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Joachim Schloemer: Abendempfindung |
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TRANSAKTUALITÄT #4: DAS LEBEN ALS STIEFMUTTER
Sicherlich hätte ich nach Graz fahren können. Kein Problem. Ich wäre in den Zug gestiegen, es wäre über den Semmering gegangen, und ich hätte eine herrliche Reise gehabt. Zur Eröffnung des Steirischen Herbsts 2011 mit dem Stück Cesena von Anne Teresa De Keersmaeker. Und nein, ich hätte nicht nach St. Pölten fahren müssen, um durch das wundervolle Niederösterreich bis zu dessen Hauptstadt zu fahren und dort zum Festspielhaus zu spazieren, um statt Keersmaekers Arbeit das Stück Abendempfindung von Joachim Schloemer zu sehen. Es war, glaube ich, ein lauer Herbstabend.
Später hat man mich angesprochen. Warum warst du nicht bei Cesena? Ich habe irgendwelche Begründungen dahergeplaudert, aber eines nicht zugegeben: Ich wollte wieder einmal einen Tänzer schwimmen sehen. Nein, das stimmt schon wieder nicht. Also dann jetzt ganz ehrlich. Cesena. Sozusagen die Fortsetzung des Stücks En Atendant von 2010, das ich im Vorjahr bei Impulstanz gesehen habe: Imitation eines Sonnenuntergangs, mittelalterliche Ars Subtilior-Musik, Tänzer, die sich durch eine hehre Stimmung tragen. Eine klösterliche Atmosphäre.
Und nun: Imitation eines Sonnenaufgangs. Mittelalterliche Ars Subtilior-Musik. Tänzer, die... Nun, ich habe es vermieden. Und es geht mir jetzt den Umständen entsprechend gut. Ich dachte, fragte mich: Wie passt Cesena zum Steirischen Herbst? Und ich dachte, fragte mich: Wie passt Abendempfindung ins Festspielhaus St. Pölten? Schon so lange kein Schloemer-Stück mehr gesehen. So gut wie nie ein Schloemer-Stück erlebt. Umständehalber. Asche auf mein empfindliches Haupt.
De facto nahm ich meine Cesenafantasien mit in den Zug nach St. Pölten, den Sonnenaufgang in den Sonnenuntergang. Vom Bahnhof zum Festspielhaus bin ich nicht geeilt, sondern geschlendert, ganz in eine Abendempfindung versunken, die ich in die Abendempfindung hineintragen wollte. Und als ich nach der Aufführung wieder in Richtung Bahnhof unterwegs war, jetzt schnellen Schrittes, war ich froh. Froh, erstens einen Tänzer gesehen zu haben, wie er immer wieder ins Wasser springen musste, und zweitens diesen großen Videoscreen-Spiegel entdeckt zu haben, den Schloemer im ersten Teil dieses Stücks verwendet.
Angelin Preljocajs leerer Rahmen
Es war der 23. September, und ich erwischte den Zug um 21.38. Es war ein kurzes Eilen durch das nächtliche St. Pölten. Zehn oder zwölf Minuten. Ich dachte an das Stück Blanche neige von Angelin Preljocaj, in dem ebenfalls ein riesiger Spiegel eingesetzt ist. Dort schaut sich die böse Schwiegermutter an, eine Dominatrix in Schwarz mit rotem Rocksaum. Live gespiegelt, denn bei Preljocaj ist der Spiegelrahmen leer. Schloemer dagegen, sagte ich zu mir auf dem Bahnsteig, verbindet die Funktion des Monitors mit der des Spiegels, denn einige der Livefiguren – allesamt Mozart – spiegeln sich live in der Screen, und sie werden zusätzlich durch das vorab aufgenommene Video da hinein projiziert.
Mozart ist in der Abendstimmung vervielfältigt wie Agent Smith in der Matrix-Trilogie der Wachowski Bros., dachte ich, als ich in den Zug stieg, und diese Mozartmultiplikation hat bei Schloemer schon so seinen Sinn. Marketing von Anbeginn. Die Viralisierung des Genies durch seine Vermarktung. Ich stelle mir vor, wie ich den vorderzahnfreien Schädel (echt oder nicht) Mozarts in meiner rechten Hand halte und wie weiland Bernhard Minetti (mit dessen Stimme) ächze: „Was grinsest du mir, hohler Schädel, her?“ Noch lieber wäre ich mit Bernhard Minettis Schädel in der Hand gesessen und hätte dessen Spiegelbild im Zugfenster dieselbe Frage gestellt.
In diesem Augenblick habe ich sie gespürt. Gespürt, wie sie mir durch Mark und Bein dringt. Die mittelalterliche Ars Subtilior-Musik, wie Anne Teresa De Keersmaeker sie bei En Atendant und Cesena einsetzt. Entsetzliches Cesena, Stätte eines Massakers an 4000 Menschen, angezettelt 1377 von Papst Clemens VII (in demselben Jahr setzte die Ars Subtilior ein). Der Zug nimmt Fahrt auf, einer dieser tollen Railjets der Österreichischen Bundesbahnen. In die mittelalterliche Ars Subtilior-Musik dringt der Faust:
„Ich, Ebenbild der Gottheit, das sich schon Ganz nah gedünkt dem Spiegel ew'ger Wahrheit, Sein selbst genoß in Himmelsglanz und Klarheit, Und abgestreift den Erdensohn; Ich, mehr als Cherub, dessen freie Kraft Schon durch die Adern der Natur zu fließen Und, schaffend, Götterleben zu genießen Sich ahnungsvoll vermaß, wie muß ich's büßen! Ein Donnerwort hat mich hinweggerafft.“
In den Sitzen vor mir sitzt Agent Smith neben Agent Smith. In den Sitzen hinter mir Papst Clemens, genannt der Henker von Cesena, neben Minetti, der sich als Mozart verkleidet hat und meinen Schädel in der Hand hält. Ich grinse und fühle mich ein wenig hohl, innerlich. Bei Schloemer, sage ich verhalten, habe ich eine Sängerin ohne Stimme bewundert. Anne Teresa De Keersmaeker will meine Fahrkarte sehen. Ich erkenne sie an ihren Augen. Und der Bart steht ihr nicht. „Du stießest grausam mich zurück“, zischt sie. Und ich, von Mozart mit Minettimaske etwas gewürgt, antworte mühsam: „Ach! unsre Taten selbst, so gut als unsre Leiden, / Sie hemmen unsres Lebens Gang.“
Dreht sich einer der Smiths zu mir um und sagt knarzend: „Du bebst vor allem, was nicht trifft, / Und was du nie verlierst, das mußt du stets beweinen.“ Ich weiss, jetzt hilft nur noch Frechheit, greife in seinen Kopf (das geht, er ist nur eine Projektion), kalter Datenschleim rinnt mir den Arm entlang. Ziehe sein Gesicht ganz nah an mich heran und spreche es deutlich, aber tonlos aus: „Als daß dein Hirn, wie meines, einst verwirret / Den leichten Tag gesucht und in der Dämmrung schwer, / Mit Luft nach Wahrheit, jämmerlich geirret.“ So war es. Eine poetische Entscheidung. Ich habe zwischen Sonnenaufgang und Abendempfindung wählen können. Mein Name ist Smith. Und mein Leben ist eine Stiefmutter. (ploe)
(Aufführung im Festspielhaus St. Pölten vom 23. 09. 2011; Text 16./17. 11. 2011)
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