Körperkontrolle im Glashaus |
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YOSI WANUNU WAGT "VALIE EXPORT'S UNDERSTUDY – A REFORMULATION OF 'RESTRINGIERTER CODE'" AUSSERHALB DES TANZQUARTIER WIEN
Von Reinhard Strobl
Der „restringierte Code“ ist Teil der vom Soziolinguisten Basil Bernstein aufgestellten Defizithypothese. Grob gesagt, unterscheidet Bernstein zwischen einem elaborierten Code, dessen sich sprachlich die Mittel- und Oberschicht bedient, und dem restringierten Code, dessen sich die „Unterschicht“ einer Gesellschaft bedient. Einen anderen Zugang wählte die österreichische Künstlerin VALIE EXPORT für ihre 1979 entstandene Performance Restingierter Code, die den Ausgangspunkt für die Performance VALIE EXPORT's Understudy – A reformulation of ,Restringierter Code‘ des Wiener Performancekollektivs Toxic Dreams bildete und im gläsernen Kubus EXPORT, den VALIE EXPORT 1999 unter einem Stadtbahnbogen am Wiener Lerchenfeldergürtel errichtete, uraufgeführt wurde.
Sowohl im „Original“ als auch in der „cover version“ bei ihrer Tanzquartier-Uraufführung werden nicht die sprachlichen Codes untersucht. Vielmehr wird sondiert, welche Ausdrucksmöglichkeiten der menschliche Körper hat und wie sich dessen körperliche Ausdrucksfähigkeit von jenen bei Tieren unterscheidet. Die Performance ist in drei Teilen aufgebaut: „Eating“, „Copying the event in the room“ und „The condition of trance“. Für die Gegenüberstellung der verschiedenenen Verhaltensweisen sind in dem Glaskubus neben Yosi Wanunu (in EXPORTs Arbeit performte die Künstlerin selbst), ein Hund mit seiner Trainerin, ein Aquarium mit Goldfischen und, in einem Gitterbett, der Performer Bahram Parsa, der das Baby aus der Originalperformance ersetzt, zu sehen.
Der kontrollierte Körper
Zwei Kameras, von denen eine stets auf Wanunu gerichtet ist, während die andere abwechselnd die weiteren Akteure filmt, ermöglichen dem Publikum den direkten Vergleich, da das gewonnene Bildmaterial auf mehrere Monitore mit geteilten Bildschirmen übertragen wird. Hinterfragt wird die Unterschied zwischen der Körpersprache (den sozial determinierten Gesten) und dem „natürlichen“ Ausdruck des Körpers. Was ist ein natürlicher und was ein animalischer Ausdruck? Welche Verhaltens- beziehungsweise Bewegungsmuster sind erlernt und welche angeboren? Wie kann sich ein tranceartiger Zustand im körperlichen Ausdruck widerspiegeln?
„Der Körper als Ausdrucksmittel ist ein restringierter Code, weil die Gesellschaft über den Körper Kontrolle über das Individuum ausübt, Körperkontrolle demnach Sozialkontrolle ist“, wird Valie Export im Programmheft zitiert. Der Versuch, anderes Bewegungsmaterial zu generieren oder zu akquirieren, ist somit eine Möglichkeit, sich der Normierung und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Kontrolle zu entziehen. Deutlicher noch als im Vergleich zwischen dem tierischen und dem menschlichen Bewegungsmaterial wird dieser Entzug in der Darstellung des Kindes durch Parsa, da hier die Diskrepanz zwischen erlernten und „natürlichen“ Bewegungen einerseits thematisiert ist und auf der anderen Seite die Frage gestellt wird, wann das „elaborierte“ Verhalten (nach Basil Bernstein) unter dem Einfluss von Kontrollmechanismen zum defizitären wird.
(16.1.2011)
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