LARS VON TRIERS FILM "MELANCHOLIA" UND DIE MELANCHOLIE DER AUFKLÄRUNG
Von Helmut Ploebst
Ein blauer Himmelskörper, dem der Name „Melancholia“ gegeben wurde, dringt ins Sonnensystem ein. Es ist ein sogenannter Waisenplanet, der nicht um einen Stern kreist und so frei wie einsam durch den Weltraum driftet. Solche gibt es wirklich, und Lars von Trier hat damit eine schöne Metapher für seinen neuen Film gefunden: Von der in guter Gesellschaft brav ihre Bahn um die Sonne ziehenden Erde ist stets als „Blauer Planet“ die Rede, und nun nähert sich eine ebenso blaue Waise, die um ein Vielfaches größer ist als die Erde. Die Kollision ist gleich am Beginn zu sehen: der Planet der Menschen taucht in diese blaue Melancholie ein und zerbricht.
Im Plot sind die beiden Himmelskörper symbolisch für die beiden Schwestern Justine und Claire gesetzt. Die blonde Justine ist eine innerlich einsame Melancholikerin, die ihre Hochzeit begeht und aufgrund ihrer Depression aus der Gesellschaft herausfällt, und die dunkelhaarige Claire eine bestsituierte Ehefrau, die alles schön machen will inmitten der kalten Ordnung, in die sie integriert ist. Die toughe Justine ist als eine Wissende dargestellt, die penible Claire als eine Ordnende, die die Draußenwelt gerne ihrem Ehemann John überlässt. Die Erde und „Melancholia“, verkündet das Internet der zweifelnden Claire, befänden sich in einem Todestanz. John überzeugt sie davon, das sei ein Irrtum.
„Die Erde ist schlecht“, sagt Justine. Und: „Wir sind allein. Es gibt nirgendwo sonst Leben.“ Sie fühlt sich durch ihre Krankheit wie von großen Spinnweben festgehalten. Aber sie wird es am Ende sein, die mit dem Weltuntergang umgehen kann und sogar für Claires kleinen Buben ein verkraftbares Ende gestaltet. Und nicht dessen verzagte Mutter, die eigentlich nur ruhig bleibt, als sie die Leiche ihres Mannes im Pferdestall findet. Sie bedeckt sie mit Stroh und schweigt über den Tod des „Leader of the System“, der sich angesichts seiner Fehleinschätzung der Situation umgebracht hat.
Die Erde versinkt im Himmel
Von Trier setzt die Melancholie als Depression und damit als Krankheit ein, die eine luzidere Sicht auf die Wirklichkeit mit sich bringt. Nach dem griechischen Verständnis war Melancholia (μελαγχολια) eine traurig machende „Schwarzgalligkeit“ mit körperlicher Ursache. Die Farbe Blau in Triers Melancholia macht die vazierende Waise zum Himmel: Durch Johns Teleskop ist zu sehen, wie sich Wolken auf diesem Planeten kräuseln. Nicht als gallige, schwarze Kugel also kommt der Untergang auf die Erde zugerast, sondern als ein wunderschön anmutendes Himmelsrund. Das ist beinahe biblisch: die Welt, die im Himmel versinkt.
Hier wird ein romantisches, aus dem christlichen Apokalypse-Verständnis herrührendes Bild gemalt – der atheistisch aufgewachsene Lars von Trier ist während der 90er Jahre in den Katholizismus eingetreten. Damit steht dieses Bild dem Feuer der luziferschen Aufklärung, das ebenfalls eine christliche Geburt ist, entgegen. Die alte griechische Humoralpathologie ordnet dem Feuer die „Gelbe Galle“ des Cholerikers zu. Im Film würde diese am besten zu Justines und Claires Mutter passen, deren Zynismus eine Anmerkung zum Scheitern des Aufklärerischen sein könnte. John, der Pragmatiker, hat immer wieder versucht, ausgerechnet sie aus seinem Haus zu werfen, weil die beiden zwei höchst unterschiedliche Arten von Rationalität repräsentieren.
Als Justine von ihrer Hochzeitsfeier zu entkommen sucht, stolpert sie in eine Bibliothek, offenbar ihr Arbeitszimmer mit aufgeschlagenen Kunstbüchern, die nebeneinandergestellt Folgen abstrakter Bilder zeigen. Hastig ersetzt sie diese Bilder durch andere, und die sind sämtlich figurativ. Besonders hervorgestrichen ist darunter Pieter Brueghels Gemälde Jäger im Schnee aus dem Jahr 1565. Dieses Bild verbrennt schon im Vorspann, und das ist eine Ausnahme. Denn das Motiv des Feuers bleibt bei Melancholia im Hintergrund. Lars von Trier ist kein Choleriker. Wer die Jäger im Schnee genauer betrachtet, sieht allerdings, wie im Hintergrund einige winzige Figuren einen Kaminbrand bekämpfen: Aus dem Schornstein eines Hauses schlagen Flammen. Eine gefährliche Situation, die von den anderen Figuren auf dem Bild unbemerkt bleibt.
Von Triers Anti-„Bronson“
Die Geschichte des Films spielt ausschließlich auf dem prächtigen Anwesen von John und Claire. Der Rest der Welt bleibt ferner als der Kosmos. Und dort lauern unvermutete Gefahren. Wer sich mit der Erdgeschichte ein wenig befasst hat, wird um die gut begründete These aus den 1960er Jahren Bescheid wissen, der zufolge unser Planet vor etwa 4,5 Milliarden Jahren mit einem etwa marsgroßen Protoplaneten, dem der Name „Theia“ gegeben wurde, zusammenstieß. Aus dieser Kollision soll der Mond entstanden sein. Theia war allerdings keine interstellare Waise, sondern Teil der „wilden Gesellschaft“ im frühen Sonnensystem.
„Melancholia“ hat einen anderen Verwandten, und das ist das interstellare Planetenpaar „Bronson Alpha“ und „Bronson Beta“ aus dem Science Fiction-Roman When Worlds Collide von Philip Wylie und Edwin Balmer aus dem Jahr 1933. Das Buch wurde vor genau 60 Jahren von Rudolph Maté verfilmt. Kann sein, dass von Trier das Buch gelesen oder den Film gesehen hat. Bei When Worlds Collide entkommen einige Menschen, ein Arche Noah-Thema, und überleben auf „Bronson Beta“, während „Bronson Alpha“ die Erde zerstört. Dieser naive oder biblische Optimismus fehlt bei Melancholia ganz. Claire versucht gegen Ende, mit ihrem Kind zu fliehen. Ein lächerliches Unterfangen. Geschlagen kehrt sie zurück.
Der typische Hollywood-Katastrophenfilm etwa zwischen When Worlds Collide und Armageddon spekuliert auf das Davonkommen. Und propagiert damit unverfroren über Jahrzehnte hin die „Unbesiegbarkeit“ des ökonomischen Empire amerikanischen Zuschnitts. Unter dieser Propaganda lässt sich die Umwelt leichter zerstören, lassen sich leichter Kriege anzetteln, und seien es auch nur Wirtschaftskriege wie jener, der von den USA her (und nicht etwa aus Russland, China oder den islamischen Staaten) derzeit gegen Europa geführt wird. Von Trier stellt sich – bewusst oder nicht – gegen diese Propaganda. Das ist der cholerische, der aufklärerische Aspekt dieses melancholischen Meisterwerks.
(19.11.2011)
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