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URBAN CHOREOGRAPHY II: BEGEGNUNG MIT DER JAPANISCHEN ARCHITEKTIN, POTATO-HOUSE-ERFINDERIN UND PERFORMERIN YUKIKO NEZU
Von Elke Krasny
Mit aufgeregtem Stimmengewirr bewegt sich eine Prozession von Architekturstudierenden abwärts durch das Stiegenhaus der Technischen Universität Wien. Die jungen Leute sind im Präsentationsfieber. Es ist höchste Zeit, ihre Ergebnisse des Workshops „Body and Architecture" öffentlich vorzustellen. Zwei Wochen lang, einmal im Dezember und einmal im Jänner, war die japanische Architektin - und Performerin aus Leidenschaft - Yukiko Nezu am Institut für Wohnbau am Wiener Karlsplatz zu Gast.
Ihr Workshop situierte sich in der Randlage zwischen Architektur und Kunst, aber mitten in den Herausforderungen von Raumerfahrung und Rauminstallation. Sobald die Gruppe im Erdgeschoß angekommen ist, stellt Nezu sprühend und eindringlich die Aufgabenstellung vor: ein Objekt zwischen Architektur und Kunst hatten die Studierenden erzeugen sollen. Ein Objekt also, das nicht von einer vorgegebenen Funktion in seinem Entstehungsprozess geleitet wird, das vielleicht unnütz sein mag, aber Kopf und Körper inspirieren kann.
Verführerisches Objekt
Dieses Objekt sollte es schaffen, Bewegung in den Raum zu bringen und die BenutzerInnen dazu zu verleiten, die Bewegungen aufzunehmen, ihnen zu folgen, sich verführen zu lassen. Und schon hat Nezu ein überzeugendes Raumkörperbild zur Hand: Wenn eine kleine Stufe oder ein niedriger Schemel irgendwo im Weg steht, dann wird schon ein Baby im Krabbelalter versuchen, über dieses Objekt zu klettern und es mit seinem Körper intensiv erforschen.
In dieser Raumkörperbeschreibung hat Yukiko Nezu leichtfüßig und gänzlich ohne diskursive Schwere die Qualitäten von Raum, von Architektur, von einem entworfenen Objekt als performative beschrieben. Immer wirkt der Raum handlungsgenerierend. Im selbstverständlichen, unreflektierten Erzeugen und Erfüllen dieses handlungsermöglichenden Potenzials wie im bewussten Überschreiten und Verweigern dieses handlungsvorschreibenden Potenzials (und umgekehrt), liegt die Performativität von Raum im Verhältnis zu den „unruly users“, wie Kunstkritikerin und Architektin Jane Rendell uns, die RaumnutzerInnen nennt, begründet.
Knoten im Kabel
In gefährlich balancierenden Körperakten und unter klugem Einsatz eines Flaschenzugs haben zwei Studentinnen ein dichtes Kabelgeflecht durch das Stiegenhaus gespannt. Es ist ein einziges, viele Meter langes Kabel, dessen Verlauf sich in Windungen, Wendungen und Verknotungen spannt. Die „Konnexion“ und „Heterogenität“ von Gilles Deleuze und Felix Guattari legen sich als nahes Theoriegebilde zu diesem rhizomatischen Geflecht. Die Freude am Blühenden, am Organischen, am Veränderlichen der Natur, die Nezu ihnen im Workshop mitgegeben hat, haben sie auch aus den Kabeln herausgelockt, die beiden Studentinnen: das Kabel wurde zwar nicht durchschnitten, aber durch Einschnitte die Vielheit des Kabelinnenlebens herausgelockt und zu bunten Blumen geformt, die in unbeschreiblicher Delikatheit leichte, kleine Objekte in ihren gewundenen Blumenblättern halten.
Vom Stiegenhaus der Technischen Universität Wien geht es weiter in den neu gestalteten Aulabereich. In den Augen der StudentInnengruppe findet die Umgestaltung der Aula durch das Planungsteams Nehrer + Medek und Partner und Architekt Neumayer, die 2005 in einem von der Bundes-Immobiliengesellschaft ausgeschriebenen europaweiten Wettbewerb zur Erneuerung und Erweiterung des Universitätsgebäudes als Sieger hervorgegangen waren, keine Gnade. Die Studierenden kritisieren den Mangel an Kommunikationsbereitschaft des Raums. An diesem haben sie angesetzt.
Fliegende Wände
In einem prinzipiell unendlich erweiterbaren modularen Gebilde aus Flyern haben sie einen Raum in den Raum gehängt. Die Flyer wurden, immer vierzehn Stück zusammengestapelt, als modulare, aber durch die Bewegungen des Gesamtgebildes nie formidenten Einheiten aneinandergestapelt und abgehängt. Steht man unter dem sich dachartig aufspannenden Gebilde, so wird es durchschaubar. Die Flyerwände bilden Ovale, man sieht auf den Raum dahinter, daneben, darunter. Und wieder wird der Raum performativ, er treibt zum Handeln an, zum Schauen, zum Innehalten. Aber der bestehende Raum der Aula wird auch „performt“, er wird in Qualitäten, die in ihm stecken, aber nie spürbar oder sichtbar werden konnten, übersetzt.
Auf den ersten Blick ist ein kleiner „friendly alien“ in der Aula gelandet, der sich mit einem Anschauen erkennend erledigt hat, an dem sich also getrost vorbeilaufen lässt. Nimmt man die durch das nicht mittig, sondern seitlich abgehängte Gebilde ausgesprochene Einladung an, sich darunter zu stellen, Schutz zu suchen, sich zu bewegen, dann wird es vielschichtig. Zum einen kann man beginnen, die aneinander gestapelten Baumaterialien, die Flyer, als urbane Mitteilungsoberfläche zu entziffern, zum anderen ist das Wechselspiel der Beziehungen zwischen Person, Gebilde und Aula in ständiger Mikroveränderung.
Die Veränderbarkeit ist lustvoll eingeschrieben. Man könnte ja auch Flyer auflegen, sodass andere nach ihren Wünschen weiterbauen, meint eine Studentin. „Ein Bau ist in all seinen Funktionen rhizomorph: als Wohnung, Vorratslager, Rangiergelände, Versteck und Ruine“, so Deleuze und Guattari.
Sprünge im Maßstab
Wie Nezus Denken die Studierenden inspirierte und motivierte, lässt sich bei einem Blick auf ihre eigene Arbeitspraxis erahnen. So hat sie für den Babyprodukte und Babykleidungshersteller Julius Zöllner den Kölner Messestand realisiert. 3000 weiße Textilblumen auf 50 Metern sorgten für die atmosphärische Einstimmung. Die einzelnen Produkte, wie Babybetten oder Wiegen, waren entlang eines Catwalks in guckkastenähnlichen Kojen aufgefädelt. Den Gang einer Kundin den Steg entlang beschreibt Nezu wie eine Performance, die zugleich die Geschichte der Kundin erzählt, die dann am Ende des Gangs anlangt und einen in Schlaufen gelegten Vorhang, bühnengleich, zur Seite schiebt, um in ein Gespräch mit den Firmenrepräsentanten zu treten.
Als Kind, sie hatte sieben Jahre lang klassisches Ballett studiert, wollte Nezu entweder Choreografin werden oder Ärztin oder Architektin. Für die beiden mit dem Raum arbeitenden Disziplinen der Choreografie und der Architektur ist der Hauptunterschied für sie der „time span“. Aber Geschichten erzählen kann man in beiden Disziplinen, meint sie, denn auch so wie man Gebautes denkt, lassen sich Erfahrungen erzeugen. Trotz ungeheuren Arbeitseinsatzes zwischen Tokyo und Amsterdam, am liebsten würde sie immer ein halbes Jahr dort und das andere halbe Jahr hier leben, nimmt sie sich Zeit fürs Tanzen und Performen. Im Jänner 2006 nahm sie an einem Tanzworkshop in der DasArts Foundation, dem 1994 in Amsterdam gegründeten Zentrum für Advanced Studies in the Performing Arts, teil, diesen Sommer freut sie sich schon auf ihre Teilnahme an Kursen der Wiener Tanzwochen.
„Like a pancake“
Im Rahmen des Workshops realisierte Nezu sich als „drawing performer". Sie arbeitete mit Wasser auf Papier, in einer Linie, die sie dreißig Minuten lang konsequent durchzog, weiterentwickelte, sich entwickeln ließ. Nezu pendelt zwischen Japan und Holland, zwischen Tokyo und Amsterdam. Nach ihrem Studium am Musashi Institute of Technology in Tokyo studierte sie mit einem holländischen Stipendium am renommierten Berlage-Institut, das einen postgradualen Ausbildungsfokus auf Architektur, Städtebau und Landschaftsarchitektur richtet. Nezu war von Holland begeistert. „It was a like a pancake. I could see all the way", sagt sie mit leuchtenden Augen. „There was so much space. I could feel the space. I wanted to stay." Im Jahr 2005 gründete sie URBANBERRY DESIGN, in Tokyo und Amsterdam. Ein über die Disziplinen laufendes Designbüro, von der Landschaftsplanung bis zur Bühnengestaltung, vom Wohnbau bis zum Kostümentwurf, vom Produktdesign bis zum Städtebau ist ihre Vision. In Amsterdam macht sie sich gerade einen Ruf als inspirierte und inspirierende Querdenkerin, die als Ideengeberin in Entwurfsprozessen gerne dazugeholt wird.
So hat sie im Rahmen des Büros Inside/Outside in Amsterdam an den Konzeptionen für die Landschaftsgestaltung rund um das von Rem Kohlhaas und OMA entworfene Central China Television-Gebäude mitgearbeitet, das kommendes Jahr fertig gestellt werden wird. Aber auch große Wettbewerbe sind für Yukiko Nezu selbstverständliche Herausforderung. In der Ajman Freezone Marina in Dubai hat sie im Juli den ersten Preis für eine gemischte Nutzung mit 239 Wohnungen, 1550 Parkplätzen und 1200 m2 Shopping davon getragen. Der Name URBANBERRY ist leitmotivisch für ihr Denken, das sich selbstverständlich und gleitend von großen zu kleinen Maßstäben und zurück bewegt. Das Spannungsverhältnis zwischen der Natur und dem Menschengemachten klingt in der Kombination von urban und berry auch an.
Potato Eyes
Und um das Verhältnis zwischen den Menschen und der Inspiration durch die Natur geht es auch in ihrem Lieblingsvisionsprojekt: der Potato Architecture. Das ist ihr „life project“. Ihre Schwester, eine Biologin, erzählte ihr während des Studiums etwas über die Entwicklung des Gehirns. Das verleitete Yukiko Nezu zu der Assoziation, dass es ein augenloses Vorstadium gegeben hätte und sich dann erst die Augen aus dem Kopf nach vorne schoben. Diese Augen, die aus dem Kopf herauswachsen, ließen sie an die Kartoffel denken. Und die Kartoffel - sie hat auch vier Monate auf ihrem Tisch eine Kartoffel beobachtet, diese zwei Wochen lang in ihrem Rucksack mit sich herumgetragen und dann vor ihrer Abreise nach Tokyo einer Freundin für ein halbes Jahr zur achtsamen Pflege überlassen - wird zum Weltkonzept für sie: Erde, Grundlage, Schlamm, voll Saft, Energie und ohne Struktur.
Ihre Potato Architektur, ihr Potato Haus, das würde sie überall auf der Welt bauen, als Riesenkartoffel für 100 Familien oder mehr, Das Wuchern des Rhizoms aus der Kartoffel ist ansteckend. „Im Rhizom gibt es das Beste und das Schlimmste: die Kartoffel, die Quecke, das Unkraut“, schrieben Deleuze und Guattari. Solange die Kartoffelarchitektur nicht im geträumten Maßstab gebaut wird, bleibt sie Performance auf Papier. Auf Zwei-mal-zwei-Meter-Blättern macht Nezu Kreidezeichnungen, einmal als Gedichte von Montag bis Sonntag, einmal als Serie von Augen, einmal als Serie über die Kniescheibe, ihr nächstes Körperassoziationskettenglied mit der Kartoffel.
In Nagano war sie eingeladen, ein typisches holländisches Gericht zu kochen. Die Kartoffel leistete dabei die Grundlage, als Kartoffelbrei. Darauf entfaltete sich ein Beet von Blumen, die alle verführerisch essbar aussahen. Das nannte sie „Conceptually Dutch“, und das spiegelt genau ihre poetische und zugleich materielle Arbeitsweise wider: „I believe in existing material to create a story.“ Die Worte, die Dinge, die Geschichten und die Räume beginnen miteinander zu tanzen, wenn Yukiko Nezu sie zu Architekturen stimmt.
(12.2.2008)
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