Kilgore Trout on Cybernetics

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Verschaltet von Jack Hauser mit sieben Fotos von David Bergé

Liebe Leserin.
Das Thema ist Literatur zur Kybernetik.
Arbeitsmethode und Aufmerksamkeit sind die eines Filmemachers. Die Kamera ist ein Schreibwerkzeug und ein Vehikel zur Reise. Durchdringung. Arbeiten und denken als Fiktionaut. Schneiden und montieren um Geschichten zu besuchen. Schichten. Aktiv. Unzählig. Vielfältig. Mehrstimmig.

Sie sind eingeladen, sich mit diesem Wörterfilm zu bewegen.

 

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Der Fluss „Nil ist der Aegypten medial durchschneidende/Neilos ... meshn Aigupton scizwn", Her. 2, 17). Anhand dieser Herodotstelle kann man die Qualität des Medialen erörtern und festhalten, dass das Medium zwischen zwei Objekten sowohl als Verbindung wie auch als trennende Differenz gedacht werden kann.

„Albertine ist fort". Diese Worte wirken wie ein Messer auf die Welt unseres Marcel ein. Nichts ist danach wie zuvor. Sein Ich spaltet sich  in viele Teilichs, die jedes für sich in die neue verzweifelte Lage eingeführt werden müssen. Auch die Everett-Welten sind untereinander verwandt, werden aber erst durch markante Messergebnisse miteinander verschweisst. Everetts Theorie erschien 35 Jahre nach Prousts Tod. Die Viel-Welten-Theorie wurde erstmals 1957 in Reviews of Modern Physics in der Arbeit „Relative State Formulation of Quantum Mechanics“ von Hugh Everett III vorgeschlagen. Weitere Verfechter sind Wheeler, Graham und DeWitt.

Ist die Welt eine Fata Morgana, ein Medium aus dem Munde eines unerbittlichen Blitzewerfers?

„Alles joystickt der Blitzewerfer/...", sagt Heraklit. Die Mitteilung des Blitzschlags (dass Albertine fort ist) kann auf dem Hintergrund der Gesamtkonstruktion des monumentalen proustschen Entwurfs gesehen werden. Albertine zwingt durch ihr Fortgehen und ihren Tod Marcel in eine neue Realität. Als eine besondere Fairness Prousts imponiert hier die Genauigkeit, mit der er sich bemüht, die alte Realität auf die neue abzubilden. Die Lektüre ist zugleich schmerzhaft und lustvoll, weil der Leser merkt, dass hier zugleich seine eigene Situation mitgedacht wird. Es ist ein  emanzipatorischer Text. „Blitz ist der Vater aller ..., die einen macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Freien, die anderen  zu Sklaven/...". Dieser Blitz wird hier wieder spürbar, ganz im Sinne der emanzipatorischen Didaktik Heraklits. Es gibt bei Proust auch einen beständigen Wechsel zwischem dem Standpunkt des Protagonisten und dem seines die Veränderungen miterlebenden Lesers. Worte werden hier in ihrer Mehrgesichtigkeit spürbar vorgeführt. Die Worte „Albertine ist  fort" werden einerseits Marcels verschiedenen Ichs mitgeteilt, andererseits dem Leser in die Seele gehämmert. Da der Leser Albertine nicht kennt, entsteht ein Vakuum. Dieses Vakuum ist der Brennpunkt, auf den wir zusteuern. Gibt es ein Vakuum, das die Rolle eines trojanischen Pferdes einnimmt und aus seinem Bauch Realität hervorkommen lässt? In der Theorie Everetts fehlt diese quellende Instanz. Fassbinders Film „Welt am Draht" (1973) weist darauf hin, wie aus möglichen Inkonsistenzen Schlussfolgerungen über eine hinter dem Medium liegende Realität gezogen werden können. Der entscheidene Begriff der Medientheorie ist die Leere. In der Tradition der exakten Wissenschaft sollte solch ein Unglück, wie es in der Medientheorie eingetreten ist, eigentlich nicht auftreten. Stellen Sie sich vor, sie haben eine neue Wissenschaft aus der Taufe gehoben, und es stellt sich heraus, dass ihr zentraler Begriff leer ist. Was ist der zentrale Begriff? Das Wasser ist für den Fisch nicht beschreibbar, die Welt ist alles und nichts. Das Wort „nichts" ist der Schlüssel. Marc Aurel sagte von der Zeit, dass die lange Zukunft und die lange Vergangenheit alle nur im Jetzt existieren, und es kann doch nichts ausmachen, wenn „so etwas Kleines" verschwindet. Ebenso ist es mit dem Medium Welt. Wenn die Welt ein Schnitt, ein Nichts in etwas Grösseren ist (wie der Ägypten durchschneidende Nil), dann kann dieses Nichts manipuliert werden. Wir haben den Verdacht, dass Proust einer der ersten erfolgreichen Manipulatoren des Nichts genannt zu werden verdient. (Proust: Nils Röller und Otto E. Rössler)

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Für Prometheus sind Natur und Technik keine Gegensätze. Für den Titanen ist Technik eine Weise, mit der Natur in Harmonie zu leben. Das setzt aber ein Verständnis von der Technik voraus, dass diese nicht als blosses Hilfsmittel zum Überleben einsetzt, sondern als autonomes System. Das Zahlensystem ist dafür das zentrale Beispiel. Wenn der Mensch zählt, benutzt er Zeichen, die unabhängig von den Gegenständen, die sie bezeichnen, sind. Der Philosoph Cacciari unterscheidet zwischen einer Mathematik, die Zahlen als Hilfsmittel verwendet, um Gegenstände zu messen und einer reinen Mathematik, einer autonomen, kontemplativen Mathematik. Sie spiegelt die Natur wider, nicht indem sie Phänomene der Natur abbildet und benennt, sondern weil sie selbst schöpferische  Zeichenproduktion ist, eine, die sich nach eigenen Gesetzen organisiert, so wie sich auch die Natur selbst organisiert. Nono und Cacciari reaktivieren hier eine verdrängte Seite der modernen Mathematik, den Intuitionismus Brouwers und Weyls. (Nils Röller in: Schwarz, Hans-Peter(Hg.): Zweites Zürcher Jahrbuch der Künste. Zürich 2005: Hochschule für Gestaltung  und Kunst Zürich. „Hören, was man nicht hören kann“ (Luigi Nono) Marshall McLuhan und Vilém Flusser zur „Tragödie des Hörens“)

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KYBERNETIK MIT MELVILLE
Otto E. Rössler - Ein Leserbrief zu Ahabs Steuer

Was ist Lesen? Die Endophysik nähert sich dieser Frage im Wechselspiel zwischen internen und externen Beobachtungen. Zur Hilfe kommen ihr dabei, überlieferte Beobachtungen, in denen Schriftsteller und Künstler Weisen des Lesens und Schreibens reflektieren.
In endophysikalischer Sicht ist das Merve-Bändchen „Ahabs Steuer" sehr geschickt aufgebaut und aus einem Guss, mit unglaublich starker Verzahnung, so dass die vielen neuen Dinge, die man daraus lernt, nicht isoliert bleiben: Melville, Olson, Weyl, das schwarzer-Berg-Kolleg, der Weyl-Kompass, das Gleichgewicht zwischen Ahab und Ismael, 1000 Erleuchtungen. Und am Schluss das Bewusstsein. Ein Meisterwerk. Das Interface-Problem wird unter den Begriff des Weyl-Kompass gestellt. Was heisst das? Melville war so klug wie Maxwell später, als er seine wunderbare Frage formulierte (S.55/56): „Was passierte mit dem Messen, als die Starrheiten aufhörten?... Was heisst Messen, wenn das Universum pulsiert?" Ich wüsste sehr gern, ob er Boscovich kannte, oder ob er unabhängig von diesem auf dessen tiefste Erkenntnis gekommen war („als die Starrheiten aufhörten") („pulsiert"). Spielt es eine Rolle, dass Olson und nicht Melville diese Worte benutzte?

Auch Olson ist ein neuer Freund, den die „Navigationen zwischen Kunst und Naturwissenschaft" den Menschen zuführen. Olson`s Mexiko gefällt. Mit der Wendung „keine starren Probekörper" (S. 57 oben) wird auch Weyl sehr boskovitisch. Er ist vielleicht allein darauf gekommen, dass nur die Differenz erkennbar ist.

Was mich mit Staunen erfüllt, ist der Medienschwerpunkt von Ahabs Steuer. Jeder wird in Zukunft Medien (inklusive Physik) richtig verstehen können nach der Lektüre. Ich habe Melville nie gelesen. Die „Pappmasken der Erscheinungen" (S. 94) haben mich sehr beeindruckt. Auch das Hineinzwingen der Wiener (und Wieners) in das Bild, oder besser in die Seekarte, nach der navigiert wird, ist legitim. Oiakízein (joystick) war ein kleiner Hebel am Ruder des altgriechischen Bootes. Heraklit nennt ihn in seinem Fragment Nr. 64 „Ta de pánta oiakízei keraunos" („alles steuert der Blitz", also Blitzewerfer), mit der richtigen Gefängnis- (oder eben nicht!) Einsicht. Rombach schrieb darüber ein Buch, kennt aber das Wort joystickt nicht. „Die Parzen in der Regieanweisung" (S. 129): ein Kick. Deleuze kenne ich leider immer noch nicht. „Nahe am Vorhang zu navigieren" ist toll gesagt.

Auf Seite 130 wird das Steuer umgeworfen und ein zweites Thema angepeilt („dass diese Grenze vom Bewusstsein abhängig ist"), wobei Bewusstsein jetzt gesellschaftlich wird potentiell. Zunächst kommt die „gesegnete Minute" (Melville`s Trick habe ich kürzlich ebenfalls verwendet, ohne ihn zu kennen, als ich in einem Paper die Uhrzeit seiner Entstehung angab). Dann kommen die (wichtigen) „Verarbeitungsmöglichkeiten des Menschen" (S.133), ein eigenes grosses Thema, wenn man in die makroskopische Gehirntheorie eintritt. Vorher war das Prinzip der Navigation (in meiner Denkweise) rein mikroskopisch. Ich sehe das so deutlich, weil ich früher rein makroskopisch dachte im Zusammenhang mit der Biologie (Lebensentstehung) und Gehirntheorie. Roth und Wiener haben für mich einen makroskopischen Touch: Gehirnkybernetik, Gehirn-Gleichungen. In letzter Zeit zieht es mich zu diesem Thema zurück. Die makroskopische Bewusstseinstheorie ist ebenso wichtig und unentwickelt wie die mikroskopische (objektive-Welt-Theorie).

Das „Rezept, dort hinschauhen, wo sich nichts bewegt" (S. 135) ist genial. Psychologen machen zur Zeit genau dort Experimente, mit gutem Erfolg, wie ich von Sebastian Fischer gelernt habe.

Jetzt-Theorie. Empfindungsraum. Ahabs Steuer vertraut darauf, dass diese beiden Approaches (der makroskopische und der objektiv mikroskopische) zusammengebracht werden müssen. Wie schnell die Zeit vergeht und dass Zeit vergeht, folgt aus der makroskopischen Verdrahtung. Die Welt spaltet sich auf in Gehirn (makro-) Funktionsabhängig, und Gehirn (mikro-)Physik-abhängig. Beide „Medien" sind für die Zukunft gleich hoch interessant. „Die witzige Situation der Zwitterstellung" (S. 140) trifft den Nagel auf den Kopf.

Das Buch ist eine Bombe. Ich bin sprachlos. Nur Barbaras Blume ist noch schöner: Blue Spanish Sky.

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Die Informationsflut im World Wide Web (WWW) wird immer grösser. Kaum ein Thema, das nicht irgendwo auf einer entfernten Festplatte behandelt wird. Doch das Bereitstellen von Informationen kostet Geld, die Durch-Kommerzialisierung des Netzes könnte die Folge sein. Der 67jährige Tübinger Chaosforscher Prof. Otto E. Rössler hat „Lampsacus“ (wieder-)entdeckt, eine Netz-Heimat für alle Surfer/innen mit historischem Hintergrund. Als der griechische Naturphilosoph Anaxagoras im Jahre 426 v. Chr. aus Athen fliehen musste, gaben ihm die Lampsakener Asyl. Bevor er zwei Jahre später starb, durfte er einen letzten Wunsch äussern: Anaxagoras erbat einen festlichen Ferientag für die Schuljugend.

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AHABS STEUER - NAVIGATIONEN ZWISCHEN KUNST UND NATURWISSENSCHAFT
Autor: Eckhard Fürlus

Nimm dir einen Regelkreis
 Und tu’ dich mitten rein,
 Schnell erhältst du den Beweis:
 Besser kann die Welt nicht sein.
Freiwillige Selbstkontrolle, Lob der Kybernetik


Der Merve Verlag Berlin hat jüngst das Buch „Ahabs Steuer. Navigationen zwischen Kunst und Naturwissenschaft“ von Nils Röller herausgegeben. Dieses Buch ist im Rahmen eines Stipendiums am Institut für Grundlagenforschung des Zentrums für Kunst und Medientechnologie ZKM Karlsruhe entstanden. In diesem Buch bringt Nils Röller, ausgehend von dem Roman „Moby Dick“ von Hermann Melville, den Schriftsteller und Dichter Charles Olson, den Mathematiker Hermann Weyl und dessen Auffassung von Raum und Zeit als Medien, die Schriftsteller H. C. Artmann und Oswald Wiener und den Künstler Dieter Roth sowie die Theorie der modernen Lyrik von Walter Höllerer zusammen und überrascht den Leser mit äusserst aufschlussreichen Erkenntnissen.


Eingeteilt in fünf Kapitel mit je zwei Unterkapiteln spannt Nils Röller den Bogen auf 142 Seiten von der untergegangenen Hochkultur der Maya über Albert Einsein, Oswald Wiener und C. G. Jung zur modernen Naturwissenschaft und Technik. Schon die Kapitelüberschriften dieses Buches sind Programm resp. Programmpunkte für die Fahrt und verraten, wohin die Reise geht. Kapitel IV trägt die Überschrift „Fahrt nach Nantucket“ und bezieht sich auf einen Text von H. C. Artmann; nach der Schilderung einer spannenden Situation an Bord von Ahabs Schiff – Kapitän Ahab bietet demjenigen, der als erster den Wal Moby Dick erspäht, eine Golddublone, die dieser gleichsam als materialisierten gemeinsamen Willen an den Hauptmast nagelt – stellt Röller die Wiener Gruppe und ihr sprachkritisches Programm vor. Ein Unterkapitel trägt die Überschrift: „Verbesserung von Mitteleuropa“ und ist ein ganz bewusster Rückgriff auf das Buch „Die Verbesserung von Mitteleuropa“ von Oswald Wiener. (S. 95).
 
Nils Röller wurde 1966 in Wilhelmshaven geboren und hat in Berlin Philosophie, Italienisch und Medienwissenschaften studiert. Zusammen mit Siegfried Zielinski leitete er von 1996 bis 1999 das Festival „Digitale“. Zu seinen Veröffentlichungen gehören u. a. „Absolute Flusser“ (zusammen mit Silvia Wagnermaier), das Buch „Migranten - Jabès, Nono, Cacciari“, erschienen 1995 ebenfalls im Merve Verlag Berlin, sowie „Medientheorie im epistemischen Übergang“. Seit 2003 ist Röller Dozent für Medien- und Kulturtheorie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich.

Aufgabe der Dichtung, schreibt Nils Röller, ist es nicht, „zu kommunizieren und Welt darzustellen, sondern eine Situation zu schaffen, in der erfahrbar wird, wie Wirklichkeit und Welt durch die Sprache geformt werden.“ Wie Oswald Wiener, so versteht auch Nils Röller Schreiben als einen Versuch, die Grenzen des eigenen Vorstellungsvermögens zu erforschen und sich dabei an Fragen naturwissenschaftlicher Erkenntnistheorie zu orientieren.

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Hans-Jörg Rheinberger, Über die Kunst, das Unbekannte zu erforschen, Preisverleihung der cogito foundation, 25. Oktober 2006
Der vielleicht bedeutendste Wissenschaftsphilosoph des 20. Jahrhunderts, Gaston Bachelard, hat immer wieder betont, dass die Kantonisierung der Wissenschaften, wie er es genannt hat, und zwar unterhalb der Ebene der akademischen Disziplinen, im Labor, nicht als verhängnisvolle Spezialisierung falsch verstanden werden darf, sondern eine Voraussetzung darstellt für die Beweglichkeit der modernen Forschung. Es kommt also alles darauf an, dass man nicht nur den abschliessenden, sondern auch den aufschliessenden Charakter solcher Beschränkungen versteht. Experimentalsysteme verengen den Blick, sie erweitern ihn aber im gleichen Atemzug. Diese Erweiterung, dieser aufschliessende Charakter des Experiments kann auf zwei Weisen betrachtet werden. Experimentalsysteme sind die Orte, an denen sich in den empirischen Wissenschaften das Neue ereignet. Und das meine ich jetzt ganz konkret: Das Neue ereignet sich weniger in den Köpfen der Wissenschaftler – wo es allerdings letztlich ankommen muss – als vielmehr im Experimentalsystem selbst, gewissermassen in der Eiswanne. Experimentalsysteme sind also äusserst trickreiche Anlagen, man muss sie als Orte der Emergenz ansehen, als Strukturen, die wir uns ausgedacht haben, um nicht Ausdenkbares einzufangen. Sie sind wie Spinnennetze. Es muss sich in ihnen etwas verfangen können, von dem man nicht genau weiss, was es ist, und auch nicht genau, wann es kommt. Es sind Vorkehrungen zur Erzeugung von unvorwegnehmbaren Ereignissen. Was wirklich neu ist, muss sich einstellen, und man muss Bedingungen dafür schaffen, dass es sich einstellen kann. Mit dem Experiment schafft sich der Forscher eine empirische Struktur, eine Umgebung, die es erlaubt, in diesem Zustand des Nichtwissens um das Nichtwissen handlungsfähig zu werden. In einer Experimentalanordnung verkörpert sich allerdings jeweils eine ganze Menge von Wissen, das zu einem gewissen Zeitpunkt als gesichert gilt. Es nimmt in der Regel die Gestalt von Instrumenten, Vorrichtungen und  Apparaten an. Diese werden zwar oft auch allein deshalb in Bewegung gesetzt, um ihre eigene Funktionsfähigkeit zu überprüfen – das Kalibrieren und Testen von Apparaturen beansprucht wahrscheinlich sogar den grössten Teil der Arbeitszeit eines wissenschaftlichen Experimentators. Die eingesetzten Maschinen sollen möglichst geräuschlos ihre Arbeit tun. Das eigentliche Ziel des Experimentierens besteht aber darin, die untersuchten Phänomene zum Sprechen zu bringen. Das explorierende Experiment muss so angelegt sein, dass sich darin Neues ereignen kann.

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Hans Ulrich Obrist ( Q ): In einem Telefon-Interview, das ich mit Heinz von Foerster vor einiger Zeit führte, spricht er über das zirkuläre und nicht-lineare Gespräch der Kybernetik. Er sagt, dass das Wesentliche, das wir durch Kybernetik gelernt haben, das Denken in Zirkeln sei: dass etwas von A nach B und von B nach C wieder zu A zurückkehrt.

Jeanette Schulz ( A ): Das zirkuläre und nicht Lineare nimmt in meiner Arbeit einen wichtigen Raum ein. Ich habe das gerade in zwei Tableaus thematisiert (beide auch als Abbildungen im  ars viva-Katalog). Eines befasst sich mit den Epizyklen künstlerischer Entdeckungen. Hier behaupte ich, dass das „Offene Labor", mein geistiger Arbeitsraum, den es als Pappobjekt gibt (auch im Katalog abgebildet), von unterschiedlich, epizyklisch ablaufenden mentaltektonischen Navigationsmomenten bespielt wird, welche dann zu eben diesem - gerade erwähnten - Objekt gerinnen. Das zweite Tableau interpretiert ein zirkulär angelegtes autoassoziatives Netzwerk, ein Verschaltungsprinzip für das Bildgedächtnis, wie es für den Kortex diskutiert wird. Autoassoziative Netzwerke, wie sie von Informatikern theoretisch untersucht werden, haben Eigenschaften, die mit Bildgedächtnissen vergleichbar sind. Man muss sich eine Matrix von parallel geschalteten Neuronen vorstellen, deren synaptische Verknüpfungen in "Loops" auf sich selbst zurückwirken - mit dem Ziel, dass viele Inhalte gleichzeitig und überlappend gespeichert werden künnen. Ähnlich versucht auch mein Katalogbeitrag mit meinen Arbeiten umzugehen, den ich in Zusammenarbeit mit Walter Pamminger, einem Wiener Graphiker, Design-Kurator und Comic-Spezialist, entwickelt habe.

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Hans Ulrich Obrist ( Q ): In ihrer letzten Publikation Es ist so. Es könnte auch anders sein (Frankfurt a.M. 1999) stellt Helga Nowotny, Professorin für Wissenschaftsphilosophie an der ETH Zürich, fest, dass angesichts der Tatsache, dass Wissenschaft zunehmend sowohl vor einem utilitaristisch-instrumentellen als auch demokratisch legitimierten Kalkül zu bestehen hat, die relative Autonomie wissenschaftlicher Arbeit verloren zu gehen droht. Hakim Bey spricht in Anlehnung an den Entwurf der Ville Dérive der Situationisten von der Notwendigkeit temporärer autonomer Zonen (Hakim Bey, T.A.Z. - Die temporäre autonome Zone, Berlin 1994). Wie könnten solche temporären autonomen Laboratorien erzeugt werden? Im Ausstellungszusammenhang? Anderswo?

Haghighian ( A ): Wissenschaft steht heute in industriellen Zusammenhängen, die auch eine relative Autonomie nicht zulassen. Allerdings besteht die Frage, ob in dem Ideal der Autonomie nicht auch ein Problem steckt. Die Verantwortung für die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit wird scheinbar abgekoppelt von „weltlichem" Missbrauch. Autonomie wird gleichgesetzt mit Unschuld, Reinheit. In dieser Verweigerung, Verantwortung zu tragen, liegt ein Irrtum. Eine temporäre autonome Zone im Sinne Hakim Beys hat ja einen eher improvisierten und weniger ergebnisorientierten Charakter. Dies widerspricht wissenschaftlicher Arbeit. Können temporäre autonome Zonen in dem Sinn überhaupt erzeugt werden? Entstehen sie nicht eher dort, wo Regeln gebrochen, Grenzen übertreten werden, Autorität untergraben und dadurch Energie freigesetzt wird?

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Siegfried Zielinski über Rosa Barba

Das faszinierende Techno-Schauspiel einer offenen Raum-Zeit-Maschine, innerhalb derer sich die Besucher zwischen Projektor und Leinwand einsichtig verorten konnten, währte in dieser Form nicht lange. Mit der Herstellung konfektionierter Träume für das kinematographische Museum des Schlafs etablierte sich die Phantasiemaschine (Fülöp-Miller). Der Kino wurde Lichtspieltheater und sächlich, seine mechanischen und optischen Tricks wurden ebenso verheimlicht wie diejenigen hinter und unter den Bühnen des Jesuitentheaters im Barock. In der Folge kam es auf die Überrumpelung durch den Effekt an, auf die perfekte Illusionierung durch eine kontinuierliche Erzählung. Die Projektionsgeräte wurden in möglichst unsichtbare Kabinen verbannt, die geräuschdicht gegenüber dem Besucher der dunklen Höhlen, in denen die Orgien der Gefühle stattfinden (Barthes), abgeschottet wurden. Nur wenn jemand in den hellen Lichtkegel trat, der durch den Fensterschacht der Operatorenkabine geworfen wurde, wenn der Bildstand des Films nicht stimmte, die Schärfe verrutschte oder das Band mit den aufgereihten Photos riss, sah man die Maschinen noch direkt am Werk.

Dem Zauberer am Projektor, der die Welt nicht einfach reproduziert, sondern eigenwillig herstellt, hat Luigi Pirandello einen faszinierenden Roman (Die Aufzeichnungen des Kameramanns Serafino Gubbio) gewidmet. Er war Sizilianer und stammte aus Agrigent. Zusammen mit dem Dichterphilosophen Empedokles ist er ein poetischer Held der Region. Das Wechselspiel von Mechanik und Kultur interessierte ihn besonders. Er dramatisierte es mit grosser Leidenschaft. „Kurbeln, du bist nur eine Hand hier, nun kurble! Sie sieht dich an, starr sieht sie dich an, immer nur dich, damit du etwas begreifst. Aber du darfst von nichts wissen, du darfst nichts begreifen! Kurble nur zu!“

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Trance als Auflösung oder Ablenkung des Bewusstseins unter Einwirkung bestimmter Techniken, ist die Leerstelle der Kinotheorie: Hier tritt Physiologie in die Geisteswissenschaft und fordert den Subjektbegriff bis an seine Grenzen heraus. An dieser Stelle kehrt andererseits auch physiologische Sinnlichkeit in die ästhetische Theorie zurück, von der sie die Philosophie getrennt und ferngehalten hatte. Trance entsteht aus der Verbindung von sinnlichem Rausch und technischen Rauschen. Kino adressiert die Körper, wo der Geist sie verlässt. Aber er dressiert sie auch. Mit den neuen Medien konnten neue Ordnungen der Körper, Wünsche und Lüste einsetzen. Sobald Stimmen, Gesichter, Bewegungen, das kleinste Zittern und leiseste Räuspern in medialen Archiven gespeichert und deshalb als Körperzeichen untersucht und klassifiziert werden konnten, war es mit der einfachen Subversion der Ordnung durch Sinnlichkeit aus.
(Ute Holl, Kino, Trance & Kybernetik, Brinkmann & Bose, Berlin 2002)

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KYBERNETIK ALS HERRSCHAFTSTECHNOLOGIE

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Schonungslos deckt das Autorenkollektiv Tiqqun die enge Verbindung zwischen dem Konzept der Kybernetik und den Techniken der Kontroll- und Kommunikationsgesellschaften auf. Mit seinem Imperativ der Zirkulation von Waren und Informationen und unter dem Alibi von Liberalismus und Demokratie ist der „kybernetische Kapitalismus" zu der gegenwärtig alles beherrschenden Ideologie geworden.

Wie immer die Alternativen lauten, ob „Ökologie", „Grenzen des Wachstums" oder „Partizipative Demokratie", ein Jenseits von Tausch und Akkumulation wird mit solchen Reformkonzepten nicht zu erreichen sein. Vielmehr bedarf es radikalerer Mittel von Widerstand und Revolte: Kurzschluß und Abklemmen von Knotenpunkten, Verlangsamung und Fehlleitung – Taktiken einer notwendig diffusen Guerilla. 
„Eine Zone der Undurchsichtigkeit zu schaffen, in der man frei experimentieren kann, ohne die Informationsströme des Empires weiterzuleiten, bedeutet, ›anonyme Singularitäten‹ zu schaffen und die Bedingungen einer möglichen Erfahrung wiederherzustellen, einer Erfahrung, die nicht unmittelbar durch eine binäre Maschine, die ihr einen Sinn zuweist, plattgemacht werden kann…"


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Cyber ist ein griechisches Präfix und bedeutet Steuerung - ursprünglich die Steuerkunst des Seefahrers. Norbert Wiener bezog 1948 den Begriff zuerst auf Datenverarbeitung, in seinem Buch Cybernetics or control and communication in the animal and the machine. Gemeint war also die Kunst (techné), die ursprünglich für Dampfmaschinen entwickelte Regelung der Rückkopplung, um Überhitzung zu vermeiden. Der Mechanismus wurde weiterentwickelt zu Rückkopplungen zweiter bzw. n-ter Ordnung, d.h. zu Schaltern, die Schalter schalten konnten. Die Geschichte der Informatik und des Computers begann und parallel dazu die Karriere des Begriffs Cyber.
Cyberpunk (gebildet aus Cyber und Punk) ist eine dystopische Richtung der Science-Fiction-Literatur.
In den 1960er Jahren nahm Philip K. Dick, der die Romanvorlage zu Blade Runner lieferte, viele wichtige Themen des späteren Cyberpunks vorweg. Wegweisend war auch John Brunner mit seinen Romanen Der Schockwellenreiter (1975) und Morgenwelt (1968). Ein thematischer Vorfahr des Cyberpunk ist Daniel F. Galouye mit seinem Roman Simulacron-3 (1964). Wichtige Einflüsse haben ausserdem Harlan Ellison und Harry Harrison geliefert. Starke Verwandtschaft mit Norbert Wieners Arbeit The Human Use of Human Beings - Cybernetics and Society zeigt der Roman Player Piano (1952) von Kurt Vonnegut.
Als Cyberpunk im engeren Sinne können eigentlich nur Filme und Romane aus den Jahren um 1980 bis circa 1994 bezeichnet werden. Die ersten Werke, für die der Begriff Cyberpunk verwendet wurde, sind wohl der Film Blade Runner (1982) von Ridley Scott und die Romantrilogie Neuromancer (1984-1988) von William Gibson, die Eclipse-Trilogie (1985-1990) von John Shirley, Schismatrix (1985) von Bruce Sterling und Software (1982) von Rudy Rucker. Auch der Manga Akira (1982) von Katsuhiro Otomo, der Anime Bubblegum Crisis (1987), die Fernsehserie Max Headroom und die Hörspielreihe Der Letzte Detektiv (beide 1984) können als frühe Beispiele gelten.

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Hallo. Jetzt spricht Heinz von Foerster. Ganz im Sinne unserer Auffassung von Kybernetik als Denkform, die sich mit „Entstehen", „Werden", „Evolvieren", und anderen kreativen Prozessen beschäftigt, setzt Aristoteles an die Spitze seines 30tausend Wörter umfassenden Essays das Axiom: Von Natur aus sind alle Menschen wissbegierig. Wenn ich jetzt über Sprache rede, meine ich den Austausch, die Kommunikation, den Tanz. Ebenso wie man sagt,„zum Tango gehören zwei", sage ich, „zur Sprache gehören zwei". Welch eine Magie, dachte ich mir, befindet sich in den Geräuschen, die von den Leuten produziert werden, indem die Stimmbänder durch Luft in Schwingung versetzt und die Lippen geöffnet und geschlossen werden. Die Tanzschritte der Sprache! In der Tat, welch eine Magie! Mag sich der Naive einbilden, Magie erklären zu können. Magie kann nicht erklärt werden, Magie kann nur praktiziert werden, wie Ihnen bekannt ist.
Über die Magie der Sprache nachzudenken, ähnelt dem Nachdenken über eine Theorie des Gehirns. Ebenso wie man ein Gehirn benötigt, um über eine Theorie des Gehirns nachzudenken, benötigt man die Magie der Sprache, um über die Magie der Sprache nachzudenken. Es ist die Magie dieser Ideen, die ihrer selbst bedürfen, um in Erscheinung zu treten. Sie sind von zweiter Ordnung.
Aber wem erzählst du das. Diese Frage ist falsch. Die richtige Frage ist: Mit wem tanzt du deine Geschichte? In ihrer Funktion ist Sprache konstruktiv, da keiner die Quelle deiner Geschichte kennt.
Keiner weiss und wird je wissen, wie es war: denn was war, ist für immer verloren.

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 set It's not funny (Meg Stuart / Damaged Goods), ready for take off, ImPulsTanz, Vienna, 2007, photo David Bergé


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Friedrich Kittler: Das Erscheinen am hellichten Mittag, plötzlich, ist Pan, ein panisches Lachen in der Luft, und keiner hat damit gerechnet, oder Zeus' Blitz vom Olympus herab, das ist kaum geschehen und schon wieder vorbei, denn niemand kann den Blitz mit den Augen folgen, das ist das reine Ereignis und das rollt dann durch die vielen Täler des Olymps als Echo oder Donner, und deshalb denke ich immer, dass unser Begriff von Ereignis der ist von Zeus, von dem Erscheinen her, oder von Pan, und unser Begriff von dem, was etwas vom Wesen ist von diesem Donner im Nachhall, im Echo und im Widerhall, das erkennen wir dann, weil es sich wiederholt, weil eine Struktur sich bildet, und sei sie verrauscht, und wir Menschen, wir Sterbliche, wie die Griechen sagen würden, wir denken von dem, was wir erkennen, zurück auf das, was wir nie erkennen, das nackte Erscheinen werden wir nie begreifen. Also wenn jetzt ein Blitzlicht vor mir aufglüht, oder eine Jupiterlampe plötzlich angeht, dann bin ich geblendet, und wenn man den Göttern ihr Blenden abspricht ...
Alexander Kluge:
... versteht man sie nicht.


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Kilgore Trout wurde 1907 auf den Bahamas geboren und zog nach seinem High-School-Abschluss (1924) als Gelegenheitsarbeiter und Science-Fiction-Autor durch die USA. Er ist geschieden, hat einen Sohn, und sein Werk ist in der SF-Welt kaum bekannt, weil fast alle seine Bücher in einem kleinen Pornoverlag herauskamen.

 


LITERATUR

Andriopoulos, Stefan: Besessene Körper, München: Wilhelm Fink Verlag 2000

Deleuze, Gilles: Die einsame Insel, Frankfurt: Suhrkamp 2003.

Ellis, Warren / Cassaday, John: Planetary (Comic Serie 1-27), New York: Wildstorm/DC Comics 1998 - 2008.

Ferentschik, Klaus: 'Pataphysik, Berlin: Matthes & Seitz 2006.

Holl, Ute: Kino, Trance & Kybernetik, Berlin: Brinkmann & Bose 2002.

Kittler, Friedrich: Short Cuts, Frankfurt: Zweitausendeins 2002.

Raab,Thomas: Nachbrenner (Zur Evolution und Funktion des Spektakels), Frankfurt: edition Suhrkamp 2006.

Röller, Nils: Ahabs Steuer, Berlin: Merve Verlag 2005.

Rössler, Otto E.: Endophysik, Berlin: Merve Verlag 1992.

The Secret Service: Secret Service, Wien: springerin 2005.

Trout, Kilgore: Geburt der Venus, München: Knaur 1984.

von Foerster, Heinz: KybernEthik, Berlin: Merve Verlag 1993.

(11.11.07)