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URBAN CHOREOGRAPHY I: MATHILDE MONNIER
CHOREOGRAPHIERT HEINER GOEBBELS' "SURROGATE CITIES" IM RAHMEN DES
EDUCATION-PROGRAMMS DER BERLINER PHILHARMONIKER
Von Pirkko Husemann
Die Berliner U-Bahnlinie U1 durchquert die Stadt größtenteils oberirdisch von Ost nach West. Innerhalb von zwanzig Minuten fährt sie die 8,8 km von der Warschauer Straße im alternativen Friedrichshain durch das ehemalige Arbeiterviertel Kreuzberg bis ins bürgerlich-arrivierte Charlottenburg. Beobachtet man den Verkehr auf der Strecke der im Jahr 1902 errichteten Hochbahntrasse zu unterschiedlichen Tageszeiten, so lässt sich nicht nur ein Blick auf die schönen Altbauten und hässlichen Brachen der Stadt werfen, sondern auch eine kleine alltagssoziologische Studie über ihre Bewohner und deren Gewohnheiten anstellen.
Vor 9 Uhr morgens sind außer Schülern vor allem diejenigen unterwegs, die ihre Kinder abgeben, um anschließend einer geregelten Arbeit im geschäftstüchtigen Westen der Stadt nachzugehen. Zwischen 9 und 10 Uhr morgens werden die Sitzplätze dann überwiegend von Studenten belegt, die sich auf dem langen Weg zur Universität noch mal in ihre Lektüre versenken. Mittags fahren zuerst die Horden von halbwüchsigen Schülern wieder zurück nach Hause, nachmittags die ersten Studenten und ab 17 Uhr diejenigen, die „from 9 to 5“ arbeiten und sich schon auf einen gemütlichen Feierabend freuen.
Nahe der Ausgehmeile
Eine Konstante innerhalb dieses Treibens bilden neben den omnipräsenten Fahrkartenkontrolleuren vor allem die musizierenden Schnorrer und Verkäufer von Obdachlosen-Zeitungen, die die Strecke den ganzen Tag über hin und her fahren. Unterrepräsentiert sind hingegen alte und gebrechliche Menschen, denen das U-Bahn Fahren durch die kaum vorhandenen oder aber ständig defekten Rolltreppen verleidet wird. Umso stärker frequentiert wird die U1 hingegen vom Strom der jungen Kreativen, die erst gegen Mittag mit der Arbeit in ihren Ladengeschäften im Osten der Stadt beginnen und ab 21 Uhr von dort aus direkt ins Nachtleben auf der neuen Ausgehmeile in der Schlesischen Straße abtauchen.
Etwa zehn Gehminuten entfernt liegt direkt an der Spree die Mehrzweck-Veranstaltungshalle Arena, in der neben großen Rockkonzerten auch die Tanzaufführungen des Education-Programms der Berliner Philharmoniker stattfinden. Die großformatigen Aufführungen unter der musikalischen Leitung des Stardirigenten Simon Rattle sind das Aushängeschild eines seit 2005 von der Musikerin und Komponistin Catherine Milliken geleiteten Gesamtprogramms, welches sich der pädagogischen Vermittlung von Musik widmet. Wie sehr sich die Kulturarbeit der Philharmoniker seit dem Beginn im Jahr 2003 künstlerisch gemausert hat, lässt sich an der neuesten abendfüllenden Produktion „Surrogate Cities“ ablesen.
Musik und Urbanität
Auf Einladung von Milliken kam diesmal die französische Choreographin Mathilde Monnier für zwei Monate nach Berlin, um mit insgesamt 120 Teilnehmern unterschiedlicher Altersgruppen eine Choreographie zur Komposition des Komponisten Heiner Goebbels zu entwickeln. Das 1994 uraufgeführte Werk für „großes Orchester, Mezzosopran, Sprechstimme und Sampler“ ist eine musikalische Annäherung an das Phänomen der Urbanität und laut Goebbels „vertikal“ angelegt. Vergleichbar mit den komplexen, heterogenen und synchronen Formen der Zeit- und Raumerfahrung in der Stadt ist auch das Hörerlebnis der Komposition durch die Verschränkung und Überlagerung unterschiedlicher Klangschichten und Musikrichtungen geprägt.
Monniers Choreographie ist im Gegensatz dazu „horizontal“ konzipiert. Statt möglichst viele Aktionen auf einmal stattfinden zu lassen und mit der Masse der 120 Körper zu arbeiten, konzentriert sich Monnier auf die sparsame Reihung einzelner Szenen zu einem visuellen Bilderfluss, der hervorragend mit dem opulent-exzentrischen Klangwerk korrespondiert. So ist es insbesondere der geschickten Auswahl der beiden Künstler sowie der konzeptionellen Zusammenarbeit von Monnier und Goebbels zu verdanken, dass Musik und Tanz in der Inszenierung ihre Eigenständigkeit behalten, ohne einander lediglich zu illustrieren oder verstärken.
Lebende Mauer
Goebbels' und Monniers gegenseitiges Verständnis für das Medium des anderen zeigt sich unter anderem in der szenischen Einbettung der Musiker sowie in der rhythmischen Strukturierung des Tanzes. Der Bühnen- und Zuschauerraum ist in Form von konzentrischen Kreisen angelegt: in der Mitte der Halle das Orchester auf ebener Erde, umgeben vom Tanzboden und schließlich ein Ring aus einzelnen Zuschauertribünen. Diese Anordnung fokussiert den Blick des Publikums zwar auf die Bewegungen der Musiker im Zentrum, die klassische Zentralperspektive wird aber zugleich aufgehoben.
Die Choreographie wiederum arbeitet immer wieder gegen die Musik. Gleich zu Beginn stellen sich die 120 Tänzer wie eine lebende Mauer um das Orchester herum auf, so dass sie die Musiker aus der Sicht der Zuschauer völlig verdecken. In anderen Momenten lässt Monnier die Kinder konsequent neben dem Takt der Musik tanzen, was einem simplen, aber ungemein effektiven Trick zuzuschreiben ist, in dem man die Handschrift von Monniers Kollegen Xavier Le Roy zu erkennen meint. Le Roy, der in der Saison 2007/2008 für Monniers Fortbildungsprogramm am Centre Chorégraphique in Montpellier verantwortlich zeichnete, hatte bereits im Jahr 2006 für das Education-Programm der Berliner Philharmonikern gearbeitet.
Stehen, Gehen und Laufen
Inspiriert durch die Zusammenarbeit mit Rattle, setzte er sich im folgenden Jahr in einer Soloarbeit mit dem „Tanz“ Rattles beim Dirigieren von Igor Strawinskys „Sacre du Printemps“ auseinander. Ganz ähnlich verfährt Monnier in der Arbeit mit den Kleinsten, für die sie eine Art Tanz-Karaoke erfunden hat. Damit die Dritt- und Viertklässler angesichts der Massen von Zuschauern in der großen Halle nicht vor lauter Schreck erstarren, sind zwischen den Zuschauertribünen Monitore installiert, auf denen die Bewegungen des Stimmkünstlers David Moss abgespielt werden. Obwohl die Kinder teilweise nur einen Meter von der ersten Zuschauerreihe entfernt stehen, sind sie ganz bei sich, da sie sich völlig auf die Nachahmung von Moss' Mimik und Armbewegungen konzentrieren.
Es ist diese intermediale Verschränkung von Klang und Bewegung, die das pädagogische Projekt auch künstlerisch interessant macht. Hinzu kommt noch, dass Goebbels und Monnier einen Schwerpunkt auf die faktische Materialität ihrer jeweiligen Ausdrucksmittel legen. Auf musikalischer Ebene werden neben Instrumenten, Sängern und Sampler auch Geräusche wie Papierrascheln oder Schläge mit Baumzweigen eingesetzt. Die Choreographie wiederum ist nicht nur durch virtuose Körperbewegungen und raffinierte Formationen, sondern vor allem durch einfache Handlungen wie Stehen, Gehen und Laufen gekennzeichnet.
Imaginationen der Stadt
Neben diesen formalen Verschränkungen blitzen schließlich noch narrative Fragmente auf, die vor allem durch den Gesang von Jocelyn B. Smith transportiert werden. Zwischen den gesungen Zeilen eines Gedichts von Heiner Müller und der Aktion auf der Bühne wird deutlich, dass ein blutiger Kampf zwischen Rom und Alba tobt, der am Ende für beide Seiten tödlich ausgeht. Mit diesem Ausflug in die Antike kommt „Surrogate Cites“ zu seinem Höhepunkt, der trotz der Grausamkeit des Textes und der Gewaltigkeit der Musik eine Leichtigkeit behält, die der Arbeit mit der Bewegung zu verdanken ist. Monnier deutet den Kampf nur an, indem sie die Schrittformationen zweier Parteien miteinander kontrastiert: auf der einen Seite schwarz gekleidete Kung-Fu Gruppen beim Kampfsport, auf der anderen Seite kunterbunt gekleidete Senioren der Tanzgruppe 50+ beim Bebop.
So bekommt jede Altersgruppe eine Möglichkeit, ihre Imaginationen der Stadt zu präsentieren. Alle fühlen sich sichtlich wohl und wirken auf ihre ganz eigene Art und Weise überzeugend. Und auf dem Heimweg in der U1 kommt man tatsächlich für einen Moment ins Grübeln, warum man im Alltag so wenig mit all den anderen Leuten zu tun hat, die Tag ein Tag aus im selben Zug sitzen. Vielleicht braucht es die Erfahrung einer intensiven Zusammenarbeit im künstlerischen Arbeitsprozess, um die Menschen in der Anonymität der Großstadt aus ihrer selbst gewählten Einsamkeit hervorzulocken. Die Berliner Philharmoniker haben sich diese Aufgabe jedenfalls zum Programm gemacht.
(12.2.2008)
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