WIENER FESTWOCHEN: AMIR REZA KOOHESTANIS NEUES STÜCK "WHERE WERE YOU ON JANUARY 8TH?"
Von Helmut Ploebst
Eine Faustfeuerwaffe wird gestohlen. Der Bestohlene, ein Soldat, ist alarmiert. Er könnte vor ein Militärgericht kommen, wenn der Colt nicht wieder auftaucht. Der Kreis der Verdächtigen ist klein. Der Soldat telefoniert herum. Ein Abgrund aus Lügen, Egoismus und Verbohrtheit tut sich auf – doch nicht als „Sittenbild“ der iranischen Gesellschaft, sondern als Ausdruck einer tiefen, kollektiven Verstörung. Der Verstörung einer Gesellschaft, die seit Jahrzehnten unter einem grauenhaften Regime leidet.
Der 1978 in Schiras geborene Regisseur Amir Reza Koohestani hat mit „Where were you on January 8th?“ zwar kein dramaturgisches Meisterwerk abgeliefert, aber doch ein beeindruckendes, formal rigides Stück Dokufiction. Die Figuren darin, vier Frauen und zwei Männer, kommunizieren so gut wie ausschließlich über ihre Mobiltelefone miteinander. Ihre Interessen sind ganz verschieden von dem, was sie miteinander verbindet: die Proben für ein Stück, Bekanntschaft, Miteinanderverlobtsein, subversives Verhalten gegenüber dem Regime. Jeder ist sich selbst der nächste und sofort bereit, Vereinbarungen mit den anderen zu brechen, wenn es die eigenen Belange oder die Situation erfordern.
In einer politischen Realität, die nur aus Willkür besteht, wird die Einzelfigur zum Träger der Echos dieser Willkür. Hemmschwellen fallen, wo es unmöglich bleibt, frei zu agieren oder zu sprechen, wo alles Schein und Schauspielerei und die Camouflage zum normalen Verhalten geworden ist. Nicht, daß dies „bei uns“ in Europa viel anders wäre – in einer Gesellschaft, die aus unzähligen Subregimes aufgebaut ist, die alle vorgeben, bestens in die Demokratie integriert zu sein. Dazu gehören Firmen, Ämter, Institutionen und Parteien, in denen Unterdrückung, Zensur, Machtmissbrauch und Kontrollwahn zur Tagesordnung gehören.
Wo sind die „Guten“?
Koohestanis Stück ist also alles andere als fern von der westlichen Realität, an deren demokratischen Grundordnungen permanent im kleinen und im großen Stil gesägt wird. Das iranische Regime erinnert „uns“ daran, daß Europa noch nicht so lange zur Gänze demokratisch ist und daß diese Demokratie von durchaus antidemokratischen Organisationen durchsetzt und ausgehöhlt wird. Wer also auf Iran als Katastrophenszenario blickt, muß das unter diesem Aspekt tun. Koohestani führt seine Charaktere in ihrer brutalen Kommunikation miteinander nicht vor, sondern exerziert eine Parabel auf die Möglichkeiten von Selbstverteidigung im weitesten Sinn der Bedeutung dieses Begriffs durch.
Man sollte sich in Europa nicht einbilden, die komplexen Gebäude „fremder“ Politiken schon zu verstehen. Und doch ist es ganz leicht möglich, sich miteinander zu verständigen. Gerade über die Brücke der Schwächen der verschiedenen Systeme. „Where were you on January 8th?“ ist eine gute Gelegenheit, darüber etwas zu lernen. Xenophobe gleich wie wohlmeinende Westler bauen sich ihre Orientierungshilfen hartnäckig als Schwarzweiß-Illusionen auf. Mit fatalen Folgen. Dem „Fremden“ widerfährt entweder gnadenlose Ablehnung oder die ebenso gnadenlose Unterstellung, sich in vorgefertigte Positivmuster einfügen zu müssen.
Mit Differenzierungen tut man sich „bei uns“ immer noch schwer. Koohestani setzt die Fähigkeit zur Differenzierung aber voraus. Ohne dieselbe gerät der Zuschauer während der zum Teil stakkatohaften, dichten Dialoge bald ins Hintertreffen: Wo sind denn die „reinen Guten“ geblieben unter den doch so schön regimekritischen Figuren? Wo ist der saubere Heldencharakter? Mit derlei überholten Modellen hält sich der Regisseur nicht auf. Das macht die Größe dieser Arbeit aus, deren Darsteller übrigens eine bewundernswerte Performance hinlegen.
(4.6.2010)
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