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Küsse im leeren Raum

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EIN "ROMANTIC AFTERNOON *": VERENA BILLINGER & SEBASTIAN SCHULZ BEI FREISCHWIMMER 2011

Von Andreas Fleck




Sechs Performer  – Jung Yun Bae, Tümay Kılınçel, Robert Redmer, Juli Reinartz, Uri Turkenich und Simon Steinhauser – begeben sich für einen Romantic Afternoon (mit Sternchen im Titel) in einen leeren Raum, um einander zu küssen. Dieser Raum ist nicht nur leer, weil es an Gegenständen fehlt, sondern er ist auch leer an Emotionen, Intimität, Gefühlen, Rechenschaftsschuldigkeit und Vorurteilen. Da sich dieser Raum aber im Wiener brut-Theater Künstlerhaus befindet und damit auch ein öffentlicher ist, ist er voll von Beobachtern, Erwartungshaltungen, konzentrierten Blicken, Deutungsversuchen und (Miss-)Interpretationen. Die intime Geste des Küssens, einer voyeuristischen Öffentlichkeit ausgesetzt, bildet den Ausgangspunkt der künstlerischen Versuchsanordnung Romantic Afternoon, choreografiert von Verena Billinger und Sebastian Schulz für das Freischwimmer Festival 2011.

Ähnlich der bei imagetanz 2011 gezeigten Arbeit What they are instead of von Jared Gradinger und Angela Schubot [*], die ein körperliches Verschmelzen und ein bedingungsloses Miteinander dem öffentlichen Blick gegenüberstellen, ist es der zunächst leere Raum, der sich durch die Produktion von Gesten und inszenierter Intimität mit Deutungen und imaginierten Emotionen füllt. Sind es bei Gradinger/Schubot die mechanisierten, choreografierten Körperbewegungen und das schnaufende Atmen der Performer, die im Zuschauer Emotionen wie Lust oder Leidenschaft suggerieren, kommen bei Billinger/Schulz vor allem Lippen und Hände zum Einsatz, um das Publikum Haltungen deuten und Gefühle vermuten zu lassen.

Intentionslos zu Emotionen führen

Durch diese choreografierte Lippengymnastik, die ebenso bedeutungsleer scheint wie der Raum, der die Küssenden umgibt, wird der Kuss als zwischenmenschliche Geste der Intimität und Zuneigung zunächst ad absurdum geführt. Über die Imagination des Publikums, das, wie der Programmtext bemerkt, den Kuss als Zeichen zwar lesen, aber nicht entziffern, und dennoch deuten kann, wird der an sich intentionslos scheinende Akt des Küssens doch mit Emotionen aufgeladen.

Die Choreografie der einander ohne Unterbrechung küssenden Performer reduziert sich einerseits auf eine mit ständig wechselnden Partnern durchgeführte Lippenakrobatik, die in monotonen Mundbewegungen paarweise, in der Gruppe, zu dritt oder im Solo praktiziert wird. Andererseits auf die mit geschlossenen Augen und mit in Kussposition aneinandergepressten Körpern noch möglichen Bewegungen im Raum. Küssend und tanzend, küssend und taumelnd, küssend sich auf dem Boden rollend, küssend auf und nieder gehend, gleiten, robben, wälzen, stolpern die oral Zusammenhaftenden durch den leeren Bühnenraum, um einander wie zufällig zu begegnen und in fließender Übergabe den Partner zu wechseln. Emotionen werden dabei ebenso aus dem (Lippen-)Spiel gelassen wie festgefahrene Geschlechterrollen oder stereotype Mann-Frau-Konstellationen.

Was die Zuschauer dabei erfahren, ist, die Vorstellung vom Kuss als zwingend emotional gebundenen Akt der gegenseitigen Zuneigung und des gegenseitigen Vertrauens zu befragen, seine eigene Haltung zu öffentlicher Intimität und der damit verbundenen Reaktion zwischen Ekel, Scham, Belustigung oder (un-)verhohlenem Voyeurismus zu reflektieren und sich zu fragen, ob es an irgendeinem Punkt egal ist, wen man küsst, weil der Kuss selbst zu einer automatisierten, ritualisierten Handlung geworden ist oder ob, frei nach Helmut Qualtingers Herrn Karl, das Herz nicht doch immer ein bisserl dabei sein sollte.


[*] Vgl. auf corpus: Heidi Wilm, Im Zirkus der Paarung


(20.4.2011)