Kreativ sein für die Zukunft

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DER BILDUNGSEXPERTE SIR KEN ROBINSON ALS GALIONSFIGUR BEI "I LIKE TO MOVE IT MOVE IT"

Von Sabina Holzer


Sir Ken Robinson gehört zu den weltweit anerkanntesten Vordenkern in Sachen Creative Innovation, Creative Development and Human Resources. Bekannt wurde er 1989 mit dem Robinson Report „All Our Futures: Creativity, Culture and Education“, einer Untersuchung über die Zukunft und Weiterentwicklung des Bildungs- und Schulwesens, die von der britischen Regierung in Auftrag gegeben worden war. Zwölf Jahre lang arbeitete er als Professor an der Universität von Warwick und gab Trainingseinheiten in Ministerien und im Bildungswesen. In dieser Zeit war er maßgeblich an kreativen und wirtschaftlichen Entwicklungsstrategien zur Umsetzung des Friedensprozesses in Nordirland beteiligt. Nach zahlreichen universitären Auszeichnungen  wurde er 2003 von der englischen Queen zum Ritter geschlagen.

Für seine Überlegungen zu Bildung und Kreativität verknüpft Robinson neueste Erkenntnisse aus der Kreativitäts-, Intelligenz- und Hirnforschung mit Wissensfeldern über Organisation und Arbeitsmarkt und über die Bedürfnisse von Individuen. Sein Beitrag bei der TED Conference (www.ted.com) „Do schools kill creativity“ hat die Konzeption von „I Like to Move It Move It“ wesentlich beeinflusst. Also luden ihn Guido Reimitz und Airan Berg ein, im Rahmen ihres Schulprojekts einen Vortrag zu halten.

Ken Robinson kam nach LInz und thematisierte unter dem Titel „Out of  Our Minds - Bildung und Kreativität“ (nach dem Titel des Buchs „Out of Our Minds - Learning to be Creative“, das Robinson 2001 publiziert hat) die Notwendigkeit der Förderung von Kreativität und individueller Begabung auf unterschiedliche Art. Mit Humor und Charisma wies er widerholt und eindringlich darauf hin, dass Kreativität nicht, wie oft angenommen, luxuriöse Selbsterfahrung ist, sondern eine Möglichkeit - beinahe möchte man sagen, die einzige -, mit den Herausforderungen, die die Zukunft an uns und an kommende Generationen stellen wird, einen konstruktiven Umgang zu finden. Die Gestaltung kreativer Prozesse also, um Möglichkeiten im Umgang mit Problemstellungen, Krisen und Situationen zu finden, die unerwartet sind und mitunter ausweglos erscheinen. Oder, um mit Sir Ken Robinson zu sprechen: „Kreativität ist der Prozess des Findens eigener Ideen mit Wert.“

Unvorstellbare Herausforderungen der Zukunft

Kreativität ist nicht etwas, das man hat oder nicht hat. Kreativität ist ein Prozess, den man systematisch unterstützen kann. Spontane Einfälle, der Umgang mit scheinbar paradoxen Phänomenen und die Umsetzung daraus gewonnener Erkenntnisse sind Teile dieses Prozesses. Deswegen sei es so wichtig, Kreativität als wesentlichen Bestandteil in unser Bildungswesen aufzunehmen. Denn: „Die Zukunft wird uns und unsere Kinder vor Herausforderungen stellen, die wir jetzt noch nicht mal denken können."  Eine Aussage, die sofort an Konkretheit gewinnt, wenn man an die Ungeduld denkt, die einen überkommt, wenn der Computer nach dem Drücken der Entertaste nicht innerhalb von 5 Sekunden reagiert - und man sich vielleicht daran erinnert, welch marginalen Stellenwert der Computer noch vor 15 Jahren in unserem Alltagsleben hatte.

Robinson lädt ein, sich folgendes vor Augen zu führen: Kinder, die heute mit ihrer Schulausbildung beginnen, werden im Jahr 2070 in Pension gehen (wie diese Konstruktion dann auch immer aussehen wird). Nun konstatiert der Senior System Designer von Apple, dass der zur Zeit höchstentwickelte Computer die Intelligenz einer Heuschrecke hat. „Wir wissen freilich nicht wirklich, was ,Intelligenz einer Heuschrecke‘ tatsächlich bedeutet“,  meint Ken Robinson ironisch. Seine wiederholten, wohltuenden Nebenbemerkungen dienen ihm als pointierte Verweise auf die Begrenztheit der eigenen Wahrnehmung und Existenz. Als bildlicher Hinweis darauf, dass unseren die heutigen Computer nicht mehr als sehr, sehr schnelle Rechenmaschinen, die nicht selbstständig denken, funktioniert diese Aussage freilich sehr gut. Wenn man davon ausgeht, dass die technische Entwicklung nur annähernd so weiter fortschreitet, wie das momentan der Fall ist, wird prognostiziert, dass Computer schon bald die Kapazität eines sechs Monate alten Babies haben.

Das bedeutet aber, dass Computer fähig sein werden, aus ihren Erfahrungen zu lernen. 2020 könnten sie soweit sein, ihre eigenen Programme zu schreiben, und 2050 würden sie das Wissen der gesamten menschlichen Entwicklung prozessieren. Ihre Interfaces könnten durch Gedanken gesteuert werden, und Avatare, die Emotionen von Menschen übernehmen und auf diese autonom reagieren, wäre unsere Nachbarn. Über diese Science Fiction kann heute nur wenig Konkretes gesagt werden. Es geht vielmehr darum, Fähigkeiten zu entwickeln und fördern, die es möglich machen, mit diesen revolutionären Herausforderungen umzugehen. Das bedeutet auch, mit den Leistungsfähigkeiten und Qualifikationen des Einzelnen anders umzugehen. Ken Robinson eröffnete seinen Vortag mit der freundlich gestellten Frage: „Wieviele von Ihnen sprechen Englisch? Wieviele sprechen kein Englisch?“ Er schaut herum und sagt: „Danke, Sie können gehen.“ Lachen. Das Publikum ist als solches sicher. Robinsons Scherz jedoch verweist direkt auf eine Grundstruktur im Denken und Umgang, die jedem Einzelnen aus unterschiedlichen Situationen bekannt ist: Ausschluss bei nicht eindeutiger Entsprechung und Zuordnungsmöglichkeit.

Entscheidungen solcher Art werden über die begrifflich-isolierenden Prozesse im Gehirn getroffen. Kreativität wiederum bezieht sich auf dessen Fähigkeit, die Lücke zwischen zwei nicht sinnvoll miteinander verbundenen oder nicht logisch aufeinander bezogenen Gegebenheiten durch Schaffung von anderen Sinnbezügen auszufüllen. Diese eher nonverbalen, assoziativen und ganzheitlichen Prozesse können etwa mittels spielerischer Theoriebildung und Spielen selbst unterstützt werden.

Kreativität als Verhandlung zwischen Theorie und Praxis

Begrifflich geht das Wort Kreativität auf das lateinische Wort creare zurück, was soviel wie etwas neu schöpfen, erfinden, erzeugen, herstellen, und auch gestalten bedeutet. Etwas Gestalt annehmen lassen, bedeutet auszuwählen. Auswahl, Bewertung und Ausarbeitung betreffen die letzten zwei Phasen eines kreativen Prozesses, der sich aus einer Vorbereitungsphase, eine Inkubations- und Reifungsphase, dem Erkennen neuer Zusammenhänge oder dem Aufblitzen eines genialen Einfalls zusammensetzt. Der amerikanische Persönlichkeits- und Intelligenzforscher Joy Paul Guilford [*] listete 1950 die grundlegenden psychischen Merkmale, die einen kreativen Prozess begleiten, folgendermaßen: 1. Problemsensitivität. 2. Flüssigkeit (in kurzer Zeit viele Ideen hervorbringen), 3. Flexibilität (gewohnte Wege des Denkens verlassen; neue Sichtweisen entwickeln) und Redefinition (bekannte Objekte neu verwenden, improvisieren), 4. Elaboration und 5. Originalität.

Kreativität bedeutet also nicht nur, eine Menge guter Idee zu haben - die Umsetzung ist Bestandteil des systemischen Prozesses. Der Wert der Ideen wird also an ihrer Umsetzungsmöglichkeit gemessen. Kreativität ist eine Verhandlung von Theorie und Praxis. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Prozesses ist das Scheitern, weswegen es ratsam ist, sich das Spiel (das althochdeutsche spil bedeutet übrigens auch Tanzbewegung) als Partner mit in den Bund zu nehmen. Das Spiel als eine Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum angenommenen und nach Regeln, die nicht unbedingt bindend sind, verrichtet wird. Unser gegenwärtiges Schulsystem und Bildungswesen ist freilich nach ganz anderen Kriterien ausgerichtet und verändert sich nur sehr langsam.

„Die Hierarchie der Schulfächer hält die Kinder davon ab, das zu tun, was sie gut können.“

Das allgemeine Schulwesen in Europa und Amerika basiert in den Grundstrukturen und den Lernausrichtungen auf einem Lernkonzept, das im 18. Jahrhundert entwickelt wurde, um den Bedürfnissen der industriellen Revolution gerecht zu werden. Entlang dieser Bedürfnisse wurde die Teilung in Volksschulen, Haupt- und Mittel- und Berufsbildende Schulen entwickelt. Auch die Hierachisierung der Lerngegenstände stammen aus dieser Zeit und bestimmen oft wie ein stilles Gesetz die Auswahl der Bildungswege.

Dass wir in einer wachsenden Dienstleistungsgesellschaft, mit stets steigender Anzahl von MigrantInnen und kultureller Diversität anderen Herausforderungen gegenüberstehen und andere Bedürfnisse haben, ist fast schon überflüssig zu erwähnen. Trotzdem wird in unserem Bildungssystem immer noch der höchste Nutzungswert den Sprachen, der Mathematik, den Natur- und Wirtschaftswissenschaften zugesprochen. An zweiter Stelle stehen Humanwissenschaften sowie Geschichte und an dritter und letzte Stelle Kunst, Theater und Tanz. Die letzen beiden werden, wenn überhaupt, meist als Freifächer angeboten. „In der 3. oder 6. Klasse, wenn man sich entscheiden muss, in welche Richtung man weiter geht, bekommt man, so Robinson, immer noch gesagt: „Wähle nicht Musik oder Kunst, du wirst kein Musiker oder Künstler.“  Aber es wird nicht gesagt: „Wähle nicht Mathematik, du wirst kein Mathematiker.“

In bestimmten Fächern werden Kinder mehr unterstützt als in anderen. Die Fächer, in denen sozusagen Lebensgrundbedingungen geübt werden - Motorik, Fingerfertigkeit im Umgang mit einem Instrument, Umgang mit Material (Farbe, Stoff, Ton, Computer), oder Einfühlungsvermögen, wie bei Tanz, Musik oder Theaterspiel - werden oft nicht sonderlich geachtet. Auch nicht die damit einhergehende intellektuelle Auseinandersetzung. Wenn Begabungen in diesen Bereichen existieren, werden sie - weil damit kein Geld zu verdienen ist, so sorgen sich viele Eltern - nicht ernst genommen. Schlussendlich kommt es zu einer Vielzahl von Leuten, die sich selbst als unbegabt empfinden, weil ihre Talente als unpassend erscheinen. Sie machen ihre Arbeit, sind nicht sonderlich motiviert, nicht sonderlich begeistert und nicht sonderlich glücklich.

Das heutige Schul- und Bildungswesen ist darauf ausgerichtet, einer akademische Karriere zu folgen. Der Beruf der AkademikerIn ist der passendste und wäre die eigentliche Entsprechung eines erfolgreichen Durchlaufens dieses Schulsystems. Die zunehmende Institutionalisierung unterstützt diesen Trend. Wenn jemand also aus irgendwelchen Gründen diesen Weg nicht einschlägt, nicht einschlagen will, ist er in der Hierarchie der gesellschaftlichen Achtung schon etwas weiter unten angesiedelt. Dass unser Zusammenleben aus wesentlich vielfältigeren Berufsfeldern aufgebaut ist und diese auch benötigt, ist offensichtlich.

„Wir müssen anders über menschliche Ressourcen und menschliche Fähigkeiten denken.“

Robinson zieht eine Analogie zwischen den natürlichen Ressourcen (Naturschätzen, Rohstoffquellen) als natürliche Lebensgrundlage und den individuellen Begabungen als Grundlage des Menschseins. „In seinem Element“ zu sein bedeutet, das zu tun, worin man gut ist, worin man aufgeht und die Zeit vergisst. Um kreativ zu sein, neue Ideen zu haben, ist es gut, über ein gewisses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu verfügen. Dann ist eine Person nicht nur gut in dem, was sie tut, es geht ihr auch gut. Ken Robinson insistiert darauf, dass jeder Mensch außergewöhnliche Qualitäten hat und somit zu außergewöhnlichen Leistungen fähig ist - sofern man sich die Zeit nimmt, sich mit den individuellen Begabungen zu beschäftigen, diese zu unterstützen und zu fördern.

Der Vergleich mit den natürlichen Ressourcen funktioniert. Nach Rohstoffen muss gesucht werden, so wie Talente nicht immer einfach zu finden sind. - Was nicht bedeutet, dass sie nicht da sind.  Manchmal sind sie ganz offensichtlich, sehr oft aber auch nicht. Sicher ist, dass jeder Mensch außergewöhnliche Fähigkeiten besitzt, und unsere Schul- und Bildungssysteme sollten darauf ausgerichtet sein, diese zu finden und zu fördern. Geschieht das nicht, so wird „a massive waste of human recources“ produziert, den wir uns, wie Robinson trocken konstatiert, einfach nicht leisten können. Wir können es uns nicht mehr leisten, Menschen so auszubilden, dass sie ihre Arbeit halbherzig erledigen, diese Arbeit nicht als Bestandteil eines gesellschaftpolitischen Zusammenhangs sehen und sich in weiterer Instanz nicht an der Gestaltung dieses Zusammenlebens beteiligen möchten.

Im Weiteren weist Robinson auf etwas hin, das ganz selbstverständlich erscheint und mit dem wir selten einen konstruktiven Umgang pflegen: auf die Imagination. Keine Kultur entwickelt sich ohne Imagination. Sie ist der Mehrwert, der das menschliche Dasein konstituiert: Kultur als Gestaltungsprinzip, das über die Tätigkeit des Überlebens und der Existenzsicherung hinausgeht. In der Imagination verbinden sich kulturelles Erbe, genetischer Code und individuelle Erfahrungen. Jedes Menschen Imagination machen ihn außerordentlich. Hunger, Furcht, Aggression, Gemeinschaftsgeist oder die Art und Weise, wie man von der jeweilige Kultur geprägt wird, sind nicht originär. Unsere Imagination schon. „Kreativität ist der Prozess, eigene, originelle Ideen zu entwickeln.“ Es ist daher wichtig, ermutigt zu werden, diese einzigartige Imagination einzusetzen, sie ernst zu nehmen und mit ihr umzugehen.

„Ein Ziel und eine Bedeutung zu haben, gehört zu unseren ureigensten Talenten.“

Allein der Gedanke, sich mit Dingen in seinem Leben zu beschäftigen, die man kann, und darin unterstützt zu werden, ist beflügelnd. Gerne spinnt man ihn weiter: Das tun, was man gut kann und gerne macht und das, wenn man es macht, das alltägliche Treiben der Welt in den Hintergrund treten lässt. Das sind glückliche Momente der Selbstvergessenheit. Man erinnert sich gerne an sie.

Sir Ken Robinson und sein Vortrag stehen da wie der lebendige Beweis. Wie er im Dialog mit dem Publikum Geschichten erzählt: leicht, witzig, selbstironisch. Ich-Erzählungen voller Gehalt, Fakten und Verweise, die sich manchmal auf scheinbare Abwege begeben, um sich dann wieder neu zu entfalten.

Zum Beispiel dieses Gespräch mit einem Bassgitarristen nach einem Konzert in einer Bar.
Robinson: „Du hast fantastisch gespielt heute!“
Bass Player: „Ja danke, es war recht okay.“
Robinson: „Nein, du warst wirklich großartig. Ich würde das auch gerne machen!“
Bass Player: „Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass du gerne das gerne machen würdest.“
Robinson: „Wie meinst du? Natürlich! Ich würde gerne so wie du Bassgitarre spielen.“
Bass Player: „Ich spiele, seit ich 4 Jahre alt bin. Während meiner ganzen Jugend habe ich mindesten 6 Stunden pro Tag geübt. Jetzt spiele ich jeden Abend in diesem Club. Ich tu es, weil ich es liebe, Gitarre zu spielen. Wenn du das Gitarrenspiel lieben würdest, tätest du es auch. Ich glaube, dir gefällt einfach die Idee des Gitarrespielens."

Alles hat seinen Preis. Und dieser Preis hat viele Gesichter. Vertiefung in eine Materie, eingehende Beschäftigung erfordert eine gewisse Zurückgezogenheit und Konzentration, und diese Erfordernis entspricht nicht der allgegenwärtigen schnelllebigen Dynamik und Präsenz durch Selbstdarstellung. Diejenigen, die in den „Creative Industries“ oder als „neue Selbstständige“ arbeiten, kennen auch bestimmte Aspekte dieses Preis. Oft ist es ein Spießrutenlauf zwischen Selbstausbeutung ohne sozialen Rückhalt und der Möglichkeit, anderen Lebensvorstellungen zu folgen, die nicht nur vom Markt diktiert werden.

Eine der großen Qualitäten in Robinsons Vortrags ist, dass der Vortragende für Aneignung und Integration plädiert, die auch gesellschaftpolitisch unterstützt wird. Das ist ein klarer Gegenentwurf zu neoliberalen Eliteausbildungen. „Außergewöhnlich“ ist die positive Bezeichnung für etwas, das auch als „unpassend“, „eigenartig“ und „fremd“ gelten kann. Es geht gerade darum, sich diesen vielleicht eigenartigen Potentialen gegenüber zu öffnen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sie anzunehmen und einen konstruktiven Umgang damit zu finden. In diesem Sinne verbindet sich die Rede von einem „glücklichen Leben“ mit der des Menschenrechts auf Menschenwürde.

Robinson kennt viele Beispiele von Leuten, die herausragende Persönlichkeiten geworden sind, weil sie die Möglichkeit hatten, sich ihrer Begabung zu widmen. Diese Begabung wurde oft anfangs als Problem, als Andersartigkeit aufgefasst. Paul Mc Cartney zum Beispiel, von dem sein Musiklehrer sagte, er wäre völlig unmusikalisch, Elvis Presley, der aus den selben Gründen den Chor verlassen musste.
Oder die Choreografin von Cats, Gillian Lynne. Sie wurde von ihrer Mutter zu einem Psychologen gebracht, weil sie nicht still sitzen konnte und die ganze Zeit herumzappelte. Sie hatte große Konzentrationsschwierigkeiten und war schlecht in der Schule. Nachdem sich der Doktor die Beschreibung der Mutter angehört hatte, sagte er, er müsse mit ihr alleine sprechen, drehte das Radio auf, und sie ließen Gillian allein. Er und ihre Mutter beobachteten das Kind, wie es zu der Musik aus dem Radio tanzte. Der Doktor sagte, „Ihre Tochter ist nicht schwierig. Ihr Tochter ist eine Tänzerin.“ Gillian selbst sagte, es sei eine unglaublicher Erleichterung für sie gewesen, in die Tanzschule zu kommen. Die Kinder dort waren wie sie. Denken bedeutete für diese Kinder, wie für sie auch, sich zu bewegen.

Unser human mind - was übersetzt soviel wie Gedanken, Geist, Gemüt, Psyche, Seele, Sinn, Ansicht, Absicht, Animus  bedeutet - ist höchst dynamisch, interaktiv und intelligent. Wir denken in Geräuschen, Bewegungen, Berührungen, Emotionen, konzeptuellen und abstrakten Formen. Es geht also darum, nicht nur die sprachlichen, begrifflichen Kompetenzen zu fördern, sondern auch die Intelligenz von sensuellen und motorischen Prozessen wahrzunehmen und zu unterstützen. Nur in der Wahrnehmung der unterschiedlichen Begabungen und einer kreativen Praxis eröffnet sich die Möglichkeit für jeden, außergewöhnliche Lösungen für außergewöhnliche Probleme in einer außergewöhnlichen Zeit zu finden.

Denn die Frage, die in die Zukunft führt, ist nicht: „Wie kreativ oder intelligent bist du?“, sondern: „Auf welche Weise bist du kreativ? Auf welche Weise bist du intelligent?“


www.sirkenrobinson.com


Fußnote:

[*] Joy Paul Guilford, Persönlichkeits- und Intelligenzforscher. 1949 wird er Präsident der APA (American Psychological Association), der wichtigsten Psychologen-Organisation in den USA. 1967 veröffentlicht Guilford seine Theorie „Structure of Intellect“, die sich radikal gegen jegliche Hierarchie in der Strukturierung der Intelligenz stellt und vielmehr die Intelligenz als eine Zusammensetzung verschiedener „Cluster“, die sich je aus drei Faktoren ergeben, ansieht. Aufgrund der starken Kritik an diesem Modell überarbeitete Guilford 1982 sein Modell der Intelligenz und räumte einer gewissen Hierarchievorstellung Platz ein. (Structure of Intellect – Wikipedia)


(2.11.2009)