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FRAGEN UND ANTWORTEN ZUM VERSAMMELN, ORDNEN, PRÄSENTIEREN, VERMITTELN VON KUNST
Von Beatrice von Bismarck
Kuratorisches Handeln leitet sich ab von dem Begriff des „Kurators“, der ganz allgemein einen Verwalter und spezifisch im Kunstfeld den Kustos musealer Sammlungen bezeichnet. Entsprechend der etymologischen Bedeutung, die auf das lateinische „curare“ (in deutscher Übersetzung: „sorgen“) zurückgeht, war der Kurator verantwortlich für das Sammeln, Ordnen, Bewahren und Vermitteln von Objekten, die sich in der Obhut einer Kunstinstitution befinden.
Prototyp des „freien Kurators“
Das professionelle Profil begann sich seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert im Zuge des damals entstehenden Museums- und Ausstellungswesens zu entwickeln. Eine zusätzliche Schärfung erhielt es nach 1945 im Zuge der schnell wachsenden Zahl sammelnder und ausstellender Kunstinstitutionen sowie des sich stark erweiternden Kunstmarkts. Professionalisierung und Ausdifferenzierung im Kunstfeld ließen den Begriff „Kurator“ zu einer inhaltlich und hierarchisch strukturierten Berufsbezeichnung werden.
Das Aufkommen des „freien Kurators“, der nicht mehr als Festangestellter ausschließlich für eine Institution tätig ist, sondern seine Arbeit auf dem international vernetzten und inhaltlich weitgefächerten Ausstellungsmarkt anbietet, lässt sich als eine strukturelle Folgeerscheinung dieser Entwicklung verstehen. Harald Szeemann (1933-2005) gilt als Prototyp und Musterbeispiel dieser neuen Berufsgruppe. Seine Stellung begründend war die Ausstellung Wenn Attitüden Form werden, die er 1969 noch als Direktor der Berner Kunsthalle organisierte und die ihn als Leiter der documenta 5 empfahl.
Erstmals in der Geschichte dieser Kasseler Großausstellung legte er für sie eine thematische Ausrichtung fest - Befragung der Realität - Bildwelten heute -, eine Vorgehensweise, die bestimmend auch für seine eigene weitere, als „geistige Gastarbeit“ verstandene kuratorische Praxis bleiben sollte. Die Ausstellung wurde - vergleichbar etwa mit den Rauminszenierungen Marcel Duchamps für die Surrealisten - zum Werk, der Kurator zum Impresario, zum „Auteur“ im Sinne des französischen Autorenfilms. In zeitlicher Parallele integrierte die künstlerische Praxis zunehmend selbst das öffentliche Auftreten.
„Kuratieren“ auch im Tanz
Die Tätigkeitsbeschreibung des „Kuratierens“ gewinnt im Kontext dieser Entwicklungen ihre Unabhängigkeit von der Berufsbezeichnung. Von den Aufgabengebieten, die ursprünglich an den institutionell verankerten Posten des Kurators in Kunstinstitutionen gebunden waren, stellt das Kuratorische vor allem die Vermittlung in den Vordergrund. Mit dem Ziel, für kulturelle Materialien, Informationen und Verfahren eine Öffentlichkeit zu schaffen, sie rezipierbar werden zu lassen, wird die Ausstellung - verstanden als interdisziplinär gefasster Aufführungsraum - zum zentralen Medium. In dem Zusammenhang besitzt kuratorisches Handeln nicht mehr allein im Kunstfeld, sondern gleichermaßen für Tanz, Theater und Film oder die Sozial-, Geistes- oder Naturwissenschaft Relevanz.
Es löst die KuratorInnen aus der vormaligen Unsichtbarkeit der eigenen Position heraus, verschafft ihnen einen in der Institution ansonsten unüblichen Freiraum und ein den KünstlerInnen nicht unähnliches Prestige. Kuratorisches Handeln erweist sich als eine Praxisform, derer sich KuratorInnen bedienen können, aber auch alle anderen im kulturellen Feld tätigen Akteure. KünstlerInnen unterschiedlicher Disziplinen, KritikerInnen, GaleristInnen, DramaturgInnen oder WissenschaftlerInnen nicht nur aus den angestammten Bereichen der Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft, sondern auch der Philosophie etwa, der Literatur-, Theater- und Tanzwissenschaft, der Ethnologie oder Soziologie stehen die Verfahren des Kuratorischen ebenso zur Verfügung, um an Prozessen der Bedeutungsproduktion teilzunehmen.
Sind soziale und organisatorische Kompetenz auch grundlegende Fähigkeiten von KuratorInnen, gründet sich ihr Renommee doch maßgeblich auf ihren symbolisierenden Fertigkeiten. Wie kaum eine andere Profession im kulturellen Feld definiert sich kuratorische Praxis dadurch, dass sie Zusammenhänge herstellt. Die Akte des Sammelns oder Versammelns, Ordnens, Präsentierens und Vermittelns - die berufsspezifischen Grundaufgaben von KuratorInnen - beziehen sich auf Objekte unterschiedlichster Herkunft, Informationen, Personen, Orten und Kontexten, zwischen denen sie Bezüge herstellen.
Ein Zustand des „Werdens“
Die Möglichkeiten dieser Bezüge sind vielfältig und immer wieder neu konstruierbar. Die zusammengestellten Materialien und Informationen befinden sich als kuratierte in einem Zustand des „Werdens“, sie gewinnen wechselnde und dynamische Bedeutungen im Verlauf von Prozessen der Verknüpfung. Die bedeutungsstiftenden Verfahren des Auswählens, Zusammenstellens, Ordnens und Vermittelns bestimmen über die jeweilige Position im aktuellen Diskurs.
Repräsentationskritische Ansätze, geprägt durch Fragestellungen und Methoden der Postcolonial- und der Gender-Studies, lieferten dafür in den neunziger Jahren den maßgeblichen diskursive Rahmen. Für das Zeigen zeitgenössischer Kunst, aber auch kulturhistorischer, ethnographischer oder anthropologischer Sammlungen galt es, im Umgang mit Materialien, Orten und Personen die Interessen der verschiedenen in den Entstehungsprozess und das ausgestellte Ergebnis Involvierten einzubeziehen. Das beinhaltete, sowohl Konflikte als auch Hierarchien und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Beteiligten sichtbar werden zu lassen und Perspektiven zu deren Veränderung anzulegen.
Dass die Praxisformen des Kuratorischen auch in den Konkurrenzkämpfen um die Definitionsmacht zum Einsatz kommen, die über Ein- und Ausschlüsse im Kunstfeld entscheidet, veranschaulicht der Umgang mit dem Berufsbild des Kurators seit den achtziger Jahren. Die einsetzende De-Professionalisierung, die Personen mit unterschiedlichsten Ausbildungen und professionellen Hintergründen den Zugang zum Beruf des Kurators ermöglichte, wurde seit den neunziger Jahren mit der Einrichtung von Kuratorenlehrgängen an verschiedenen westeuropäischen und nordamerikanischen Standorten - in Grenoble etwa, in Amsterdam, London, New York, Annandale-on-Hudson, Zürich und Wien - beantwortet.
„Kulturen des Kuratorischen“
Der im Herbst 2009 eingerichtete Studiengang „Kulturen des Kuratorischen" an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig nimmt diese Perspektivierungen kuratorischer Arbeit auf, um von hier aus sowohl der disziplinären Ausweitung und Entgrenzung kuratorischer Praxis als auch der Globalisierung des kulturellen Felds Rechnung zu tragen (http://www.kdk-leipzig.de/). Das Studienprogramm zielt nicht nur darauf, Methoden der Konzeption, Organisation und Durchführung kuratorischer Projekte zu vermitteln, sondern ebenso die theoretischen Mittel zur Analyse, Erörterung und Weiterentwicklung von Ausstellungen sowie anderen Formen der Kulturvermittlung.
In transdisziplinär angelegten Seminaren, Workshops, Vorträgen und Exkursionen befassen sich Lehrende und Studierende mit den historischen und aktuellen Verhältnissen, den Bedingungen und Potentialen, die das Kuratorische als eine eigene Methode der Generierung, Vermittlung und Reflexion von Erfahrung und Wissen herausgebildet hat. Welche Relevanz besitzt das Kuratorische im kulturellen Feld unter den Bedingungen der Globalisierung? Wie verhalten sich Verfahren, Strategien und Effekte des Kuratorischen, zu denen der Künste und Wissenschaften? Wo liegen Gemeinsamkeiten oder Perspektiven des gegenseitigen Austauschs? Welche Eigenheiten zeigt das Kuratorische in den Einzelkünsten und welche Formen nimmt es in unterschiedlichen Kulturen an? Welche Funktionen kommen dem Kuratorischen in den jeweiligen ästhetischen, gesellschaftlichen oder ökonomischen Zusammenhängen zu? In einer Durchdringung von Theorie und Praxis sind es Fragen wie diese, denen sich das Programm des Masterstudiengangs „Kulturen des Kuratorischen“ in Leipzig widmet.
Hinweis der corpusRedaktion: Tagung Kulturen des Kuratorischen, 22.-24. Januar 2010 Mit Daniel Birnbaum, Gabriele Brandtstetter, Liam Gillick, Hannah Hurtzig, Maria Lind, Marion von Osten, Raqs Media Collective, Dorothee Richter, Irit Rogoff, Barbara Steiner, Nora Sternfeld, Hito Steyerl, Anton Vidokle, Tirdad Zolghadr. Konzept: Beatrice von Bismarck, Jörn Schafaff, Thomas Weski
„Hintergrund der Tagung ist die Beobachtung, dass die Verhältnisse und Bedingungen, unter denen kulturelle Objekte und Informationen präsentiert und rezipiert werden, im Verlauf des 20. Jahrhunderts zunehmend in den Fokus künstlerischer und anderer kultureller Praktiken gerückt sind. Zwischen Kunst und Wissenschaft bildeten sich Handlungsweisen, Formate und Ästhetiken heraus, die sich unter dem Begriff des Kuratorischen fassen lassen - auf ähnliche Weise, wie man vom Literarischen oder Filmischen spricht. Mit Aktivitäten, die unter anderem als Organisation, Zusammenstellen, Ausstellen, Display, Präsentation, Vermittlung oder Veröffentlichungen gefasst werden, umfasst das Kuratorische eine Vielzahl unterschiedlicher, einander überlappender und heterogen codierter Aufgabenbereiche und Rollen. Im Umgang mit ihnen hat sich seitens der verschiedenen Akteur/innen im Feld ein breites, jeweils historisch, disziplinär, professionell und regional geprägtes Spektrum von Ansätzen entwickelt.“ (http://www.kdk-leipzig.de/veranstaltungen.html)
Die Tagung findet überwiegend in englischer Sprache statt. Anmeldung ist nicht erforderlich. Eintritt frei. Beginn: Freitag, 22.01.2009, 14 Uhr Tagungsort: Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Wächterstraße 11, 04107 Leipzig
(29.12.2009)
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