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Lichter des Aufstands

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EINE DIFFUSE ANEINANDERRREIHUNG HALTLOSER BEHAUPTUNGEN ALS ERGEBNIS EINES BESUCHS BEI DER "AGENTUR DES VERHINDERNS" VON JULIUS DEUTSCHBAUER IM WIENER KÜNSTLERHAUS.

Von Helmut Ploebst


„Gesegnet, wer ihn ehrt den Stein; / Verflucht, wer rührt an mein Gebein.“ So lautet die Einladung Shakespeares, sein Grab zu öffnen, deren Worte genau dieses Öffnen verhindern. Es ist ein Spiel, eine Herausforderung des Dichters oder jenes, der diesen Dichter erfunden hat. Eines Dichters jedenfalls, der in seinem Stück „Wie es euch gefällt“ mit der Behauptung herausplatzt beziehungsweise herausplatzen läßt: „Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler.“ Der Dichter wußte freilich, daß das Gegenteil richtig ist, daß nämlich alle Bühnen Welt, also Wirklichkeit sind, und daß alle Frauen und Männer in Wahrheit von dieser Wirklichkeit Gespielte sind.

Es wäre nun näher zu untersuchen, warum Edward deVere Earl of Oxford [1] die Existenz des Theaters, wie es sich selbst vorstellt, dadurch verhinderte, daß er die künstliche Figur des William Shakespeare auftreten ließ, in deren Maske er so tat, als gäbe es einen Bühnendichter dieses Namens. Es hätte so schön sein können: Wahrer Dichter, wahre Kunst. Aber nein, es durfte nicht sein. Der Schock wirkt bis heute nach. Immer noch verhindert der Glaube an das Theater die Einsicht, daß es dieses Theater ein reales Phantasma ist und daß jedes Stück bloß die Spitze des Eisbergs seiner Implikationen darstellt.

Weltuntergang in den Jahren 1613 und 1642

Julius Deutschbauers „Theater des Verhinderns“ kann m. E. nur unter dieser Voraussetzung gelesen werden. Als Theater in einer Gesellschaft, die das Theater nicht als Realität erkennt und die utilitaristische Fiktionalität des Vorgegebenen - der Gesetze im weitesten Sinn, der Parlamente, der Firmenzentralen, der Medien und so fort - als solche auch nicht. Der Einäscherung des Globe Theatre (erbaut 1599, Bankside/London) im Jahr 1613 durch einen Kanonenschuß bedeutete das Ende der Welt (es war das Jahr der sogenannten „Thüringer Sintflut"). Schon im Folgejahr war das „Globe" wiederaufgebaut, wurde aber 1642 (dem Todesjahr von Galilei, dem Jahr des Ausbruchs des Englischen Bürgerkrieges und sechs Jahre vor Ende des verheerenden Dreißigjährigen Krieges) in Folge eines Regierungsbeschlusses wie alle Londoner Vergnügungsstätten zugesperrt und zwei Jahre später abgerissen. [2] 1997, als Mutter Teresa starb, wurde es in einer Rekonstruktion wiedereröffnet.

Kenntnisreich führt Deutschbauer die BesucherInnen seiner Agentur des Verhinderns (einer Ausgeburt des „Theaters des Verhinderns“) durch die als rekonstruktive historische Ausstellung „Kampf um die Stadt - Politik, Kunst und Alltag um 1930“ getarnte große Dokumentation des „Theaters des Verhinderns“ in all seinen Höhepunkten und Niederungen, seiner Verdienste um die folkloristische Identität Österreichs von der Lederhose bis zur Fahrschule Rempler, vor deren Plakat der Künstler in als Lachen getarnte Tränen ausbricht, bevor er auf das erste Plakat des Theaters der Verhinderung aufmerksam macht („Austria“, 1934, dem Jahr der katholischen Errettung Österreichs vor den Widrigkeiten der Demokratie).

Und gerade hier, in dieser (Ent-)Führung, wird Deutschbauers enge Verbindung zu Shakespeare evident. Als Edward deVere Earl of Oxford das Theater abschaffte und durch seine Einladung die Entdeckung des wahren Inhalts des Grabes in der Stratforder Holy Trinity Church verhinderte, war Schiller noch nicht geboren. Dieser große Dichter schrieb - wie nicht anders zu erwarten, „An die Freunde“ - folgende Zeilen: „Sehn wir doch das Große aller Zeiten / Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, / Sinnvoll still an uns vorübergehn. / Alles wiederholt sich nur im Leben, / Ewig jung ist nur die Phantasie; / Was sich nie und nirgends hat begeben, / Das allein veraltet nie!“ Natürlich wußte es Schiller besser: Es sind die Bretter, die „sinnvoll still an uns vorübergehn“, nichts wiederholt sich je und nichts stirbt schneller als die Phantasie. Die künstlerische Fiktion ist schließlich der Aufstand gegen eine Wirklichkeit, die in den Lichtern dieses Aufstands erst erkennbar wird.

Er hat Shakespeares Grab geöffnet

Dieses Erbe verwaltet nun unter anderen auch Julius Deutschbauer. Das „Was sich nie und nirgends hat begeben“, was also aus Motiven von Machtpolitiken abgeleugnet wurde bis zu seinem Erlöschen im kulturellen Bewußtsein und überschrieben ward, was also verhindert wurde, nur das bleibt. Und es bleibt wahr. Shakespeare ist so nie veraltet, ebenso das abgeschaffte und daher realisierte Theater. Die Religionen, die Gesetze - alles Popanze, die Wirklichkeit schaffen, sind und bleiben. Schiller wußte, daß es Welten sind, die Bretter bedeuten, wenn er auf das Paar Echtholzschier verweist, die eine Erfindung der Agentur des Verhinderns sind, ohne die das Plakat „Austria“, das einen lachenden Schifahrer darstellt, ja nicht möglich geworden wäre.

Was „sinnvoll still an uns vorübergeht“, dieses „Große aller Zeiten“, ist eben die gemachte Wirklichkeit, wenn sie luziferisch als Bühne gedeutet wird. Ein Sommernachtstraum. Um Kriege führen und Gewalt perfekt praktizieren zu können, müssen Wirklichkeiten abgeschafft werden. Das war im Englischen Bürgerkrieg so, und später wieder, und im „Realen“ Sozialismus und im „Nationalen“ sowieso. Alle Autorität räumt zuerst mit der Kunst und der Theorie auf und führt ihre Standards ein. Das „Theater des Verhinderns“ allerdings führt das Theater wieder als utilitaristische Wirklichkeit ein. Es tarnt sich als Agentur. Deutschbauer, der Speerschwinger, hat Shakespeares Grab, die Büchse der Pandora, geöffnet. Weil ihm alles, auch der Stein, heilig ist.


Fußnoten:
[1] vgl. Kurt Kreiler: „Der Mann, der Shakespeare erfand. Edward deVere Earl of Oxford", Frankfurt/Main und Leipzig: Insel Verlag 2009.
[2] Erst langsam setzt sich die Erkenntnis durch, daß die Welt schon mehrmals und auf verschiedene Arten, in unterschiedlichen Dimensionen und Ausmaßen untergegangen ist. Für die Welt selbst - also den Planeten Erde - ist der Weltuntergang also etwas ganz Normales. Dem entspricht, daß das Theater heute nicht viel vom doppelten Untergang des „Globe“, also von dessen wichtigstem Stück, weiß.


(9.12.2009)