeder Gegenstand wortwörtlich auf den Kopf gestellt war, jedes Instrument, jede Platte, jedes noch so kleine Gerät über-, unter- und ineinander ihren Platz gefunden hatten, resümierte Jacob Wren sinngemäß die Aussage dieses Abends: Ab und zu kann es auch sehr sinnvoll sein, einmal etwas gemeinsam zu tun.

Als interessantes Detail am Rande wäre zu bemerken, dass PME-ART gerade zu einer Zeit den Individualismus als gescheitert proklamieren, wo in Österreich genau dieser Gedanke zur Praxis wurde. Vor nunmehr drei Wochen haben sich einige hundert Studenten gedacht, dass man eben alleine so nicht weiter kommt. Sie haben sich zu einer Gruppe, einem Kollektiv, einer Bewegung zusammengeschlossen, die gemeinsam auf ein Ziel hinarbeitet. Nur so konnten sie auf die eklatanten Missstände auf Österreichs Universitäten, ja im gesamten Bildungssystem aufmerksam machen und eine breite öffentliche Diskussion entfachen. Diese Form des Protests, dieser Aufschrei war tatsächlich einzig und allein in kollektiver Form möglich. Wenn man also den Geschichten und Standpunkten in „Hospitality 3 - Individualism was a mistake“ folgt und ein bisschen darüber nachdenkt, könnte man sagen, Österreichs Studenten haben einen vorbildhaften Beitrag zu den Überlegungen von PME-ART geleistet.

Was jedoch einen interessant paradoxen Turn dieser Bewegung darstellt, ist, dass es den kollektiv Demonstrierenden tatsächlich auch oder vor allem um eine freiere individuellere Gestaltung ihres Studiums geht. Ganz dürfte der Individualismus in unserer Gesellschaft also doch noch nicht überwunden sein.


(15.11.2009)