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EIN GEDANKE ZUR AUSSTELLUNG "UN COUP DE DÉS. BILD GEWORDENE SCHRIFT. EIN ABC DER NACHDENKLICHEN SPRACHE", GENERALI FOUNDATION WIEN
Von Nicole Haitzinger
Jeder Würfelwurf ist das Ergebnis einer Geste des Würfelns. Dieses Ereignis, diese Aktion gerät oft in Vergessenheit und ist doch für das scheinbar zufällige Ergebnis mitbestimmend. Hier soll - im Spiel mit dem Einfluss des Zufalls - von einem singulären Moment meines Ausstellungserlebnisses bei „Un Coup de Dés“ die Rede sein.[i] Eine Spur meiner folgenden Überlegungen ist die Verbindung von Stéphane Mallarme und Marcel Broodthaers, die Jacques Rancière in seinem Artikel „Der Raum der Wörter“ als „Auslöser für eine umfassende Reflexion über die Beziehung zwischen Wörtern und dem Raum [ist], die ihrerseits dazu einlädt, erneut zu prüfen, was man Modernität in der Kunst […] nennt.“[ii] Sowohl bei Stéphane Mallarmé um 1900, als auch bei Marcel Broodthaers, einer Schlüsselfigur der Postavantgarde (aktuell im Kunstwissenschaftsdiskurs als „Arrière-Garde“ bezeichnet[iii]), wird der Körper im Zwischen von Wörtern und Raum in (Denk-)Bewegungen versetzt. Und nicht nur das. Beide demonstrieren den Akt des Schreibens als performative Geste.
Stéphane Mallarmé publiziert zeitgleich „Un Coup de Dés“ und seine literarischen Texte über Tanz (1897).[iv] In seinem Schreiben über Tanz öffnet er einen philosophisch-philologischen Raum, der auf die Veränderung in der Relation zwischen Körper und Schreiben und seine choreographischen Anordnungen von Texten verweist, die noch genauer beleuchtet werden müsste. Noch vor Loïe Fullers ersten Auftritten in Paris wird in der ersten Fassung seines Textes „Ballets“ (1886) die Tänzerin als vibrierende, flimmernde Metapher, das Ballett als Emblem und die Choreographie als vom Schreibakt losgelöste Körperschrift in die Texte der Philosophie eingeschrieben.[v]
„Dass nämlich die Tänzerin keine Frau ist, die tanzt, und zwar aus den gleichgestellten Gründen, dass sie keine Frau ist, sondern eine Metapher, in der sich ein Grundaspekt einer Formenerfahrung verdichtet: als Schwert, Kelch, Blume usw., und dass sie nicht tanzt, sondern im Wunder von Raffungen und Schwüngen durch Körperschrift vermittelt, was, schriftlich niedergelegt, ganzer Absätze von Prosa, sei diese nun dialogisch oder deskriptiv, bedürfte: ein von jeglichem Zutun des Schreibens losgelöstes Gedicht.“[vi]
Die unmögliche Einheitlichkeit von Sprache und Bewegungssprache schafft hier also visionäre textliche Räume, in denen der Tanz in seiner bewegten Erscheinungsform und seinem spirituellem Effekt eine mögliche Einheit (der Sprache, der Dinge, der Bewegungen, der Welt) in seiner äußersten literarischen Form verheißt. Die Wahrnehmung und Rezeption des Tanzes als performative Geste ist der Willkür der Fiktionen überlassen, die poetische Schreib-Räume öffnet. Visionen zerfallen, sobald man sie wahrnimmt, und ihre Erscheinungen werden durchsichtig.
„Dafür bekommt das Ballett Atmosphäre zurück oder eigentlich nichts: Visionen, die zerfallen, sobald man sie wahrnimmt, ihre Erscheinung, die durchsichtig wird. Die freie Szene, der Willkür der Emotionen überlassen, aus dem Atem eines Schleierspiels mit Haltungen und Gebärden, ist deren reinstes Ergebnis. Wenn durch solch eine Darstellung - in einer Kunstform bar aller Requisiten außer der menschlichen Präsenz - Veränderungen solcher Art herbeigeführt werden, so denkt man daran, auch deren Prinzipien zu ergründen. Jede Regung verlässt uns, setzt den Raum frei, bricht über uns herein und verkörpert ihn.“[vii] Die Atmosphäre des Tanzes zieht sich ins Nichts der Wahrnehmung zurück und bleibt vielleicht nur als ein „wenig Prosa“, als gewordene Schrift in Erinnerung.[viii]
Der belgische Künstler Marcel Broodthaers (1924-1976) setzte sich in seinem Œuvre intensiv mit Stéphane Mallarmé auseinander. In „Un coup de dés jamais n'abolira le hasard. Image.“ (1969) streicht er den Schlüsseltext der Moderne von Mallarmé mit dicken schwarzen Strichen durch und „verkehrt“ ihn zum Bild. Die Operation Broodthaers’ macht das räumliche Gedicht Mallarmés unlesbar, doch die dynamische Typographie bleibt in ihrem Gestus erhalten.
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Marcel Broodthaers, ‚Un coup de dés jamais abolira le hasard, 1969'. Galerie Wide White Space, Antwerpen, Galerie Michael Werner, Köln, Courtesy Generali Foundation.
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Sein „Projet pour un Texte“ beginnt er mit einem Zitat von einer zweiten wichtigen Figur der Moderne, Charles Baudelaire: „Je hais le mouvement qui déplace lignes.“ („Ich hasse die Bewegung, die Linien verschiebt.“ Aus dem Gedicht „Die Schönheit“ in „Die Blumen des Bösen“).
Und Broodthaers endet mit: „Und hier stehe ich, grausam gespalten zwischen einem Unbeweglichen, das schon geschrieben ist, und der komischen Bewegung, die 24 Bilder pro Sekunden in Gang hält.“[ix] Und es ist schließlich die die performative Geste, die Broodthaers wieder zu Mallarmé zurückzuführen scheint.
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Marcel Broodthaers, ‚La Pluie (Projet pour un texte)', 1969, Courtesy Estate Marcel Broodthaers, Brüssel. © VBK, Wien, 2008.
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In dem etwa zwei Minuten dauernden 16 mm s/w Film „La Pluie (Projet pour un text)“ aus dem Jahr 1969 sieht man einen Körper auf einem Stuhl vor einer Art „Schreibkiste“ (d.h. eine Holzkiste als Tisch funktionalisiert) in einem Garten sitzen. Im Hintergrund ist auf einer weißen Backsteinwand ein Schild mit der Aufschrift Département des Aigles montiert, ein Verweis auf Marcel Broodthaers' ein Jahr zuvor in seiner Wohnung gegründetes Musée d'Art Moderne. Die Anordnung des Körpers und der Dinge im Raum sind einfach. Vor der Marcel Broodthaers liegen ein Tintenfass, eine Feder und ein weißes Blatt Papier. Er beginnt zu schreiben, die Kamera zoomt auf das Manuskript und die schreibende Hand. Noch erscheinen erste Worte auf Papier, doch der strömende Regen schwemmt sie bereits einen Augenblick später wieder weg. Alles scheint sich aufzulösen. Doch Akt des Schreibens ist ein beharrlicher, ein widerständiger. Immer wieder setzt Marcel Broodthaers die Feder mit Tinte auf das Papier. Der Akt des wiederholten Versuchs sucht weder nach Form noch nach Lesbarkeit, sondern bringt die performative Figur des Schreibenden in Erscheinung.
Am Ende bleiben der Titel „Projet pour un texte“, eine Feder, ein durchtränktes Papier und „ein wenig“ verronnene Tinte in Erinnerung. Marcel Broodthaers vergegenwärtigt Mallarmes Écriture Corporelle, indem er die Zufälligkeit der sich verflüssigenden Worten in radikalster Geste auf-(sich)-nimmt.
Fussnoten:
[i] Die erste von Sabine Folie kuratierte Ausstellung für die Generali-Foundation nach der - so wird von der Direktion betont - nur infrastrukturellen Zusammenlegung mit der BAWAG Foundation ist in den Medien vor allem unter programmatischen Gesichtspunkten thematisiert und analysiert worden. Die neue künstlerische Leitung Sabine Folie war zuvor (seit 1998) als Kuratorin für die Kunsthalle Wien tätig. Die bisherige Leiterin der Generali-Foundation, Sabine Breitwieser, die seit der Gründung 1988 das künstlerische Programm gestaltet hat, ist nach der Zusammenlegung der BAWAG Foundation mit der Generali-Foundation zurückgetreten.
[ii] Jacques Rancière, „Der Raum der Wörter. Von Mallarmé zu Broothaers“, in: Un Coup de Dés, Bild gewordene Schrift. Ein ABC der nachdenklichen Sprache, Ausstellungskatalog, Sabine Folie (Hg.), Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 2008, S. 26-38, 26.
[iii] Der Begriff Arrière-Garde - aus dem Französischen; eigentlich militärischer Begriff, der die Nachhut der Hauptarmee bezeichnet - wird in der Kunsttheorie für progressive Kunstströmungen der ersten 2-3 Dekaden nach dem zweiten Weltkrieg verwendet. Vgl. z.B. Erste zweijährliche Konferenz des European Network for Avantgarde and Modernism Studies (EAM), Symposiumsabstracts (Avant-Garde / Arrière-Garde. The Contested Terrain of Painting in France (1920-1960)), Universität Gent (29.-31.05.2008), S. 23f.
[iv] Stéphane Mallarmé publiziert im Jahr 1897, zwei Jahre vor seinem Tod, eine Sammlung von Notizen und poetologischen Fragmenten unter dem Titel „Divagation“. Den Tanz der Loïe Fuller hat er in den Folies-Bergère (1893) selbst gesehen und in dem Text „Autre Etude de Danse“ reflektiert. Vgl. dazu und zum Verhältnis von Loïe Fuller und Stéphane Mallarme die exzellent recherchierte und kommentierte Studie von Gabriele Brandstetter und Brygida Maria Ochaim, Loïe Fuller, Tanz. Licht-Spiel. Art Nouveau. Freiburg im Breisgau: Rombach, 1989.
[v] Vgl. Nicole Haitzinger, „Dis/Kontinuität. Zur zweifachen Écriture Corporelle von Loïe Fuller“, in: Kontinuität und Diskontinuität, Sabine Coesch-Foisner (Hg.), (in Vorbereitung).
[vi] „A savoir que la danseuse n'est pas une femme qui danse, pour ces motifs juxtaposés qu'elle n'est pas une fée, mais une métaphore résumant un des aspects élémentaires de notre forme, glaive, coupe, fleur, etc., et qu'elle ne danse pas, suggérant, par le prodige de raccourcis ou d'élans, avec une écriture corporelle ce qu'il faudrait des paragraphes en prose dialoguée autant que descriptive, pour exprimer, dans la rédaction: poème dégagé de tout appareil du scribe.“ Vgl. Stéphane Mallarmé, „Ballets“ (1886), zitiert nach Loïe Fuller, Gabriele Brandstetter (Hg.), S. 204.
[vii] „Voici rendue au Ballet l'atmosphère ou rien, visions sitôt éparses que sues, leur évocation limpide. La scène libre, sauf gré de fiction, exhalée du jeu d'un voile avec attitudes et gestes, devient le très pur résultat. Si tels changements, à un genre exempt de quelque accessoire sauf la présence humaine, importés par cette création: on rêve de scruter le principe. Tout émotion sort de vous, élargit un milieu: ou sur vous fond et l'incorpore.“ Vgl. Mallarmé, „Autre Étude de Danse“ (1895), zitiert nach Loïe Fuller, Gabriele Brandstetter (Hg.), S. 216.
[viii] „Le souvenir peut-être ne sera pas éteint sous un peu prose ici. A mon avis, importait, où que la mode disperse cette éclosion contemporaine, miraculeuse, d'extraire le sens sommaire et l'explication qui en émane et agit sur l'ensemble d'un art.“ Vgl. Mallarmé, „Autre Étude de Danse“ (1895), zitiert nach Loïe Fuller, Gabriele Brandstetter (Hg.), S. 218.
[ix] In: Un Coup de Dés, Ausstellungskatalog, S. 94.
„Un Coup de Dés. Bild gewordene Schrift. Ein ABC der nachdenklichen Sprache“, Generali Foundation Wien, 19. September bis 23. November 2008. http://foundation.generali.at/
(18.11.2008)
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