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DIE GROSSEN WEISSEN FLECKEN IN EINEM "ATLAS" DER PÄDAGOGIK
Von Helmut Ploebst
Kein Zweifel, der „dtv-Atlas Pädagogik“ von Franz-Peter Burkard und Axel Weiß ist vor allem für Laien eine gut strukturierte, informative und navigationsfreundliche „Lernhilfe“. Pädagogische Konzepte von der griechischen Antike bis zur Gegenwart werden in kurzen, anschaulichen Texten und mit einleuchtenden grafischen Modellen so dicht dargestellt, daß man das Buch gar nicht zur Seite legen möchte.
Die Atlas-Reihe des Deutschen Taschenbuchverlags greift Themen wie Anatomie, Musik und Namenskunde genauso auf wie Keramik und Porzellan, Pathophysiologie und Stadt. Ein eher buntes denn systematisch schlüssiges System, das gerade dadurch auch einen alerten Charme besitzt. Im Verlagsprogramm auf der dtv-Website heißt es:
„Ursprünglich v.a. für Schüler und Studenten gedacht (Geschichte, Biologie, Physik), entstanden im Lauf der Jahrzehnte zunehmend Atlanten für den allgemein interessierten Leser (Astronomie, Namenkunde, Bibel), die auch vom Format her Rücksicht auf die Bedürfnisse der älteren Leser (größere Schrift!) nehmen, während das kleine Taschenformat den ausgesprochenen Schulfächern vorbehalten bleibt (Schulmathematik). Dass Schüler den Wert der dtv-Atlanten zu schätzen wissen, zeigt folgendes Zitat aus Jens Petersens Roman Die Haushälterin: ,In der Schule meldete ich mich während jeder Stunde zweimal, sagte etwas Richtiges - das war nicht schwer, wenn unter der Bank ein aufgeschlagener dtv-Atlas lag - und schaffte es so, von den Lehrern in Ruhe gelassen zu werden.‘“
Nun können die Schüler auch etwas über das Fachgebiet erfahren, das sich als übergreifendes Konzept durch eine Institution zieht, die sie mindestens acht, oft zwölf oder im Fall eines Studiums auch 16 Jahre oder länger beherbergt: die Lehranstalt. Das Fachgebiet heißt Pädagogik. Die Verfasser widmen das Buch vor allem Studenten, Berufspädagogen und Eltern und legen besonderen Wert auf eine historische Darstellung des Themas, wie sie im Vorwort schreiben: „Die Beschäftigung mit der Geschichte des Erziehungsdenkens erscheint dringend notwendig, um zu vermeiden, dass ein bereits erreichter Problemstand vergessen und längst erkannte Irrwege wieder begangen werden.“ Das im Mai 2008 erschienene Buch enthält eine umfängliche Literaturliste für jene, die ein bestimmtes Spezialgebiet vertiefen wollen, was aufgrund der notwendig knappen Darstellung vielfach sinnvoll erscheint.
Umfassende Ausblendung
Was allerdings während der Lektüre und der Überprüfung der Anlage dieses Atlanten auffällt, ist die Beschränkung auf die Darstellung von pädagogischen Konzepten ausschließlich der westlichen Hemisphäre. Dabei ist anzunehmen, daß die beiden Autoren sich nicht für eine monokulturelle Anlage ihrer Arbeit entschieden haben, weil sie mit Absicht ausgrenzen wollten, sondern daß diese Eigenschaft des Buchs die Folge eines gesellschaftlichen Phänomens im Zusammenhang mit unbewältigtem Verhältnisdenken zwischen verschiedenen Kulturen darstellt. Interkulturelle Pädagogik wird zwar kurz angeschnitten (S. 193), aber die Darstellung pädagogischer Ideen etwa aus dem arabischen oder asiatischen Raum oder aus nichtdominanten Kulturen wird umfassend ausgeblendet.
Ein Pädagogik-Atlas mit großen weißen Flecken auf seinen Landkarten, wie sie heute eigentlich nicht mehr existieren dürften. Den LeserInnen stellt sich sofort die Frage danach, wie die Geschichte etwa der chinesischen Pädagogik aussehen mag, oder jene aus der Blütezeit der arabischen Kultur, oder die Lernsysteme im Japan vor und nach seiner Öffnung gegenüber dem Westen. Wie funktioniert die Pädagogik in verschiedenen Kulturen ohne Schrift? In welcher Form haben westliche Modelle von Lehre und Lernen auf andere Kulturen Einfluß genommen und wie hat sich der Kolonialismus in den Pädagogiktransfer eingeschrieben?
Eine zweite Schwachstelle ist die mangelnde Aktualität des Bandes: So wird etwa die Auseinandersetzung über das Spannungsverhältnis zwischen interkultureller und transkultureller Pädagogik nicht angerissen, und das, obwohl der Unterricht von Kindern und Jugendlichen „mit Migrationshintergrund“ seit Jahren praktiziert wird, und offensichtlich überhaupt nur über die Ausbeutung von Lehrern stattfinden kann, denen weder die Ressourcen noch die Ausbildung noch ein schlüssiges Konzept für die Praxis zur Verfügung gestellt werden. Die Folgen für die Integration junger MigrantInnen sind verheerend: Über mehrere Generationen leben sie bereits in doppelter Entfremdung, jener von ihrer Herkunftsgesellschaft und jener von der Gesellschaft, in der sie leben.
Wenn heute von der altgriechischen Erziehung die Rede ist wie zu Beginn dieses Buchs, dann über eine Zeitdistanz von zweieinhalbtausend Jahren in einer Kultur, die mit der unseren nur über Erzählungen verbunden ist. Das ist sehr interessant und der traditionellen Historiografie folgend auch logisch, aber gerade hier wird eben ein Diskurs der Abgrenzung nach außen hin verstärkt. Und zwar im Sinne eines überholten Bildungsprinzips, das sich seit begin der Neuzeit bei den alten Griechen verankerte. Und das erscheint heute doch als einigermaßen schrullig.
Franz-Peter Burkard / Axel Weiß: „dtv-Atlas Pädagogik", München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2008.
(29.3.2009)
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