Unsoziale Kulturpolitik

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Ohne KünstlerInnen gibt es keine Kultur. Daher ist die Art, wie eine Gesellschaft ihre Kunstschaffenden behandelt, ein ausgezeichneter Indikator dafür, wie es um ihr kulturelles und damit auch politisches Klima bestellt ist. In Österreich – aber nicht nur hier – weist dieser Indikator darauf hin, dass das Klima zur Zeit kippt.

Der Hintergrund dieser Krise ist schon lange sichtbar. In Österreich gibt es, wie in den meisten europäischen Ländern, keine funktionierende soziale Absicherung für freie Kunstschaffende. Dieses Problem ist seit Jahren bekannt, und auch in wirtschaftlich besseren Zeiten wurde keine politische Lösung dafür gefunden. Warum eigentlich nicht? Die Antwort ist einfach: Kein Interesse.

Die Konsequenzen sind unschön. Die gesellschaftliche Minderheit der nicht institutionsgebundenen KünstlerInnen muss – abgesehen von einer kleinen Elite – ohne Arbeitslosenversicherung, ohne ausreichende Krankenversicherung und ohne Altersversorgung auskommen. Ohne jene Selbstverständlichkeiten also, die anderen Berufsgruppen ohne weiteres zugestanden wurden und werden, vor allem, wenn sie eine funktionierende politische Vertretung genießen.

Die politischen Vertretungen der KünstlerInnen blicken auf eine im Vergleich zu allen anderen Berufsgruppenvertretungen beispiellose Geschichte des Ignoriertwerdens zurück. Es ist ihnen nicht gelungen, sich im politischen Apparat den nötigen Respekt zu verschaffen, der ihnen die Umsetzung ihrer grundlegendsten Anliegen ermöglicht hätte. Das bisherige Versagen der politischen Verwaltung wiederum liegt darin, dass sie diese Probleme nicht aus eigenem Antrieb zu lösen vermochte.

Investition in die eigene Performance

Die österreichische Kulturpolitik hat es bis heute weder in Wien noch bundesweit geschafft, sich mit den KollegInnen aus den Abteilungen für Sozialpolitik an einen Tisch zu setzen und gemeinsam zu handeln. „Kulturpolitik ist Sozialpolitik“, hat die Wiener Kulturstadträtin (1987 bis 1996) Ursula Pasterk einmal gefordert. Heute ist der Kulturbereich ein sozialpolitisches Desaster. Es zeigt, wie sehr die Politik den Kontakt zu den von ihr verwalteten KünstlerInnen verloren hat. Dies fällt nur deshalb nicht weiter auf, weil diese Politik abgekoppelt von der gesamten Bevölkerung agiert und damit ganz unmittelbar jenen Populisten, die ein wenig billiger Zuwendung vorgaukeln wie einst Jörg Haider und jetzt ein gewisser Herr Strache, Tür und Tor öffnen.

Die Politik behandelt nicht nur ihre KünstlerInnen als „Problemfälle“, sondern auch ganz allgemein die Bevölkerung, für die sie sich doch einsetzen müsste. Vergessen scheint die Tatsache, dass es die Aufgabe der Politik ist, der Bevölkerung zu dienen, und nicht, derselben Schmierenkomödien von einer Qualität vorzuführen, die sie bei Bühnenwerken durch ihre Kuratorien nie fördern lassen würde. Politiker haben mit dem Kontakt zu ihrer Bevölkerung auch das Vertrauen in dieselbe verloren. Daher wird nicht mehr in die Menschen investiert, sondern nur noch in die eigene Performance (hier: als Darstellung von Leistung, die vor deren Tatsächlichkeit rangiert).

Da sich Politiker aber nicht mit Kultur auseinandersetzen, bleiben ihnen die Prinzipien des Kommunikationssystems der politischen Performance ein Rätsel. Ihre Methoden, Inhalte zu generieren, scheitern am Stress der Vermittlung, und das bewirkt Akte der Vermittlung ohne glaubwürdige Substanz, eine Entkoppelung der Darstellung von ihren Tragwerken. Dass dies ein globales Phänomen demokratischer Staaten ist – totalitäre Systeme funktionieren noch einmal anders ausschließlich über Show und Repression –, bedeutet nicht, dass an die politischen Verantwortlichen etwa in Österreich nicht die Forderung gestellt werden darf, es besser zu machen. Und zwar sofort.

Förderung der politischen Kultur

Eingebunkert in ihre Ämter und Ministerien, scheuen sich PolitikerInnen davor, mit ihren Bevölkerungen und mit ihren Kulturschaffenden Kontakt auf Augenhöhe zu pflegen. So werden Wahlen substanzlos öde gewonnen oder verloren, so verliert nun umgekehrt die Bevölkerung das Vertrauen zu und das Interesse an jenen, die für die Organisation der Gesellschaft verantwortlich sind.

Aufgabe der Kulturpolitik ist es nun, dem Gesamtapparat der Verwaltung die Erkenntnisse der Kulturschaffenden, der KünstlerInnen, Intellektuellen und WissenschaftlerInnen einer Gemeinschaft zu vermitteln. Das heisst aber, dass sich die damit befassten BeamtInnen und PolitikerInnen auch Fähigkeiten aneignen müssen, die Erkenntnisse aus der Dynamik der Kultur zu analysieren und zu verstehen. Sie müssen lernen, dass Kulturförderung kein von der Gesamtheit politischen Handelns abgehobenes Budget- und Verteilungsproblem ist, sondern ein politischer Akt zur Förderung der politischen Kultur, also, wenn man so will, eine Investition in den Denkapparat der Verwaltung.

Kunst ist heute die Basissubstanz dafür, was auf einer bereits zweckorientierten Ebene „Kreativität“ genannt wird. Weil Kunst mit anderen, nicht utilitaristischen logischen Systemen operiert und damit ein permanent aktives Grundlagenlabor darstellt, aus dem sich allgemein kreatives Handeln speist. Ohne ein Maximum an konkreter Kreativität zu aktivieren, das sagt schon die Bildungskoryphäe Sir Ken Robinson, werden sich aber die gewaltigen Probleme, in denen sich die Welt jetzt befindet, nicht lösen lassen.

Eine Politik, die sich hauptsächlich darin – im wahrsten Sinn des Wortes – erschöpft, irgendwie gut dazustehen, hat keine Substanz zur Lösung dieser Probleme. Die KulturpolitikerInnen in demokratischen Staaten haben also eine ganz konkrete Aufgabe: das gesamte politische System zur Aufnahme neuer Ideen, einer neuen Inhaltlichkeit und neuer Lösungsansätze zu öffnen. Das bedeutet aber nicht, dass KünstlerInnen und ihr Arbeiten einfach zu politischen Zwecken instrumentalisiert werden sollen. Sondern vielmehr, dass es Kommunikationswege geben muss, über die Übersetzungsarbeit zwischen unterschiedlichen logischen Systemen geleistet wird: etwa von Kunst und Wissenschaft zum „Kreativsektor“ der Politik.

Affirmation oder Problembewältigung

Die Kulturpolitik wird sich dazu durchringen müssen zu akzeptieren, dass es keine „elitäre“ Kunst gibt und dass in der Wissenschaft „Orchideenfächer“ nicht existieren, weil sich künftige Verankerungen von Außenseiterpositionen nicht vorhersagen lassen. Sie wird sich außerdem dafür entscheiden müssen, ob sie populistische Kunst und Wissenschaft zur Affirmation ihrer gegenwärtigen Leerläufe unterhält oder ob sie deren avancierte Laboratorien zur Bewältigung der massiven Problemfelder in den heutigen Gesellschaften zu nutzen versteht.

Ganz neu wird sie sich also orientieren müssen, die Kulturpolitik in dieser Gegenwart, wenn sie sich aus ihrem Abseits manövrieren will. Und sie wird damit beginnen müssen, die KünstlerInnen aus deren Bittstellerdasein zu holen, sie sozial gerecht abzusichern, ihr diskursives Umfeld zu stärken und von ihrer Arbeit zu lernen. Und dann, aber erst wirklich danach, kann sie sich den Luxus leisten, in irgendwelche Neubauten wie Museen und Stadtschlösser oder dergleichen Spektakel zu investieren.

Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny lädt am Mittwoch zu einem kulturpolitischen Kongress unter dem Motto „Wien denkt weiter“. Das vorab publizierte Thesenpapier stellt, freundlich formuliert,  die Vorform eines Erstentwurfs für eine Basis dar, auf der eine zukunftorientierte Kulturpolitik fußen könnte. Hastig aus Gesprächsprotokollen zusammengeschustert, zeigt dieses nicht ganz unpeinliche Textwerk vor allem die Krise auf, in der sich die Kulturpolitik heute noch befindet. Aber immerhin könnte der Kongress am 16. Juni im Wiener Odeon – trotz seiner unglücklichen Positionierung so knapp vor den Wiener Wahlen im Herbst – doch ein Stein des Anstoßes sein, der über schlichte Wahlwerbung hinausgeht. (Helmut Ploebst)


Wien denkt weiter – der Kongress: Programm unter www.wien-denkt-weiter.at/kongress/
Eine Anmeldung ist vom Veranstalter erwünscht unter Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. .

(15.6.2010)