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IVANA MÜLLERS PUPPENSPIEL MIT "WORKING TITLES" - URAUFFÜHRUNG IM WIENER BRUT
Von Judith Staudinger
Tragende Rollen spielen die Performer in Ivana Müllers neuem Stück „Working Titles“, das gerade im Wiener brut zur Uraufführung kam. Tragend, aber stumm: denn die aus Kroatien stammende und in Paris lebende Choreografin und Performancekünstlerin Müller probiert wie schon in einigen vorangegangenen Stücken („While We Were Holding It Together“ oder „Playing Ensemble Again and Again“), was passiert, wenn einige grundsätzliche Ingridenzien von Theater auf ein Minimum reduziert werden: gesprochene Sprache - gibt es nicht, statt dessen werden Dialoge und Erläuterungen als Übertitel auf die schwarze Rückseite der bis auf seitliche Abhänger leeren Black Box projiziert. Schauspieler - gibt es nicht, dafür kommen kopflose, lebensgroße Puppen zum Einsatz, getragen von unter ihren Privatnamen auftretenden Performern, schlichten Bühnenarbeitern im Dienst des Puppentheaters.
Eine geschlossene Handlung - na gut, die braucht es schon lange nicht mehr, aber ein derart kompromissloser Zugang zum Thema Erzählstruktur war schon lange nicht mehr zu sehen. Daher ist es nur logisch, dass „Working Titles“ im 2010 zum dritten Mal ausgerufenen Themenschwerpunkt Telling Time im brut programmiert ist, bevor es auf eine lange Reise von Rotterdam, Amsterdam und Utrecht über Hamburg nach Berlin und Maastricht weiter zieht. An der beeindruckenden Aufführungs- und Spielorteliste, die schon jetzt ins Programm der Uraufführung gedruckt werden konnte, lässt sich ermessen, für wie wichtig die Arbeit von Ivana Müller international erachtet wird. Die vielen Nachspieltermine bieten sicher auch die Möglichkeit, an den Schrauben der Inszenierung noch etwas weiter zu drehen, bis das Stück mit dem radikalen und intelligenten Konzept auch ein anspruchsvoll unterhaltsamer und rhythmisch besser fließender Abend wird.
Alkohol nur am Wochenende
Noch hebeln sich die vielen Elemente der Erzählung oft gegenseitig aus. Manche Parameter könnten nuancierter sein, und das Tempo ist bewusst auf sehr langsam gestellt, nur in kurzen Eruptionen sprinten die Performer plötzlich wie auf Knopfdruck los. Manch wichtige Themen, wie die Austauschbarkeit der Performer, sind nur angerissen und gehen dann im Slow-Motion-Strudel der Erzählbruchstücke und Spielebenen unter. So etwa wenn die schwangere Katja Dreyer die schwangere Puppe Zoe vorstellt und die Übertitel verraten, dass Dreyer nur so lange bei „Working Titles“ mitspielen können wird, als sie selbst schwanger ist - dann sei sie durch eine neue Schwangere zu ersetzen. Berührend, schön, Angst einflössend und lustig, so ist das Stück im Programmzettel attribuiert, kann „Working Titles“ sicher noch werden. In der Uraufführungsversion war das eher zu ahnen als zu sehen.
Dennoch ist die Arbeit Müllers ein einprägsames Erlebnis. Die kopflosen Puppen, Billigversionen von Schaufenstermannequins, trashig gekleidet und ästhetisch eher low look, bleiben Hüllen für Ansätze bekannter Erzählmuster. Jede Puppe hat den gleichen Körper, unterschieden nur als weiblich oder männlich. Alle äußerlichen Spezifizierungen sind frei gewählt und daher auch veränderbar. Im ersten Teil werden die Figuren ausserdem mit knappen, aber symptomatischen Beschreibungen, wie sie in Theaterstücken gerne vorangestellt werden, vorgestellt: Name, Alter, Familienstand, Beruf, ein paar flapsige, aber erzählerisches Fleisch gebende Details wie „singt in einem Chor“ oder „trinkt nur am Wochenende“. Dann erwartet man ab Teil zwei, geleitet von den vollmundigen Ankündigungen der Zwischentitel, die üblichen Geschichten und Konflikte: Wer mit wem? Desaster oder Happy End? Katastrophenfilm oder Fernsehwerbung?
Nun ist es natürlich längst nicht mehr so wie zu guten alten Tschechow-Zeiten, wo (frei nach einer Aussage eben jenes Autors) eine Pistole, die im ersten Akt an der Wand hängt, spätestens im dritten Akt auch abgefeuert sein muss. Nein, hier laufen die Figuren einander genau nicht über den Weg (besser gesagt, werden einander nicht über den Weg getragen), dafür reflektiert die hingeschriebene Stimme aus dem Off der Projektion eben diese Nicht-Kollision, diese Verweigerung der Spieler, ihre Figuren durch die üblichen Handlungen zu treiben.
Verwirren der Erwartungen
Denn nach und nach wird klar: die von den Puppen dargestellten Figuren entspringen der Fantasie ihrer Trägermedien, der Performer. Und weil es Theater ist, dürfen die erfundenen Gestalten mit ihren Schöpfern in einen kritischen Dialog treten und verlangen, dass noch etwas Schönes mit ihnen passieren möge. Auch kleine Bitten um Veränderungen des Vergangenen, um eine positive Wirkung auf die Zukunft, sind erlaubt. Diese stumme Zwiesprache (wie gesagt, alles vermittelt über die zu lesenden Titel) ist poetisch, wie auch die Begegnungen Puppe-Performer in dem immer wiederkehrenden, erzählerisch immer neu beleuchteten und doch nie ganz aufgelösten Standbild oder der Abschied einer sterbenden Puppe von ihrer Schöpferin/Trägerin, deren künstlerische Zukunft sie mit dem Erbe ihrer Ersparnisse sichern möchte. Die Machtverhältnisse zwischen den beiden Gruppen wechseln beständig: mal dienen die Performer als Bühnenbildersatz für Szenen ihrer Puppen, dann wieder werden diese einfach weggetragen und so aus der laufenden Handlung gerissen.
Wie so oft bei Ivana Müllers Arbeiten wird bewusst gemacht, wie weit die Imagination der Zuschauer dem Geschehen auf der Bühne entgegenkommen muss. Erwartungen werden geweckt, verwirrt und enttäuscht. Wenn nach zwei Dritteln ein entscheidendes Detail über eine Person bekannt wird, nämlich dass sie „schwarz“ ist, merkt der Zuschauer, dass er ganz selbstverständlich die ganze Zeit über von einem „Weißen“ ausgegangen ist. Geräusche von außerhalb der Black Box legen neue, ins Leere führende fiktionale Fährten oder bestimmen das Spiel (wenn etwa eine Spielerin immer auf ein Glockschlagsignal hin lächelt). Bis auf Licht und Sound, und natürlich die Übertitel, ist „Working Titles" herrlich analog, eine Medienkritik unplugged mit Avataren aus Stoff, Drahtskelett und Schaumgummi. Der Bezug auf moderne Kommunikationsmedien und -formate wird nicht ausgesprochen und ist dennoch andauernd als Subtext mitlesbar. Es ist eine große Qualität dieser Arbeit, dass sie ihr Konzept kompromisslos durchhält. Daher funktioniert auch die Schlusswendung so gut: Nach der knappen Stunde Theater ohne gesprochene Worte lechzt die Zuschauerin nach Stimmen, sie werden auch versprochen, doch es wäre nicht „Working Titles“, wenn die Erwartung nach einem abschließenden Dialog oder Kommentar nicht auf witzige Weise ent-täuscht würde.
(18.02.10)
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