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Kollaps einer Palme aus Pappe

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MEG STUART CHOREOGRAFIERT FÜR FRANCISCO CAMACHO AN DER BERLINER VOLKSBÜHNE

Von Pirkko Husemann

Seitdem Meg Stuart an der Berliner Volksbühne arbeitet, schöpft sie die szenografischen Möglichkeiten des großen Theaterhauses gerne aus. Entsprechend spielen Rauminszenierungen, die sie bis 2002 vor allem zwischen Körper und Bild ansiedelte, zunehmend die Hauptrolle. Für „Visitors Only“ (2003) ließ sich Stuart von der Bühnenbildnerin Anna Viebrock ein mehrstöckiges Haus auf die Bühne stellen. In „Forgeries, Love and Other Matters“ (2004) experimentierte Benoît Lachambre als verrückter Wissenschaftler in einer gläsernen Erdhöhle.

Ganz in Weiß

In „Replacement“ (2006) drehte sich ein Wohnzimmer in einem überdimensionalen Hamsterrad im Kreis und bei „It’s not Funny“ (ebenfalls von 2006) spielte sich das Geschehen auf und unter einer schier endlosen Showtreppe ab. Schaut man sich diese Reihe an, so liegt der Schluss nahe, dass das Wissen um ein sicheres Dach über dem Kopf (den imposanten Bau am Rosa-Luxemburg-Platz) dazu verführt, Behausungen aller Art auf der Bühne zu de- und rekonstruieren. Das gilt auch für Stuarts neue Produktion „Blessed“, die sie zusammen mit dem portugiesischen Tänzerchoreografen Francisco Camacho erarbeitet hat.

Ganz in Weiß gekleidet und mit Badelatschen an den Füßen schlurft Camacho zu Beginn der Vorstellung in einer Szenerie aus Pappe herum: eine schöne Palme, ein stolzer Schwan und ein Häuschen samt Stuhl stehen auf der Bühne. Nun kann man zwar davon ausgehen, dass Möbel aus Karton recht stabil sind. Sie sollten nur nicht feucht werden. Kein Wunder also, dass Camachos kleines Idyll innerhalb von gut zehn Minuten wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt, als es aus unzähligen Düsen in Strömen zu regnen beginnt.

Schillernder Auftritt

Das Sinnbild ist überdeutlich und alles, was in den folgenden 45 Minuten passiert, kaum noch der Rede wert. Zunächst wagt Camacho zaghafte Versuche, von den geliebten Dingen Abschied zu nehmen. Die Palme wird umarmt, der Schwan in die Luft gehoben, die Überbleibsel des Hauses so lange zu behelfsmäßigen Schutzräumen umgebaut, bis nur noch ein wabbeliger Brei aus Pappe übrig bleibt. Camacho selbst, der mittlerweile - es regnet immer weiter - nur noch eine Unterhose und einen transparenten Regenmantel trägt, kauert schließlich wie ein nacktes Häufchen Elend in den Überresten seiner Existenz.

Angesichts dieser erbärmlichen Misere, die noch von der Klanglandschaft des Komponisten Hahn Rowe unterstrichen wird, beim Zuschauer aber trotzdem keinerlei Empathie für die obdachlose und durchnässte Kreatur aufkommen lässt, kann es eigentlich nicht mehr weitergehen. Deshalb haben sich Stuart und ihr Dramaturg Bart Van den Eynde für einen radikalen Schnitt entschieden. Es folgt ein schillernder Auftritt der Tänzerin Kotomi Nishiwaki, die mit einem unerbittlichen Lächeln und in einem schrägen Kostüm eine kleine Showeinlage zum Besten gibt, ohne das sie umgebende Wasteland auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen.

Unfreiwillige Modenschau

Kaum ist sie mit ihrem Kopfschmuck aus Federn, den weißen Plateaustiefeln und einem bunten Umhang wieder verschwunden, übernimmt das zweite Motiv des Abends die Führung: aus der Behausung wird die Bekleidung. Camacho steht wie in Trance am Vorderrand der Bühne und wird von einem eifrigen Helfer im schnellen Wechsel mit der bizarren Kollektion des Kostümdesigners Jean-Paul Lespagnard geschmückt. Dabei bewegt sich Camacho bei seiner unfreiwilligen Modenschau nur in Zeitlupe und auch nur so lange, bis er am Ende wieder das Regenmäntelchen und die Adiletten trägt. Dann schlurft er noch einmal durch den Raum, und der Spuk ist aus.

Auf die Frage, wie es für ihn war, 16 Jahre nach „Disfigure Study“ wieder mit Stuart zusammen zu arbeiten, antwortet Camacho in einem Interview (das über diesen Link als audio-streaming zu hören ist), dass sie zwar nach wie vor von denselben Ideen ausgehe, diese aber viel weiter entwickelt habe. Tatsächlich denkt man zwischenzeitlich einen kurzen Moment lang an Stuarts Solo aus „No longer Readymade“, in dem sie 1993 mit einem Bügel, einem Jackett und dem Inhalt seiner Taschen tanzte.

Ethos wird zu Pathos 

Ebenso trifft die Aussage Camachos zu, dass jedes Stück, aber auch jede einzelne Bewegung bei Stuart ein ethisches Moment habe. Das Problem von „Blessed“ liegt aber gerade in der demonstrativen Zurschaustellung dieser künstlerischen Haltung angesichts real existierender Bedrohungen. Dasselbe Unterfangen war schon in Sasha Waltz' „Gezeiten“ daneben gegangen, wobei die Schaubühne in diesem Fall sogar von einem simulierten Erdbeben erschüttert wurde. Stuarts apokalyptisches Szenario ist zwar subtiler, aber auch in „Blessed“ wird Ethos zu ungebrochenem Pathos. Schade, denn den gelungenen Auftakt mit dem theatralischen Kollaps einer Palme aus Pappe wird man so schnell nicht vergessen.

 

(5.4.2007)