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KURIOSE MEDIENERSCHEINUNGEN ANLÄSSLICH DES BERLINER FESTIVALS TANZ IM AUGUST 2009
Von Helmut Ploebst
Zwei Begleiterscheinungen zu dem diesjährigen Berliner Festival Tanz im August zeigten eine tiefe Krise an - nicht etwa der zeitgenössischen Choreografie, sondern in deren massenmedialer Reflexion. Nun ist die Tanzpublizistik wohl eine der schwierigeren Disziplinen im Feuilleton, schon gar jene über die komplexen und extrem vielfältig gewordenen Formen des Gegenwartstanzes. Aber in Deutschland gibt es durchaus kompetente Autorinnen und Autoren, die sich darin sehr wohl bestens orientieren können.
Ganz besonders deutlich zeigt sich diese Krise im Fernsehen, wenn es versucht, sich mit Tanz auseinanderzusetzen. Und hier ist nicht etwa der kunstvergessene Privatsendersektor gemeint, sondern vielmehr das Duo „gehobener“ Kultursender arte und 3sat. Da wird schon einmal auf Wissen verzichtet und die deutsche Ikone Mary Wigman kurzerhand nach Amerika übersiedelt wie vor kurzem in der Sendung Kulturzeit bei 3sat, oder es werden wichtige Strömungen der zeitgenössischen Choreografie jahrelang verschlafen wie der einflußreiche tänzerische Konzeptualismus - sowohl bei arte als auch bei 3sat.
Oberflächenkult
Dies deutet auf eine tiefere Problematik der Kunstpublizistik hin. Weil das etablierte deutsche Feuilleton allzu bequem in einst bewährten oder schlicht spektaklistisch neoliberalen Kunstideologien ruht, sodaß es allzu leicht den Verführungen von Geniekult und Starglamour erliegt, vermag es seine Themen kaum je über künstlerische Inhalte aufzubauen. Hier dominiert ein Profitdenken in zweierlei Hinsicht. Einmal in der Annahme, daß sich die mediale Personality Show am besten verkaufen läßt, und zum anderen in dem Schluß, daß sich der politische Gehalt einer künstlerischen Formulierung unbedingt bereits an deren Oberfläche ablesen lassen müsse.
Das Ergebnis ist ein Überangebot an langweiligen Interviews und ein ebenso fader Personenkult, der zwar kunstmarktfreundlich ist, an den Inhalten künstlerischer Arbeiten und an dem Politikum der Lektüre von Kunst aber überwiegend vorbeiführt. Das heute dominierende Verständnis davon, was „politische“ Kunst sei, ist immer noch in Stereotypen verankert, die in den Nachkriegsgesellschaften gebildet wurden, als das Schwarz-Weiß-Denken noch geholfen hat. Das Regietheater kompromittierte den bürgerlichen Bewahrungskanon mit neuen Formsprachen, über die antiquiertes Kulturgut aus der Reserve gelockt und ganz neu gesehen werden konnte.
Mittlerweile gehört das gute alte, politisch korrekte Regie-Skandalon zum Menüplan eines liberalen Establishments. Im Theater wirkt es daher bloß noch manieriert, und in der Unterhaltungsindustrie von Film und Fernsehen funktioniert es auch nur dann, wenn die medientypische Hybris von Spektakel und Aufklärung für zusätzliche Spannung sorgt. Das wurde bemerkt und mit einer Maßnahme quittiert, die nicht nur genützt hat: das Kunstfeuilleton verwandelte sich in ein Kulturfeuilleton, in dem sich politische Verhältnisse noch einmal anders darstellen lassen als in den Politikredaktionen.
Ausblendungspublizistik
In der darstellenden Kunst passierte indes ein Paradigmenwechsel weg vom dramatischen zum „postdramatischen“ Theater, von Ballett-Expressionismus-Tanztheater zu wesentlich komplexeren choreografischen Methoden. Vor diesen Phänomenen nun begann die Kulturpublizistik, die sich auf die Performance des Politischen im Allgemeinen hatte hinlenken lassen, einzuknicken. Daß im Tanz nicht mehr „getanzt“ wurde, wie Krethi und Plethi aus dem E-Segment sich das eben so vorstellten, wurde nicht als Politikum gelesen, sondern mit Verachtung quittiert. Aber weil der Tanz eben nicht ganz so ernst genommen wurde, durfte er sich, sozusagen im medialen Untergrund, doch freier weiterentwickeln als dies im Rampenlicht stehende Künstle konnten. In der Literatur hingegen käme etwa ein Buch wie Finnegans Wake heute gar nicht mehr auf den Markt. Und im Film zum Beispiel hat jede Form, die nicht das Erzählformat bedient, keine Chance auf mediale Reflexion. Fazit: die Kulturpublizistik bedient von vornherein populäre künstlerische Methoden und gerät dadurch in die Verlegenheit, das strukturell politische Element von Kunst, nämlich die Veränderung der Rezeptionsstrategien des Publikums weg von jenen, die die Unterhaltungsindustrie vorgibt, auszublenden.
Und es wirkt ein wenig wie der Versuch einer Kompensation dieses Defizits, wenn Kunst medial so zurechtgebastelt wird, wie man sie zu brauchen glaubt. Mit dem Beitrag „Urban Ballet“, den arte während des Festivals Tanz im August ausstrahlte (und auch dort präsentierte) lieferten die AutorInnen Brigitte Kramer und Jörg Jeshel ein Musterbeispiel für diese Tendenz. In der Anmoderation bei arte hieß es lüstern: „Nun schwebt ganz Berlin auf einer Wolke!“, und Tanz im August habe seit 1988 Tanz zwischen klassischem Ballett und Urban Dance gezeigt. Diese nichtssagend hedonismuskonformen, billig klischierenden Floskeln versprechen eine Reduktion von Gegenwartstanz auf das Ballett, dem es ja einst daran gelegen war zu wirken, als schwebten seine Tänzer und Konsumenten wie auf Wolken.
Was folgt, ist eine neckisch montierte Mischung von Spring- und Drehübungen einer Auswahl von Künstlern, die bei Tanz im August von 2008 (!) auftraten. Ballett im Bahnhof, Nackedeis im Park, Hip-Hopper auf der Brücke, Hiroaki Umeda unter der Brücke. Inszeniert von den Filmern, gestellt, gezwungen, aus allem Kontext gerissen. Der eine oder andere Tänzer durfte eine Wortspende abladen, der eine oder andere Choreograf den Kasperle spielen. Am Ende ist es ein überlanger Promo-Clip für ein Festival geworden, das bei Ausstrahlung des Films am 24. August 2009 ein Jahr lang vorbei war und über Tanz im August 2009 nichts zu melden hatte.
„Ausdruckstanz“?
Und auch das Wochenblatt Die Zeit wußte nichts über Tanz im August oder den Gegenwartstanz zu berichten, also erfand sie einen „afrikanischen Ausdruckstanz“, nach dem Seydou Boro und Salia Sanou aus Burkina Faso, die das Festival eröffneten, angeblich suchen. Als ob es keine politischen Diskurse gäbe, kolonisiert das Medium am 20. August 2009 zeitgenössischen afrikanischen Tanz mit einem historischen europäischen Gattungsbegriff.
Der Autor des Artikels behauptet: „Die europäischen Bühnen lechzen seit Langem nach Veränderung, nach einem Tanz, der nicht inzestuös immer wieder sich selbst thematisiert und reproduziert, sondern dem Politischen, dem Emotionalen Ausdruck verleiht.“ So wie das Bild von den Bühnen, wie sie europaweit lechzen, sprachlich mißlungen und wirklichkeitsfern ist, muß sich Die Zeit wohl eingestehen, daß sie die vergangenen 20 Jahre, in denen der Tanz sich gerade von seiner Selbstreferentialität weitgehend befreit hat und dezidiert politisch geworden ist, tanzfeuilletonistisch durchgeschnarcht hat. Und woher die Information stammt, daß der „europäische Kunsttanz (...) sich wesentlich aus afrikanischen Einflüssen vom Ballett emanzipiert hat“, wäre richtig spannend zu wissen. Aus dem Traumtagebuch des Autors Sven Behrisch - wesentlich?
Wenn Medien, die sich ja nicht dem Boulevard zurechnen, damit beginnen, sich die Wirklichkeit derart selbst herbeizuinszenieren und das noch dazu mit einem so verblüffenden Mangel an Kompetenz, dann ist es Zeit, ernsthaft nachzudenken. Über Verantwortung, das Politische und das Wesentliche. Warum gerade arte, 3sat und Die Zeit die progressive Choreografie und den Paradigmenwechsel des Tanzes in den beiden Jahrzehnten vor und nach der Jahrtausendwende konsequent ignoriert haben? Warum sie jahrelang nur veraltete Tanz-Ästhetiken kommunizierten? Darüber gibt es immer noch keine verwertbaren Belege und Aussagen.
Das diesjährige Berliner Tanzfestival jedenfalls war klug kuratiert und hätte eine ebenbürtige Reflexion durch die anspruchsvolle deutsche Kulturpublizistik verdient. Vielleicht geht das ja schon im kommenden Jahr besser.
(3.9.2009)
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