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Kritik und gnadenloser Spaß

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MONIKA GINTERSDORFER & KNUT KLAßEN AUF KAMPNAGEL IN HAMBURG: "TRÈS TRÈS FORT"

Von Franz Anton Cramer


Die westafrikanische Republik Elfenbeinküste galt lange als Erfolgsmodell. Wirtschaftlicher und politischer Wohlstand in dem Staat mit über 60 Ethnien und Sprachen verschafften dem Land den Ruf, die „Schweiz Westafrikas“ zu sein. Doch auf die vierzigjährige Regentschaft des Gründungspräsidenten Félix Hophouët-Boigny folgte in den neunziger Jahren ein bizarrer Niedergang. Binnen weniger Jahre wurde das Land durch Parteienstreit, Militärputsche und eine privatmythologische Phantasiewelt aus Patriotismus und Verschwörungstheorien zerrüttet. Der Bürgerkrieg 2002 spaltete den rebellischen Norden vom wohlhabenden Süden, ausländische Mächte entsandten Soldaten, es gab Pogrome gegen Weiße und Massaker an Oppositionellen. Bis heute hat sich die Lage nicht wirklich stabilisiert.

Diesen im Westen nur am Rande wahrgenommenen Konflikt macht das Regieduo Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen zum Thema ihrer jüngsten Arbeit „Très très fort“. Deren Hauptdarsteller, Gotta Depri und Franck Edmond Yao, leben zwischen Abidjan und Paris und reüssieren in der Club-Szene. Ihr Anschluß an die E-Kultur des (europäischen) Theaters erfolgte über die von Gintersdorfer & Klaßen ersonnene und ebenso schlichte wie bestechende Performance-Reihe „Logobi“. Darin konfrontiert sich einer der beiden Ivorer mit Vertretern deutscher Performance-Kultur, um vorzuführen, wie unernst eigentlich das hochgeschraubte Wesen des Zeitgenössischen ist im Vergleich zum existentiellen Glamour der Ivorer. Nicht nur müssen diese das überaus schwere, kritische und anspruchsvolle Publikum der ivorischen Exilgemeinde Abend für Abend besiegen, sie müssen auch ihre europäischen Aufenthaltspapiere erarbeiten. Mit nonchalantem Desinteresse an den ästhetischen Maßstäben der Off-Kultur und mit Hilfe des künstlerischen Umfeldes haben sie es aber mittlerweile geschafft, in Deutschland, in Europa dauerhaft leben und arbeiten zu können. Ergänzt werden sie je nach Projekt (so auch für „Très très fort“) um Vertreter der Szene aus der ivorischen Hauptstadt Abidjan, die jeweils für kurze Zeit - die Dauer eines Touristenvisums - nach Deutschland gebracht werden.

Persiflage von führenden Politikern

„Très très fort“ ist dabei zum ersten Mal eine Arbeit, die über das eigene Milieu der Kunstpraxis in Abidjan und Berlin/Hamburg/Düsseldorf/Frankfurt... hinausweist, indem die jüngste Geschichte der Elfenbeinküste mit bisweilen sarkastischem Blick unter die Lupe genommen und in großer Show-Manier dargeboten wird. Dazu gehören lakonisch erzählte Greuelgeschichten, grell überzeichnete Selbstdarstellung der Akteure und ihrer lässigen Haltung zu allen Fragen des Politischen, schließlich auch die Persiflage von führenden Politikern des westafrikanischen Landes und ihrer bizarren Reden an das Volk. Gotta Depri, der vor einigen Jahren von André Heller für die umstrittene „Afrika Afrika“-Revue engagiert worden war, mit Georges Momboye viele Monate die künstlerische Leitung dieses wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmens innehatte und dann angewidert von der verfälschten und hybridisierten Sicht auf die afrikanische Kultur aus dem Projekt ausstieg, Depri also brilliert in diesem Projekt als Rezitator und Kabarettist. Ebenso Franck Edmond Yao: Sein flammend roter Anzug, sein mit Straß-Applikationen aufgepimptes schwarzes Hemd, die nadelspitz zulaufenden Schuhe und das gekonnte Spiel mit der Sonnenbrille machen ihn zu einer Mischung aus Kasinobesitzer, Eckensteher und Sexidol.

Die Methode Gintersdorfer ist unprätentiös, aber sehr effektiv: Indem die Akteure aus ihrem normalen Umfeld herausgenommen werden, müssen sie sich und dem Publikum Fragen stellen und Antworten geben, auf die sie sonst vielleicht nicht gekommen wären. Gedoppelt, gerahmt, perspektiviert wird die Präsenz der in diesem Fall vier Ivorer (Gotta Depri, Franck Edmond Yao, Lassana Kamagate, Serge Nekpe) von deutschen Übersetzer-Schauspielern (Cornelia Dörr, Hauke Heumann), die den aufgeregten und unentrinnbaren Redefluß von ivorischem Französisch in deutsche Worte fassen, dabei selbst auch auf der Suche nach Fassung und Verstehen. Denn die Meinungen, die Aussagen, die Ansichten der Gäste stoßen oftmals vor den Kopf. Die glanzvolle Überheblichkeit, mit der sie ihre Kunst ausstellen (Franck Edmond Yao nennt das an anderer Stelle „Künstler der moralischen Mehrheit sein“), erlaubt es vor allem, die (vermeintlichen) Defizite ihrer hellhäutigen Kollegen zu erkennen. Das ist zwar kein Entlarvungsprozeß, wie man ihn aus pädagogisch ambitionierten Projekten kennt. Aber gleichwohl bleibt das Gefälle nicht aus: Die Afrikaner sind professioneller, souveräner, sie bewegen sich besser, sie sind unmäßig sexy und strotzen vor Selbstbewusstsein. Von des Gedankens Blässe angekränkelt, wie das in „7% Hamlet" bald Thema sein wird (Uraufführung am 12. Oktober am Deutschen Theater Berlin), sind sie nicht. Wohl aber von ihrer Mission erfüllt, das hybride Eigene ihrer Biographie gegenüber dem beliebigen Tun der Westbühne zu verteidigen.

Neid der Daheimgebliebenen

Ihre Performance-Welt konstituiert sich sozial ebenso wie künstlerisch und ist zudem zwischen dem prekären Leben im europäischen Ausland und den heimischen Bezügen in der Côte d'Ivoire ausgespannt. Da ist Gesichtsverlust das Schlimmste, Markentriumphalismus das höchste Plaisir. Das wird uns gleich zu Anfang von „Très très fort“ mitgeteilt: Mit dem Krieg wollen die Auslands-Ivorer nichts zu tun haben. Und bei jedem Luxus-Klamottenkauf in Paris freut man sich hämisch über den Neid der Daheimgebliebenen, die sich in zweitklassige Produkte kleiden müssen. Die größte Unbill der nächtlichen Ausgangssperre in Abidjan ist demgegenüber, daß man zwischen Mitternacht und sechs Uhr früh nicht mehr den Club wechseln darf und so mit seinem Wahnsinns-Outfit nicht von allen gesehen werden kann.

Das Kokettieren mit dem Hedonismus, der mitten in der Zerrissenheit des Bürgerkriegs seine Hochblüte feierte unter der überaus jungen Bevölkerung Abidjans, ist hier zugleich auch Inszenierungsmethode. Denn die Unbeholfenheit der deutschen Zaungäste bei der immerwährenden Party der Ivorer ist natürlich auch nur eine Herablassung: Schließlich kommen die Mittel, die Visa, die Auftritte und die Betreuung von denen, über die man sich gern lustig macht. Der nur beiläufig versteckte Kulturkolonialismus spielt hier ebenso mit wie der frivole Einstieg ins europäische Sozialversicherungswesen.

„Très très fort“ ist ein starkes Stück, eines, das die überproblematisierte und ästhetisch oftmals verkümmerte Aufführungskultur des zeitgenössischen Tanzes in ein mondänes, dabei ätzend vielschichtiges Schaustück überführt. Das Schlußbild ist eine wilde Party im Stil des legendären couper décaler, einer Art ivorischem Exil-HipHop. Showbiz, Glamour und gnadenloser Spaß stehen bei Gintersdorfer & Klaßen im Mittelpunkt einer kritischen Auseinandersetzung mit den Hintergründen und Logiken, die vom westlichen Kulturbetrieb gesetzt werden. Dabei lernt man mehr über die Aktualität des Politischen und die popkulturelle Ästhetik des Widerstands als in so manchem künstlerischen Manifest.

Zu sehen noch am 8. und 9. Oktober, 20.30 auf Kampnagel


(8.10.2009)