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"ONE DOLLAR ONE DOLLAR": Martina Ruhsam, Vlado G. Repnik, Igor Štromajer, Stefan Messner & Valerie Plame
Von Lisa Schmidt
Nur über Umwege gelangt der Zuseher zu seinem Platz, den er alsbald auch schon wieder verlassen soll. „We had a little problem and would ask you to help us." Man solle über noch nicht mit Kleidung belegte Plätze einfach ein eigenes Kleidungsstück legen, denn es habe nicht genug Pullis und Jacken gegeben, um alle Stühle damit zu besetzen, was eigentlich das Ziel gewesen sei. Denn der Raum für die Zuschauer ist erst einmal die Bühne.
Stille. „Muss ich jetzt tanzen?", fragt eine Frau ängstlich. Leise beginnt Frank Sinatras „My Way" aus den Lautsprechern zu klingen. Das Publikum zeigt sich kaum irritiert, einige Leute beginnen angeregt miteinander zu plaudern. Doch als die Besucher bemerken, dass sie von zwei Personen (die nicht im Programmheft angekündigt sind) dabei gefilmt und somit zu Objekten, von Betrachtern zu Betrachteten werden, scheint doch der eine oder andere verunsichert zu sein.
Der Raum des dietheater Künstlerhaus wirkt wie ein Labor: grelles Licht, Computer, viele Kabel und umhergehende Performer, die den Versuchsablauf zu steuern versuchen. Song aus. Dunkel.
Das Geld
Von oben herab wird eine Geldnote auf den weißen Boden projiziert: One Dollar. Und der zweite? Eine computeranimierte Stimme beginnt zum Publikum zu sprechen. Monoton spricht der virtuelle Mann über verschiedene Formen von „fiction", zählt diese auf und erläutert sie. Doch plötzlich: „Fiction four... I forgot." Ist der Computer doch nur ein Mensch? Oder sind die Menschen alle schon wie von einem Computer gesteuert?
Das Prinzip von Verwirrung - vermeintlicher Aufklärung - erneuter Verwirrung zieht sich von Beginn an wie ein roter Faden durch den Abend, ob beabsichtigt oder nicht. Auch die Videokonferenzen mit „Igor", in denen das Publikum Fragen an den per Video-Internet-Telefonie Zugeschalteten richten kann, lichten den Schleier der Wirrungen nicht, auch wenn dieser klarzustellen versucht: „Location is a fiction". Ist der Mann nun auch nur animiert, bzw. aufgezeichnet und abgespielt, oder sitzt er wahrhaftig in diesem Moment in einer Küche und kommuniziert mit den Anwesenden der Perfomance?
Die Leinwand
Auf der Leinwand, die im Zuschauerraum von der Decke über der leeren Bestuhlung hängt, wird eine Slideshow von Fotos gezeigt mit der Überschrift: „Blank_Protest". Die schwarz-weißen Bilder zeigen die Performer auf dem New Yorker Times Square mit Protestschildern die einfach nur „blank" sind. Protest für ein Nichts, das im Gegensatz zu der Flut von Bildern und Leuchtschriften steht. Zwischen den einzelnen Fotos gibt es auch für die Zuseher viel weiße Leinwand zu bestaunen. Doch sind sich diese der Komplexität dieses leuchtend weißen Bildnisses bewusst, hinter dem sich alle Farben des bunten Times Squares verbergen? Die Zuseherin, die ihre Sachen von den Stühlen zusammensucht, die zufällig direkt hinter der Leinwand stehen, ist sich bei ihrem Fluchtversuch wahrscheinlich nicht bewusst darüber, dass sie gerade mit diesem stillen Protest den „Blank_Protest" zu verstärken scheint. Sie erscheint als mysteriöser Schatten mitten auf der von allen betrachteten Bildfläche und wird damit erst recht zu einem bedeutenden Teil des Ganzen.
Das Experiment
Nachdem eine japanische Fremdenführerin den Theaterraum wie ein historisches Gebäude zu vermitteln versucht - auf Japanisch! -, wird das Publikum von ihr trotz der sprachlichen Kommunikationsschwierigkeiten erfolgreich zu den Tribünenstühlen geführt: Der zweite Teil der Performance beginnt. Der Zuschauer wiegt sich in Sicherheit, während er Martina Ruhsam bei einer Soloperformance zusieht. Doch es stellt sich schnell heraus (vielleicht zu schnell?), dass auch dies nur eine kurze Pause der Verwirrung ist. Die Zuschauer werden zum Publikum einer TV-Aufzeichnung - eine Anlehnung an die Performance „Take One" von Ruhsam aus dem Jahr 2004.
Ein gewagtes Experiment, ein Kampf der Gleichberechtigung, also ein Angebot an den Zuseher, doch der findet wegen der etwas hastigen Vorangehensweise der Performer kaum Gelegenheit, sich darauf einzulassen.
[Siehe auch SHORTCRITS ]
(24.3.2007)
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