:Is anybody out there?

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MARCO BERRETTINIS "SI, VIAGGIARE"

Von Heidi Wilm


„Das Experiment der Begegnung mit dem Unbekannten, welche immer auch eine Begegnung
mit sich selbst bedeutet, eine innere Reise.“ (Programmheft Si, viaggiare)

Peter Sloterdijk hat eine Facebook-Seite. Wir erfahren dort: Er hat über 2000 Fans, mehrere Fotos und ihm „gefällt“ die Internet-Seite „Enquête et débat“. Und auch wenn niemand jemals wissen kann, ob hier der „echte“ Sloterdijk dahintersteckt (verdächtig: seine Biografie ist auf Französisch verfasst), treffen sich hier gesprächshungrige Fans, die sich gerne mit ihm über sein neuestes Werk unterhalten wollen. „Hi Mr. Sloterdijk, I would like to exchange some impressions about the Stephen Hawking’s concept of black hole and the space structure postulated in your famous trilogy“, heißt es da etwa auf seiner „Wand“. Ob der Ruf jemals Erhörung finden wird, ist ungewiss. Aber das ist vielleicht auch zweitrangig. Wie einst bei den Voyager-Missionen der NASA. Es geht um den Ruf selber. Das Überbrücken des Hier und Jetzt des (eigenen) Körper-Raumes in den Welt-Raum des All-Gemeinen. Es geht um das Reisen: Si, viaggare!

Der Choreograf Marco Berrettini, selbst ausgesprochener Sloterdijk-Fan, hat sich die Frage gestellt, wie im Zeitalter „von Facebook, Twitter und Dating-Sites, der heiligen Kommunikation“ noch Begegnung stattfinden, zu einer „Sphäre“ des Intimen gefunden werden kann. Insofern diese Medien der globalen Vernetzung längst zum Raum der rasanten Austragung gesellschaftlicher Veränderungen und damit selbst zu politischen Machtmitteln geworden sind, legt allein schon die Fragestellung den Anspruch Berrettinis offen. Dass „das Politische“ keinen vom Privaten oder Intimen abgetrennten Bereich darstellt, sondern aufs Engste mit diesem verschlungen ist, scheint Ausgangsgedanke seiner Arbeit zu sein.

Eine Politik der Uterus-Sehnsucht

Dabei hat Berrettini für Si, viaggiare im Setting der Raumfahrt ein Bild gefunden, das in seiner Symbolik diese Verschlungenheit nicht eindringlicher zum Ausdruck bringen könnte. Die bemannte Raumfahrt: einerseits als Traum, fremdes Leben entdecken zu können, als Sehnsucht, dem eigenen Sein durch das (Wieder)Finden eines Begleiters endlich Sinn geben zu können, als Versuch, sich im fernen Außen ein Haus zu bauen (bzw. dieses Außen selbst in ein Haus zu verwandeln), um damit den postnatalen Schock der Hüllenlosigkeit, worin sich die Menschen laut Sloterdijk seit der kopernikanischen Wende gefangen sehen, zu überwinden. [*] Dies spiegelt sich andererseits im Machtkampf zwischen den Staaten, allen voran der USA und der Sowjetunion, durch den der Wettlauf ins All während des Kalten Krieges seine geradezu perverse Bestimmung fand. Die Kreuzung von tiefsitzenden (Ur-)Wünschen der Menschen und politischem Agieren findet in der Geschichte der bemannten Raumfahrt eine emphatische Konkretion.

In dem knapp zweistündigen Stück im Odeon-Theater sah das Ganze so aus: Neun Reisende, allesamt bis zur in Unkenntlichkeit in Raumanzüge verpackt, finden sich auf einem kleinen, orangen Planeten wieder und wissen nicht viel mit sich anzufangen. Verplant blicken sie ins ferne Außen, und das heißt ganz einfach: ins schwarze Nichts des sie umgebenden Bühnenraumes. Wabernde Töne aus dem Weltraum, in Wirklichkeit Aufnahmen aus dem Badezimmer kombiniert mit gelegentlichen Stockhausen-Inserts, begleiten diese romantischen Taugenichtse auf ihrer Reise.

Langsam beginnen sie sich anzunähern, sich gegenseitig in die kugeligen, von innen beleuchteten Helme zu blicken, und sie sehen dort: zunächst einmal nichts anderes als sich selbst. Die Helme spiegeln in alle Richtungen, ihre quadratischen Sichtfenster wirken wie kleine Bildschirme, wörtliche Face-Books, TV-Screens. Das Sehen des Anderen als Fern-Sehen oder als Sehen von sich selbst? Weder das eine noch das andere scheint zu funktionieren.

Erst Lichtjahre später, als sich die Reisenden endlich ihrer Helme entledigen, kann der eigentliche Trip beginnen. Der zunächst feste Blick ins Publikum hält dem Ertönen eines Whitney Houston-Songs nicht stand und löst sich in klägliches Schluchzen und Umherirren auf der Suche nach Umarmung. Eine Choreografie kultureller Kodierungen des Spektakels à la The Show Must Go On.

Nächste Station des Beisammenseins: die „Sphäre“ des Mikroorganischen. Jetzt ganz aus ihren Anzügen geschält, finden sich Paare und Vierergespanne zu kichernden Molekülen und Zellen aus wimmelnden Gliedmaßen zusammen, lösen sich, formen sich neu – ganz den Gesetzen der magnetischen Abstoßung und Anziehung folgend. Dann wiederum verwandeln sie sich in kindliche LehrmeisterInnen, die sich herumtollend zeigen, wer die besseren Spiele weiß.

Räume der Koexistenz

Schließlich begibt sich die Gruppe an einen Modelltisch abseits des Planeten, der das gesamte Bühnenset samt ihrer selbst in Miniaturformat darstellt. Die Performer beginnen die Figuren zu verschieben, mit ihnen zu spielen, die Situation zu kommentieren. Im so eingenommene „Blick von Außen“ treten sie in Komplizenschaft mit dem Publikum, das schon die längste Zeit mit gerade einem solchen beschäftigt ist. Aber es ist eine Komplizenschaft des Banalen: Kein tieferer Sinn scheint sich dahinter zu verbergen als die Komplizenschaft selbst – eine neue „Sphäre“ ist gebildet.

Heitere Planlosigkeit stellt sich ein, alles wirkt ein wenig improvisiert, eher wie eine Probe denn ein „richtiges“ Stück. Einige Zusehende haben bereits den Raum verlassen, noch mehr tun es jetzt. Doch halt! Auch das scheint die Performance mit einkalkuliert zu haben. Auch auf dem Planeten gibt es einen, der nicht mitmachen will. Bereits seit Beginn des Stücks trotzig-reglos am Rande der Kugel sitzend, verharrt er auch jetzt noch dort in seinem Anzug von den anderen abgewandt. Doch nun, wo sich alles in Wohlgefallen aufzulösen scheint, hat auch er endlich seinen großen Auftritt, kann (wie die den Saal verlassenden Gäste) einen Moment des An-Sehens genießen. Mit „Mah Nà Mah Nà“ gibt er einen Song der Muppet Show zum Besten und findet Zuspruch durch die einstimmende Gruppe sowie Teilen des Publikums, bevor er winkend Planeten und Bühnenraum in eine wiederum andere Welt, ein anderes Außen, verlässt.

Nachdem alle Performer so von dannen gezogen sind, ist es auch für die Zusehenden an der Zeit zu gehen. In die Geräusche der allgemeinen Aufbruchsstimmung mischt sich die längst vergangene Stimme eines österreichischen Politikers, der die Errungenschaften der Raumfahrt preist. Der Raum des fröhlichen Entertainments verschränkt sich mit inszenierter Ernsthaftigkeit, die so selbst wie kindliches Spiel wirken muss. In solchen Überblendungen legt Si, viaggiare ganz grundlegende Bewegungen unseres Zusammenseins frei, sei es in Performanceveranstaltungen, in intimen Fremd- und Selbstverhältnissen oder in der Weltpolitik. Dass es hier mit der Rationalität oder gar „Objektivität“ nicht gar so weit her ist, lässt dieser Abend durchaus erfahrbar werden.


Fußnote:
[*] Vgl. Peter Sloterdijk: Sphären I – Blasen. Frankfurt: Suhrkamp 1998.


(26.8.2011)