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EIN LÄMMERSCHWEIGEN ZU „IN SKIN O" VON MILLI BITTERLI UND ROBERT STEIJN IN DIETHEATER KÜNSTLERHAUS WIEN
Von Helmut Ploebst
Im Bühnenraum hängt ein mächtiger Lüster, der liebevoll ausschließlich aus Knochen, Knöchelchen und Schädelchen zusammengebaut ist, viel zu groß für die kleine Black Box des Künstlerhaustheaters. Robert Steijn, der schamlose Ich-öffne-mich-„Schamane" aus den Niederlanden und die Wiener Ich-bin-Material-Draufgängerin Milli Bitterli beginnen ihre Aufführungsarbeit in ihrem neuen Stück „in skin o". Scheinwerfer haben das Publikum vorgebraten, am Ende wird es noch ein wenig nachgeröstet werden.
Dazwischen köcheln sich Steijn und Bitterli in dem Topf der Vorstellung auf kleiner Flamme weich wie Untote in einer Übungsküche für auszubildende Beelzebuben. Der Boden ist mit Kreide eingerieben. Das Licht schal geworden. Bitterli beißt Steijn in den Arm. Steijn stimmt Bocksgesänge an. Er trägt einen Wickelrock mit einem ikonischen Bild: auf seinem Hintern röhrt ein Hirsch im Wald. Eine Geschichte ereignet sich, aber das Ereignis ist eine Leiche. Eine Assoziation kommt sofort: mit dem Film „Night of the Living Dead" von George A. Romero, 1968. Wer von einer Geschichte geschlachtet wird, verwandelt sich in eine untote Geschichte, die andere umbringen muß, um eine Funktion zu finden im ziellosen Umherirren hienieden auf diesem gewaltigen Geschichtenfriedhof.
Neckische Unterwäsche
Auch Milli Bitterli röhrt. Ein zahnloser Zombie (vgl. „White Zombie", Victor Halperin, 1932), der seine Identität als Vampir nicht findet. Der Vampir ist aristokratisch, ein Verwandter des Balletts (vgl. u.v.a. „John Carpenter's Vampires", 1998). Der Zombie ist demokratisch performativ. Er saugt nicht, er zerfleischt. Steijn und Bitterli haben Rescue-Folien mitgebracht, in die sie sich zuweilen flüchten. Untote brauchen keine Wärme mehr, ihre Existenz ist der Schock im Zustand des Unerlöstseins. Ihr Tanz ist ein Torkeln.
Steijn trägt neckische schwarze Unterwäsche, darauf sind Wolfsköpfe gebügelt. „Der mit dem Wolf tanzt", Kevin Kostner, 1990. Oder Kojotenköpfe gedruckt. „Road Runner and Coyote", Chuck Jones et al., 1949-1966. Es gibt ein bißchen Sex auf der Bühne. Aber richtige Zombies tun eben nur nur so als ob. Es sieht aus wie Freßverhalten. Aber wir wissen ja: Sie können einander nicht fressen, denn sie vertragen kein totes Fleisch. In „Interview mit einem Vampir" von Neil Jordan, 1994, tötet Kirsten Dunst Tom Cruise mit dem Blut von toten Kindern. Es gibt kein bißchen Sex, denn Dunst ist eine Gefangene in ihrem unsterblichen, unveränderlichen Lolitakörper. Und zugleich ist alles Sex, denn es wird leidenschaftlich gesaugt und gekillt - ein Fest für nekrophile Päderasten.
Hannibal Lecter(n)
Die Haut ist eine Leinwand, auf der sich das ganze Leben abspielt, Bild für Bild, Tag für Tag. Unter der Haut arbeitet sich ein Hannibal Lecter an diesem Leben ab. Dies geschieht in einem Zwielicht wie bei David Finchers „Seven" (1995). Lectern ist der englische Begriff für „Lesepult", und das erinnert wieder an die interessanten Geschichten über Professor Challenger bei Arthur Conan Doyle. Das Vorbild für diese literarische Figur war ein Professor an der Universität von Edinburgh, William Rutherford, einer der Erfinder der Vivisektion.
Unfair genug, hier wird nur mit approbierten Meisterwerken kontextualisiert. Als ein solches kann „in skin o" nicht so billig bezeichnet werden. Aber das ist nicht so wichtig, denn in dem Programmtext über das Stück steht geschrieben, daß Bitterli und Steijn „über die Spannung zwischen Struktur und Emotionen" forschen wollten. Das scheint sehr allgemein formuliert und kann aus dem Stück nicht abgelesen werden. Wer will auch noch vorgespielte, falsche Gefühle auf der Bühne sehen? Emo ist doch überall!
Eine List als Trash
Andererseits: „in skin o" ist Trash. Irgendwie auf die Bühne geleertes totes und halbgares Erzählfleisch, das leblose Gesten spielt und spiegelt. Ein Schocker von der übelsten Sorte, notdürftig maskiert als miserables Stück. Im Endeffekt aber – und nach einigem Grübeln – lesbar wie eine Erhellung, die von des Teufels Großmutter ersonnen sein könnte, die im Märchen drei Männern hilft, ihren Enkel zu überlisten. Die Großmutter ist die Gute, denn sie verrät den Männern die Lösung eines Rätsels, das der Satan ihnen aufgeben wird. Aber das führt schon wieder von dem Stück weg. Nicht ohne Grund.
(5.5.2007)
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