CORPUS Suche


Isländischer B-Movie-Splatterblues

Drucken

ERNA ÓMARSDÓTTIRS "MYSTERIES OF LOVE" BEI OKTOBERDANS IM NORWEGISCHEN BERGEN

Von Helmut Ploebst

Der Körper der geysirhaften Tänzerin Erna Ómarsdóttir tanzt nicht nur mit reiner Stimme. Zahlreiche Tänzer und Choreografen singen mittlerweile sehr schön, darunter Vera Mantero, Mark Tompkins und, etwas herausfordernder, Claudia Triozzi. Die Isländerin geht noch einen Schritt weiter und stimmt ihr Publikum so rüde wie kokett auf die kakophonen Untertöne aller Romantik ein.

Diese Choreografie der Stimme ist ein eindeutiger Verweis darauf, daß das Atmungssystem, die Kehle und das Innere des Mundes bis über die Lippen hin immer selbstverständlicher in die Praxis des Tanzens miteinbezogen werden. Und nicht einfach auf die Tatsache, daß Tänzer eben auch singen können, denn keiner von ihnen singt, wie ein Sänger es tun würde. Sänger operieren als Resonanzkörper. Tänzer dagegen machen Körperresonanzen sichtbar.

Ein Tänzerkörper ist – als Modell eines „Kollektivkörpers" gesehen – ein Simulator für körperliche Grenzsituationen. Dieser Kollektivkörper entsteht über den Sprechakt de facto jedesmal, wenn allgemein vom „Tänzer" die Rede ist. So entsteht zwar „nur" ein Sprachkonstrukt, immerhin aber eines, das die Ineinanderprojektion einer bestimmten Menge von Körpern vollzieht. Einige wenige Tänzerpersönlichkeiten aber entziehen sich diesem Prozeß: Eine davon ist die Isländerin Ómarsdóttir. Ihre Bewegungen sind weniger die Resultate von fein gewobenem Movement Research, sondern vielmehr Ergebnis eines repräsentationalen Ladeprozesses. Oder, vulgärer formuliert, sie ist eine Actiontänzerin, die bestimmte Muster von Projekt zu Projekt, Stück um Stück wieder und wieder einsetzt, dabei immer in andere Kontexte versetzt.

Plastikblume des Bösen 

Ómarsdóttir tanzt immer Ómarsdóttir, ob bei ihrem Solo „IBM 1401 – a user's manual", in Sidi Larbi Cherkaouis „Foi" beziehungsweise in „We are all Marlene Dietrich FOR" – oder in „The Mysteries of Love", ihrer zweiten Kooperation mit dem Musiker Jóhann Jóhannsson. Hier zeigt sie ganz explizit das Mädchen als Horror-Persiflage, als Reminiszenz des Hollywood-Monsters, als Buffys vibrierende Gegnerin, als unexorzierbare Regan, als Plastikblume des Bösen oder Billigversion einer fiktiven Miss Hyde. Zusammen mit der gespenstischen Margret Sara Gudjónsdóttir erscheint sie als infernalische Schwester auf der Bühne, und diese Bühne wird den beiden zu einem „Haunted House", in dem eine gespenstische Liebespost abgeht.

Der referenzgeladene Horrortrip durch Lamourmysterien ist eine Anspielung auf pubertäre Leidenschaften, die das Erwachsenwerden nicht selten zu einem Spießrutenlauf mißraten lassen. Ein Verweis auf die Unsicherheit gegenüber der eigenen Position in der Gemeinschaft, dem Sichbehauptenmüssen und der Umstellung des Körpers vom Kind zum Erwachsenen. Oder besser: Ómarsdóttir und Gudjónsdóttir spiegeln die Spiegelungen des B-Horrors wider, die in die sich reorganisierenden Hormonwerte von Youngsters effektversprechende Identifikationsflächen projizieren. Ein pink und ein rosa Kleidchen, zwei Lolitas händchenhaltend, Theaternebel, unheimliche Songs und atmosphärisches Licht. Das ist der Stoff, mit dem die beiden Schauerschwestern den Fetisch des Alptraums beschwören und zerstören.

Gothic Gastfreundschaft 

In „Mysteries of Love" wird auf starke Bilder und auf das scharf umrissene Darstellungsspektrum von Ómarsdóttir gesetzt. Dieses reicht von der wahnsinnig lachenden Puppe über die Zombie und einen überzeichnetem Expressionismus bis an den Rand der Selbstzerreißungsaktion. Darüber hinaus von zartem Goth-Gesang über Dämonenstimmen-Dubbing bis hin zu gutturalem Death-Metal-Gebrüll, an dem die zierliche Tänzerin besondere Freude hat. In zehn „Songs" skandieren Ómarsdóttir und Gudjónsdóttir die Gesetze der Gastfreundschaft in der Twilight-Zone zwischen verzweifelter Lebenslust und abgründiger Todessehnsucht. Wobei Erna Ómarsdóttir auch hier die Ironie hinter dieser Romantik des Ortlosen dick unterstreicht.

Doch ihr Strich wirkt wie mit dem eigenen Blut gemalt. Die Wiederholung des Wiedergängertums ist als Teufelskreis konzipiert, in dem die Tänzerin auch die Mysterien des Liebe mit Hilfe einer Pentagrammatik beschwört, die für die Leiden des Luxus und der Moden steht, denen wir alle uns nicht entziehen können.