Kommunikation ist kubistisch?

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TINO SEHGAL SPRACH BEI "WELCHEFREIHEIT?" IN DER WIENER SECESSION VON KUNST UND ÖKONOMIE

Von Nathalie Koger


„This is contemporary.“ Das sind die Worte, die mir, wie auch allen BesucherInnen des deutschen Pavillons der Biennale di Venezia 2005 entgegenhallten. Zwei Personen, die, wie es schien, auch das Wachpersonal ersetzten beziehungsweise waren, hüpften scheinbar freudig durch den Raum und riefen den BesucherInnen diese Worte entgegen. Dieser Vorgang wiederholte sich, je länger ich mich in dem Raum oder im angrenzenden Nebenraum aufhielt und mich marginal in die Arbeit „This is exchange“ einschrieb.

What is contemporary?

Stellte die erste Äußerung eine Bemerkung der zweiten inszenierten Situation im Raum dar? Das Publikum wurde angehalten, mit den von Tino Sehgal in Szene gesetzten AkteurInnen oder durch diese angeleitet mit anderen BesucherInnen zehn Minuten, so in meiner Erinnerung, über das Thema Marktwirtschaft zu diskutieren. Der eigene Standpunkt, Inhalt oder der Reichtum der Diskussion spielte keine Rolle, auch nicht die rhetorischen Fähigkeiten. Simply talk. Wurde das Zeitfenster eingehalten, konnten sich die BesucherInnen am Eingang der Biennale den Geldwert ihrer Eintrittskarte zurückerstatten lassen. Ich wurde zum Ausführungsmaterial der Arbeit von Tino Sehgal, Akteurin für weitere BesucherInnen.

Es ist zu bezweifeln, dass ich mich in das Gedächtnis der MitakteurInnen eingeschrieben habe, ich kann mich nicht mehr an Inhalte des Gesprächs erinnern, ausser dass ich den Geldwert der Einladungskarte nicht zurückgefordert habe. Sie wurde mir sowieso von der Akademie der Bildenden Künste Wien bzw. den Steuerzahlerinnen geschenkt. Die Motivation zur Unterhaltung war zwiespältig, stand doch der Tausch, Kommunikation gegen Geld, meinem Eindruck nach bei den weiteren BesucherInnen wie auch bei der künstlerischen Arbeit im Vordergrund. Jedoch sind mir noch etliche Bilder im Gedächtnis gegenwärtig. This is contemporary?

Tautologische Aussagen

Vor dem Publikum der Wiener Secession unterstrich Tino Sehgal am 9. März 2009 im Gespräch mit Georg Schöllhammer die Möglichkeit, auf Freiheiten des Publikums in vielen seiner Arbeiten kommunikativ einzuwirken und betonte diesen für ihn positiven Wert. Es werde „ein kommunikatives Verhältnis“, so Sehgal, aufgebaut, auch wenn die Kommunikation nicht auf verbaler Ebene ausgeführt wird. So wurde in geschickter Geprächsführung von Schöllhammer mit Sehgal und dem Publikum folgendes Beispiel von dem Künstler angeführt, nämlich „The Kiss“ [1]: AkteurInnen seiner Arbeit küssten sich nur, wenn Publikum zur Szene stieß und diesem scheinbar privaten Moment - wahrscheinlich verlegen oder neugierig - beiwohnte.

Eine Zuhörerin in der Secession schilderte ein Erlebnis „mit“ einer anderen seiner Arbeiten: Von den AkteurInnen wurde ein sehr intimes und persönliches Gespräch mit ihr und ihrem Sohn als BesucherInnen der Ausstellung  entwickelt; sie fragte sich, da der Moment von ihr auch als unangenehm empfunden wurde, was passiert wäre, falls noch weitere AusstellungsbesucherInnen zu dieser Situation gestoßen wären. Die AkteurInnen hätten sich, sagte Sehgal, sofort abgewandt und den nächsten BesucherInnen gewidmet: Aufmerksamkeitsökonomie. Eine BesucherIn ist eine BesucherIn. Der persönliche Raum für den BesucherIn ist inszeniert, gesteuert und Freiheiten, so wird der Eindruck erweckt, sind vorgetäuscht. Die meisten Aussagesätze, die von seinen AkteurInnen ausgesprochen werden und womöglich als Kommentar zu der inszenierten Situation gelesen werden, seien, so Sehgal, tautologisch und können auf jegliche andere künstlerische Arbeit bezogen werden, wie „Ich bin Propaganda“.

Welches Verhältnis besteht zwischen dem Gesprochenen in seiner Arbeit und den Bewegungen, die die Akteure ausführen? Weiter gefragt, welches Verhältnis besteht zwischen den Rollen der AkteurInnen und den Identitäten, den gesellschaftlichen Positionen, die sie sonst einnehmen?

Instruierte Intimität

Die Kommunikations- und Partizipationsfreiheit der BesucherInnen scheint am Ende zu sein. Ist das künstlerische Material, vorwiegend Kommunikation, selbstbezüglich? Auf der 4. Berlin Biennale 2006 bewegten sich TänzerInnen als Paar intim auf dem Boden und sprachen den folgenden Satz wie ihn mein Gedächtnis formuliert: „Tino Sehgal zweitausendsechs“. Die Worte schienen zuerst in vollkommen gegensätzlichem Zusammenhang mit der Bewegung bzw. Handlung zu stehen. Trifft eine Konvention und Eigenschaft des Tanzes auf eine Konvention und Eigenschaft der Kunst? Die TänzerInnen wiesen die Autorschaft des Künstlers aus. Transferiert. Gesprochen. Gleichzeitig unterstrichen sie, meiner Meinung nach, ihren Stellenwert als TänzerInnen, als Material, und die Konvention, das Verständnis darüber, von Zuschreibung der Autorschaft zu einem, im Fall Tino Sehgals, Choreografen. Die Initimität ist, so lässt sich daraus schließen, wiederum eine instruierte bzw. auferlegte Intimität. This is contemporary?

Noch nicht wissend, dass seine künstlerische Arbeiten nach Anweisung von Sehgal nicht fotografiert werden dürfen, machte ich etliche Fotos von dem Raum der Sofiensaele, in welchem diese künstlerische Arbeit präsentiert wurde. In dem leicht desolaten, aber doch atmosphärischen Raum flankierten etliche Spiegel die Wände, so in meiner Erinnerung, in Deckenhöhe. Die gesprochene Sprache erfuhr jedoch keine visuelle Abbildung.

Tino Sehgal verweigerte bis jetzt jegliche photographische oder filmische „Dokumentation“ oder Snapshots seiner Arbeiten. Der Grund dafür sei nach seiner Aussage in dem Künstlergespräch vom 9. März 2009 seine künstlerische Auseinandersetzung und  Wertschätzung von Oral History. Ein Mensch mit Bewusstsein für die Sprachkultur, wäre eine Schlussfolgerung. Eine andere Vermutung liegt auch nahe: mit dieser Strategie lässt sich die Neugier und Nachfrage nach der Live-Situation steigern. Oder es ermöglicht Tino Sehgal, von ihm inszenierte Fotos in den Umlauf zu bringen und die Bildsprache zu kontrollieren (Fotos siehe http://www.nytimes.com/2007/11/25/arts/design/25midg.html, wobei nicht nachgewiesen werden kann, wie und unter welchen Umständen die Fotos gemacht und in den Umlauf gebracht worden sind). Oder etwa die Möglichkeit, exklusive Fotoshootings zu (ver)handeln?

„Kommunikation ist kubistisch“

...sagt Tino Sehgal. Die Form ist der Inhalt, sage ich. Laut Aussage des Künstlers befinde er sich in der Tradition der bildenden Kunst, von Bruce Nauman, aber auch von Künstlerfiguren wie z.B. Merce Cunningham [2]. „The true artist helps the world by revealing mystic truths.“ [3] Die Avantgarde, erklärt Sehgal, hätte versucht, keine materielle Ware zu produzieren. Die Frage der Künstler sei gewesen, wie sie selbst Ware sein könnten. „Mr. Sehgal studied dance and economics, but economics came first“, wird auf der erwähnten Website der The New York Times wie fast bei allen Vorstellungen von Sehgal betont, und unsere Lesart seiner künstlerischen Arbeiten direkt vorgegeben oder ausgewertet. Scheinen die frühen Arbeiten von Tino Sehgal noch eine Setzung mit dem Medium Tanz gewesen zu sein, stellt er nun mehr und mehr die Kommunikation im Verhältnis zur Ökonomie in den Vordergrund. Der Sprechteil wurde immer größer. Die künstlerische Ware arbeitet mit dem Dispositiv KünstlerInnen- und Kunstmarktjargon. Der Verkauf seiner Arbeiten wird unter Zeugen, Vertretern seiner Galerien, mündlich abgeschlossen. Die Anweisungen liegen nun im Gedächtnis des Käufers, der weiteres Personal für weitere Aktionen einschulen darf. Diese sind allerdings nicht am Gewinn beteiligt bzw. werden, so wie ich verstanden habe, nur einmalig in der ersten Ausführung der Arbeit bezahlt. Oder zumindest ist unklar, ob die Bezahlung des Personals weiterer Ausführungen auch mündlich im Vertrag festgelegt ist.

Eine Kopie des Zustands einer Informationsgesellschaft? Immaterielle Ware als aufsteigendes Warengut? Sehgal mache sich Gedanken, betont er selbst leicht ironisch oder provokativ, wie er sich einerseits immer weniger Arbeit machen kann, indem er die Arbeit(en) weitergibt und verkauft und andererseits mehr an der Bewegungs- und vielleicht auch an der Kommunikationsqualität der AkteurInnen arbeiten kann. Im Online-Rausch habe ich gelesen, dass seine (immaterielle) Arbeiten mittlerweile in fünfstelliger Höhe gehandelt werden. Steigerung gewiss. Und „(...) Mr. Sehgal's work seems to revel in its own contradictions. It is ephemeral yet fixed; intangible yet expensive, because part of his concept is that his interpreters be fairly paid. (...) He says his touchstone belief is that his generation must ‚come up with alternatives of producing in different ways‘: a political rather than an artistic issue. He gradually came to realize, he said, that parliamentary politics ‚was administrating cultural values, and the real politics would be to work on those cultural values and to bring up new ideas of how things could be done.‘“ [4] Inwiefern er ein alternatives Warensystem produziert, bleibt selbst mir noch in der Metapher von Kaisers neuen Kleidern. Tino Sehgal liegt genau im Trend, das führt er uns zu Ohren und vor Augen. Er ist ein Ökonom, und diese Position hat er im und mit dem Dispositiv Kunst geschickt besetzt.

Warum er in dem Gespräch in der Reihe von „welchefreiheit?" in der Wiener Secession keine Angriffsfläche geboten hat? Tell him.


Fußnoten:
[1] Der Präsentationsort und -zusammenhang wurde von Tino Sehgal in der Secession nicht erwähnt. Folgende Informationen/Interpretationen sind auf einem Blog zu finden: „The piece was originally presented in a grand ballroom in Berlin. This exhibition was presented in MOMA's Donald C. and Catherine Marron Atrium where Olafur Eliasson's Ventilator (1997)(a swinging electric fan suspened from the ceiling) was buzzing above. Some artists and curators at the opening commenting on its success in Germany, but its obscenity and distracting presentation here.
Frieze: http://www.frieze.com/issue/article/this_is_joerg_heiser_on_tino_sehgal/
http://www.mcachicago.org/exhibitions/exh_detail.php?id=177
„The Kiss“ is a sculptural and contemplative work in which two dancers move slowly and consistently through a prescribed choreography. Leisurely kissing and touching, the dancers eventually come to resemble embracing couples from historical paintings. Both real and constructed, representational and artificial, „The Kiss“ immediately draws viewers into a subtle engagement with their personal experience of intimacy." Aus http://book-of-job.blogspot.com/2008/06/moma-purchases-tino-sehgal.html, 27.03.09
[2] Verwunderlich (oder auch nicht), wenn man die Verehrung spürt, die ihm von der Tanzcommunity, aus der er kommt, innerhalb der Secession entgegengebracht wird; die (kurzzeitige) Bewegung von TänzInnen in den Kontext der Bildenden Kunst wird immer noch mit einer „Wertsteigerung“ verbunden, wodurch wiederum Wertigkeiten gegenüber den Sparten bestätigt werden.
[3] Bruce Nauman: The True Artist Helps the World by Revealing Mystic Truths (Window or Wall Sign), 1967
[4] siehe http://www.nytimes.com/2007/11/25/arts/design/25midg.html


(5.4.2009)