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Inzest mit Gottvater

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IN ATHINA RACHEL TSANGARIS JÜNGSTEM FILM "ATTENBERG" WIRD GETANZT

Von Helmut Ploebst




Zwei junge Frauen, zwei alte Welten. Bella ist sexuell sehr aktiv, Marina überhaupt nicht. Die griechische Regisseurin Athina Rachel Tsangari stellt in ihrem Film Attenberg nur eine der beiden Figuren vor – und das ist Marina (Ariane Labed). Über Bella (Evangelia Randou) erfährt das Publikum nur sehr wenig. Dafür spannt Tsangari um ihre Protagonistin Marina einen subtilen Diskurs über Inzest. Aber nein, Marina hat nicht Sex mit ihrem Vater (Vangelis Mourikis). Sie stellt sich ihn nackt vor, wie sie ihm gesteht. Er: „Schäm’ dich.“ Sie wiegelt ab: „Aber ohne Penis.“ Sie ist der einzige Kumpel des todkranken Architekten mit linksutopischer Biografie. Zusammen sehen sich die beiden gern Tierdokumentationen von Sir David Attenborough an.

„Attenberg“ sagt Bella. „Attenborough“, verbessert Marina. Der Versprecher ist zum Titel geworden. „Ich habe bis vor kurzem nicht einmal das Wort Penis aussprechen können“, wird Marina ihrem allerersten Lover (Giorgos Lanthimos) erzählen. Den Geschlechtsakt hat sie sich schrecklich vorgestellt. Wie einen Kolben, der in sie eindringt. Ist das etwa der unterdrückte Wunsch, mit dem Vater Sex zu haben? Das spezielle Vater-Tochter-Verhältnis in dem Film repräsentiert die Strategie der Regisseurin, den Inzest-Gedanken hinter einem Schleier tanzen zu lassen.

Attenberg beginnt mit einer weißen Wand. Marina kommt ins Bild, dann Bella. Sie proben einen Zungenkuß. Bella ist geduldig (und stolz auf ihre Erfahrungen). Marina dagegen voll innerer Widerstände, sie ekelt sich. Die Zungen der beiden Frauen vollführen einen Tanz, der Verunsicherung und Entschlossenheit, Ablehnung und Begehren sichtbar macht. Bis Marina genug hat. Sie schimpft, spuckt auf Bella. Diese spuckt zurück, und das Spucken geht über in ein Fauchen. Die Freundinnen versetzen sich in Katzen, die kämpferisch miteinander tanzen.

Sex im Krankenzimmer

Diese Szene geht über in einen anderen Tanz: den des Wassers, das aus zwei Düsen eines sich drehenden Rasensprengers spritzt. Bella und Marina verkörpern Alter Egos oder das stets moralisch ausgerichtete Motiv der ungleichen Geschwister: wie Schneeweißchen und Rosenrot, Armgard und Melusine bei Theodor Fontane, Maria und Magdalena, die Tugendhafte und die Offenherzige. Bella, das Laster, kümmert sich nur um sich selbst und um Marina. Der Vater – ein strikter Atheist und Ethiker – ist wie Gott. Marina, die Tugendhafte, die Verklemmte, kümmert sich um ihren, um den Vater. Aber sie bemüht sich auch darum, das von Bella Gelernte praktisch umzusetzen und bietet sich einem netten Mann an. Er ist es, der Marina mit Geduld in den Sex einführt. Marina wiederum überredet Bella, mit ihrem Vater noch vor dessen Tod zu schlafen. Bella, die andere Seite ihres Selbst, betritt das Krankenzimmer des Vaters, und Marina hat zugleich mit ihrem Lover den ersten richtig entspannten Sex. Danach hängt sie die Wäsche ihres Vaters auf, verhüllt ihren Kopf mit seinem Pullover.

Sie ist erlöst, und Gott wird sterben. An seinem Totenbett spielt sie seinen Lieblingssong „Bebop Kid“ von Suicide. Dazu singt und tanzt sie. Seine Asche wird sie zusammen mit Bella ins Meer streuen. Danach ist Marina auch von ihrer Gespaltenheit befreit. Ihre Verbundenheit mit Bella führt die Regisseurin in einer immer wieder in die Erzählung geschnittene Ebene, die die beiden Freundinnen als Tänzerinnen zeigt, wie sie gemeinsam hüpfen, Vögel oder Katzen imitieren, wie sie Silly Walks genießen, angezogen mit bis auf die Farbe identischen Kleidern und denselben Schuhen.

Bella erzählt Marina bald nach Beginn des Films, sie habe von einem Feigenbaum geträumt, der sich dann als Penisbaum herausgestellt habe, mit allen möglichen verschiedenen Penissen behangen: großen und kleinen, mit und ohne Vorhaut, prallen und runzligen. Als Marina zum ersten Mal mit ihrem Lover im Bett ist, redet sie zu viel und meint plötzlich, er sei nicht steif. Sie legt ihr Gesicht zu seinem Penis und umschließt das runzelige Ding mit ihrer Hand. Die Kamera nimmt Abstand und präsentiert die beiden Körper in düsterlicher Atmosphäre. Der erste, funktionierende Sex später wird heiter in goldenes Licht getaucht sein.

Das Keersmaeker-Echo

Doch Tsangari engagiert sich keinesfalls nur für die reproduktionsorientierte Liebe. Im Gegenteil. Der Geist des Inzests bleibt im Raum, der Verdacht einer lesbischen Note in Bellas und Marinas Verhältnis wird nur ausgeräumt, weil die beiden ohnehin Alter Egos sind. Und durch Bella hat Marina doch noch mit ihrem Vater geschlafen. Mit ihr gemeinsam leert sie die Asche (Gottes) des Vaters ins Meer. Eine karge Szene, ambivalent wie alle menschlichen Beziehungen in Attenberg. So ambivalent, wie auch die Form des Films bleibt. Der Schnitt ist ausgesprochen schön, aber nicht betont choreografisch. Das Tanzen der beiden Metafiguren rhythmisiert den Film und weist darauf hin, dass es eine Ebene gibt, in der Maria und Magdalena zusammenfinden, und dass dieses Zusammen ein leichtes ist.

Damit wird hier eine etwas klischeehafte Tanzauffassung transportiert – in Figuren, die den Tänzerinnen in Anne Teresa De Keersmaekers Stück „Rosas danst Rosas“ von 1993 verblüffend ähnlich sehen. Aber das von Tsangari bemühte Klischee beschwört immerhin die Coolness, das Selbstbewußtsein und die Kraft der Rosas-Tänzerinnen. Die naive Note dabei erscheint wie Trotz: Das soll kein Diskursfilm sein. Klug ist Attenberg allemal geworden.


(4.2.2011)