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Kultur als Naturphänomen

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"HUMAN NATURE" BEI DEM FESTIVAL ARS ELECTRONICA 09. ÜBER DAS POLITISCHE IN EINER REVIDIERTEN SICHT DER NATUR.

Von Helmut Ploebst


Die Wissenschaft könnte die Kunst von heute sein, vermutete Gerfried Stocker in seinem einleitenden Statement zu der Lecture-Serie „Human Nature“ im Rahmen der Ars Electronica 2009 in Linz. Schon Paul Feyerabend hat „Wissenschaft als Kunst“ untersucht, denn „künstlerische Verfahren kommen überall in den Wissenschaften vor und besonders dort, wo neue und überraschende Entdeckungen gemacht werden“. [1] Die in Stockers Satz vibrierende Idee ist aber noch älter, denn viele Künstler haben sich seit Leonardo da Vinci und Goethe mit diversen Wissenschaften auseinandergesetzt. Und in jüngerer Zeit gab es etwa in Berlin ab 2001 ein großes Projekt, in dem die Spannung zwischen „Kunst als Wissenschaft - Wissenschaft als Kunst“ ausgemessen wurde. [2]

Aus gesellschaftsorientierter Perspektive ist Kunst vor allem dann Kunst, wenn es ihren Hervorbringern weniger um die Erzeugung eines Produkts als um den darin eingeschriebenen, erkenntnishaften Prozeß geht. Kunst wird dann als Erkundung verstanden. Primär produktorientierte Artefakte dagegen ordnen sich eher dem Dekor, dem Entertainment, dem Design zu und zeichnen dabei ästhetische Spuren im ökonomischen Alltag. Sie sind, sobald diese Spuren untersucht werden, keineswegs zweitrangig. Denn die Phänomene und Entwicklungen der Produktkunst stellen die jeweilige Zeitkultur in ein anderes Licht als dokumentarische Darstellungsformen: das Bild im Wohnzimmer, die Bücher im Regal, das Design des Autos, die Auswahl des Balletts am Abend, die Entscheidung für eine bestimmte Show im Fernsehen. Hier werden Belege zu Arrangements zusammengestellt, die sich zur Lektüre anbieten.

Flexible Logiken

Explorativ orientierte Kunst dagegen enthält bereits Strukturen reflektierter Lektüren, deren kommunikative Formen ganz verschiedenen Logiken folgen, die sich von denen in den Wissenschaften immer wieder klar unterscheiden. Die Logiken der Wissenschaften befinden sich allerdings stets im Fluß, weil die Dynamik ihrer Forschungen niemals unterbrochen werden kann. Damit müssen die logischen Modelle der Wissenschaften ebenfalls flexibel bleiben. In dieser Unfestsetzbarkeit, dieser nichtlinearen Bewegung von wissenschaftlicher und künstlerischer Forschung berühren die beiden einander und können sich gegenseitig durchdringen.

Stocker, der Ko-Leiter des Linzer Festivals elektronischer Kunst, das in diesem Jahr seine 30. Ausgabe feiert, wollte sichtlich auf den Punkt bringen, daß die Verortung von Kunst, die sich stärker denn je im Fluß befindet, morgen schon auf Terrains geschehen kann, wo sie heute noch niemand vermuten würde. Und langte damit auch schon beim Thema der aktuellen Ars Electronica an: „Human Nature“.

Ein erheblicher Teil der gesellschaftlichen Energien wird darauf verwendet zu erforschen, was die Natur ist und wie sie funktioniert. Natur, das wissen wir, ist das, was wir als solche wahrnehmen - als gegebene materielle Wirklichkeit und als sich immer wieder verändernde Idee. Der deutsche Medientheoretiker Friedrich Kittler entwickelte in seinem Vortrag beim Linzer Festival eine kleine Geschichte des Automaten, von den mechanischen Dienerinnen des Hephaistos und ihren erotischen Bedeutungen bis zur mechanischen Taube des Philosophen Archytas von Tarent und zu Pygmalions animierter Statue. Von den Mythen über Gerschom Scholems „Golem“ bis hin zu der künstlichen Olimpia in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ (das Vorbild für die „Coppelia“ im Ballett) wird das animierte Wesen erschrieben. Erst unter den Bedingungen der modernen Technik wird Scholems kabbalistische Meditation zur Praxis. Der Automat ist nun keine romantische Behauptung mehr, sondern Wirklichkeit.

Die Natur wird wissend

Mit der Erfindung von Automaten, die sich selbst optimieren, sei ein ein entscheidender Schritt getan worden, so Kittler, der sich 1971 in Heideggers Verwunderung darüber ausdrückte, daß es nun auch schon „Generationen“ von Computern gäbe. Kittler folgerte, die Natur habe begonnen, sich mit sich selbst rückzukoppeln. Die Menschen seien nur Gebärhelfer in dem Prozeß des Wissendwerdens der Natur.

Dieser Gedanke kreuzt sich glücklich mit einer Untersuchung über die Natur, die ich während eines unruhigen Urlaubs in der Vorwoche zu skizzieren begonnen habe. Ein Zitat daraus: „In [das Spiel der Evolution] bringt sich der Mensch als reflexionsfähige Entität mit großen Fragen - nach sich selbst. So wie Roboter gedacht werden, wenn sie sich ihrer selbst bewußt werden könnten. Mit dem Roboter versucht der Mensch, ein Modell von sich zu bauen, um sich selbst besser zu verstehen. Alle Bemühungen aber, die der Mensch anstellt, um sich selbst zu verstehen, sind Versuchsreihen der Natur an der reflektierenden Entität.“

Die Annahme dahinter ist, daß alle menschlichen materiellen und immateriellen Erzeugnisse Hervorbringungen der Natur als autopoietisches Metasystem sind: „Die Phantasie, die Liebe, der Krieg, das Rad, der Computer, die Geschichte, die Philosophie, die Religion und die Vorstellungen von Göttern.“ Die Natur des Menschen unterscheidet sich also nicht von der Natur beispielsweise des Klimas (auf der Erde, auf der Venus oder auf der Sonne) als absichtslose Prozessualität. In diesem anthropoperiphären Denkmodell kommt der Mensch als „Zentrum“ aber doch wieder ins Spiel, wenn es um Politik und Verantwortung für sich selbst geht. Mit dem Menschen übt die Natur eine besondere Form vermittelter Evolution, für die die Robotik eine signifikante (aber nicht singuläre) Metapher ist. In einer im Vergleich zu ihrer kosmischen Laborhaftigkeit winzigen Versuchsreihe auf dem Planeten Erde versucht die Natur die Implikationen des „Wissendwerdens“.

Ethik und Verantwortung

Obwohl in dieser - selbstverständlich kulturdeteminierten - Ansicht alle Kultur nur ein Naturphänomen sein kann, werden damit sozialdarwinistische Modelle nicht zu stützen sein. Ist doch der Biologismus ebenso Teil der „Versuchsreihen der Natur an der reflektierenden Entität“ wie ihr politischer Widerpart - und es ist Sache einer zeitgenössischen Ethik des Menschlichen, die faschistoiden Blähungen vom „Recht des Stärkeren“ und dergleichen zu kurieren. Die Natur des Menschen ist demnach die Natur als Mensch in seiner Sozialität, als „sozjektives“ Projekt, ein Projekt sozialer Subjekte also, die miteinander in unauflöslicher Verbindung stehen.

Das steigert die Verantwortung der Sozietäten und ihrer Subjekte dem Menschen und seinen Entwürfen und Praktiken des Menschlichen - also gegenüber sich selbst und seiner ihn erhaltenden Umwelt - noch einmal. Die Natur probt diese Verantwortung nach aktuellem Wissen ausschließlich am Menschen, und sie entzieht sich damit als Grundlage für die bekannten Ausreden auf ein (rudimentäres) Naturverständnis, das vermeintliche Gesetze der Natur dazu mißbraucht, Herrschaftsstrukturen zu errichten, die auf menschenverachtenden Optimierungsnormen aufbauen.

Der von Kittler mit gutem ethischen Grund wiederholt kritisierte autokratische Schöpfungsgedanke ist in diesem Modell bloß eine Ausformung des Reflektierens der Natur über sich selbst. Obsolet, wenn die den Schöpfungsgedanken propagierenden Herrschaftssysteme durch menschenwürdigere abgelöst werden können. Dann ist der Schöpfer immer noch das, was der Begriff auf gut Österreichisch als ein Küchengerät bezeichnet und als Metapher ein Schöpfen in den Möglichkeitsreservoirs des Denkbaren bedeuten kann: in der Robotik eben die Entwicklung von Automaten als vielleicht einmal als lebendig geltende Spezies. Und diese ist - dem Leiter des Intelligent Robotics Laboratory an der Universität von Osaka Hiroshi Ishiguro, dessen Lecture in der Ars Electronica 09 an die Kittlers anschloß, zufolge - darauf ausgerichtet, die menschliche Natur über den Bau von Androiden zu verstehen.

In der Kultur- und Kunstgeschichte sind diese Mechanismen das Verstehens von den Mythen des Hephaistos und Pygmalion bis zur Coppelia im Ballett gut zu abzulesen. Tanzende Automaten werden forciert im Expressionismus und im Futurismus [3] auf die Bühne geführt. Das Motiv der Coppelia wiederum verbindet sich mit dem der Odile bei „Schwanensee“ als ein Zauber, der die Figur der Ballerina, des erotischen Fetischs in seiner Performance, selbst thematisiert. Denn wovon Kittler in seiner „Automatengeschichte“ spricht, ist die Performanz erotischer Symbole, die in der gesellschaftlichen Rezeption ganz bestimmte Funktionen erfüllen. Sie bevölkern virtuelle Wunschmaschinen, die die Grundlage aller technischen Robotik bilden. Sobald diese Wunschmaschinen in den technischen Automaten angeworfen werden, wird man diese als lebendig bezeichnen können.


Fußnoten:
[1] Paul Feyerabend: „Wissenschaft als Kunst“. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984, S. 8.
[2] vgl. http://www.kunst-als-wissenschaft.de/
[3] vgl. insbesondere Fabio Ciofi degli Atti: „Skené und Kinesis. Avantgardistische Choreografie im russischen Futurismus“, in corpus WIRBELSÄULE: HISTORY.


(5.9.2009)